Politik

Heroinabhängiger mit Spritze. Bei einer Überdosierung mit Atemlähmung kann das Medikament Naloxon helfen. (Foto: dpa)

12.10.2018

Die CSU bleibt stur – fragt sich nur, wie lange noch

Bayern geht neue Wege in der Suchtpolitik und startet ein Naloxon-Projekt – rätselhafterweise bleiben Drogenkonsumräume tabu

Bayern ist das Land mit den meisten Drogentoten – zugleich praktiziert der Freistaat eine besonders restriktive Suchtpolitik. Drogenkonsumräume, mit denen andere Länder gute Erfahrungen machen, sind für die CSU nach wie vor tabu. Damit würde ein falsches Signal ausgesendet, argumentieren christsoziale Gesundheitspolitiker; Drogenkonsum werde verharmlost. Weil man aber schließlich etwas unternehmen muss gegen Bayerns unrühmliche Spitzenposition bei den Drogentoten, startete jetzt, Anfang Oktober, ein bundesweit einmaliges Drogen-Modellprojekt: „BayTHN – Take Home Naloxon in Bayern“ soll Opiatabhängigen im Notfall helfen. Und so deren Leben retten. Bayerns Gesundheitsministerium gibt dafür in den kommenden Jahren 330 000 Euro aus.

Im Rahmen dieses Modellprojekts werden Suchtkranke sowie deren Angehörige darin geschult, das Medikament Naloxon richtig anzuwenden. Naloxon kommt als Nasenspray bei Überdosierungen zum Einsatz; es kann deren atemlähmende Wirkung innerhalb von drei Minuten aufheben. Geschult werden müssen die Helfer nicht nur darin, wie Naloxon verabreicht wird – dabei kann man relativ wenig falsch machen. Diffizil ist allerdings, sich nach der Naloxon-Gabe richtig zu verhalten. Denn Naloxon kann bei Süchtigen einen kalten Entzug auslösen, mit allen Symptomen. Zudem lässt die Wirkung von Naloxon nach 30 Minuten nach, man darf das Mittel also nicht einfach anwenden und den Abhängigen dann allein lassen. „Man muss immer einen Notarzt rufen“, erläutert der Regensburger Psychiatrieprofessor und Suchtexperte Norbert Wodarz, der das Pilotprojekt mit 450 Studienteilnehmern leitet.

Allerdings: Ein Drittel der Drogentoten stirbt gar nicht an den Folgen einer Überdosierung. Sondern an verunreinigten Spritzen oder der Verwendung von Ausweichdrogen wie Fentanyl. Experten weisen darauf hin, dass nirgendwo in Deutschland so häufig Ausweichdrogen konsumiert würden wie in Bayern. Diese Drogen sind teilweise gefährlicher als Heroin.

Dissens in der CSU: Die Münchner Stadträte und der Bezirkstagspräsident sind dafür, die Landtags-CSU ist dagegen

Helfen könnten Drogenkonsumräume, in denen Süchtige saubere Spritzen bekommen und in denen geschultes Personal in Notfällen rasch helfen kann. Mitgebrachte Drogen werden dort geduldet. Zahlreiche deutsche Großstädte setzen auf diese sogenannten Fixerstuben. Auch München würde gerne einen Drogenkonsumraum einrichten. Vor Kurzem haben sich alle Fraktionen im Stadtrat dafür ausgesprochen, inklusive CSU. Auch der Christsoziale Josef Mederer, Präsident des Bayerischen Bezirketages, plädiert für Drogenkonsumräume. Damit Städte Drogenkonsumräume schaffen können, müsste Bayern eine Landesverordnung ändern – wogegen sich die CSU-Regierung sperrt.

Die gute Nachricht: Alle anderen Landtagsfraktionen sahen das bislang anders. Eine Korrektur der sturen CSU-Drogenpolitik rückt also mit einer wahrscheinlichen Koalitionsregierung näher. Denn die Zahlen sind in der Tat erschreckend: 308 Menschen starben laut Bundesdrogenbericht 2017 in Bayern an den Folgen ihrer Drogensucht. Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen liegt mit 203 Drogentoten auf Platz zwei. (Waltraud Taschner)

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Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 12. Oktober 2018 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Hans Theiss
(CSU), Arzt, Münchner Stadtrat und Landtagskandidat

(JA)

Stephan Pilsinger (CSU), Arzt und Mitglied des Gesundheitsausschusses im Bundestag

(NEIN)

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