Der Journalist Ulrich Chaussy wünscht sich mit Blick auf das Wiesn-Attentat eine Reform des Bayerischen Rundfunks, die Autoren bessere Recherchemöglichkeiten sichert.
Im Dezember saß Ulrich Chaussy mit Kollegen des Bayerischen Rundfunk (BR) zusammen und beriet, wie man seinen Spielfilm, die Doku und das Webfeature zum Attentat auf das Oktoberfest in der ARD bewerben könnte. Jemand schlug vor zu behaupten, Chaussys Recherchen drängten den Generalbundesanwalt, die Ermittlungen nach über 30 Jahren neu aufzurollen. Das wäre eine Sensation. Chaussy wiegelte ab. Zu unwahrscheinlich. Die Sitzung war fast zu Ende, als ihn die Nachrichtenredaktion informierte, der Generalbundesanwalt kündige an, die Ermittlungen neu aufzunehmen. Chaussy war baff. „Ich dachte, mich tritt ein Pferd.“ Er informierte die Kollegen. Sie umarmten sich.
Das Attentat am 26. September 1980 war der schwerste Terroranschlag in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Die Bombe tötete 13 Menschen; 211 wurden verletzt – viele so schwer, dass sie ein Leben lang darunter leiden. Zu den Toten gehörte Gundolf Köhler, den die Ermittler der Öffentlichkeit als einzigen Attentäter präsentierten. Gegenteilige Hinweise blendeten sie aus.
Wenn ein Journalist dazu beigetragen hat, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen wurden, dann Chaussy. Seit 1976 arbeitet er als fester freier Mitarbeiter für den BR. Er konzipiert und moderiert Radiosendungen, recherchiert Stoffe, die ihn interessieren: Er sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Was ist für ihn eine gute Story? Er hat das vor Jahren so formuliert: „Wenn ich das Gefühl bekomme, da gibt es eine offizielle Wahrheit, die komplett ganz bestimmte Bereiche ausspart, ausblendet, verdrängt. Das macht mich zornig. Da will ich gerne was dran ändern.“ Wie die Theorie vom Einzeltäter beim Oktoberfest-Attentat. Solche Geschichten zu erzählen und aufzuklären, das sei Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, glaubt Chaussy.
Chaussy steht für den Spagat des Bayerischen Rundfunks. Der Sender steckt in seiner größten Reform. Chaussy ist einer, der aus dem alten BR kommt und zugleich das Neue umsetzt: Er, der seit 35 Jahren Hörfunk macht, platzierte seinen Stoff auf allen Plattformen, die der BR bedient: Radio, Fernsehen, Internet. Im Fernsehen lief seine Recherche als Dokumentar- und als Spielfilm. So verkörpert er die trimediale Zukunft und geriet zum preisgekrönten Vorzeige-Reporter des Hauses. Am 13. Oktober wiederholt der BR den Spielfilm Der blinde Fleck und danach die Dokumentation, beide von Daniel Harrich und Ulrich Chaussy, die in der ARD liefen. Arte zeigt Der blinde Fleck am 10. und 23. Oktober.
Mit Webfeatures erreicht der BR jüngeres Publikum
Dass sein Stoff auf diesen Plattformen landete, verdankte er seiner Recherche. Die Ermittlungen waren längst eingestellt, da produzierte er einen kurzen Rundfunkbeitrag über Zweifel an der Alleintäterthese, die ein Anwalt der Opfer hegte. Daraufhin erhielt er anonym Ermittlungsakten zugespielt. Er berichtete darüber im BR und schrieb ein Buch. Seine These: Die Ermittlungen wurden mit einer falschen Begründung zu Unrecht eingestellt, weil der rechtsradikale Hintergrund der Politik nicht passte. Er recherchierte weiter, um die Verantwortlichen für die Vertuschung und mögliche Mittäter zu finden.
Er fand Zeugenhinweise auf eine zweite Bombe, auf Mittäter und Mitwisser, auf eine abgerissene Hand, die unmöglich Köhler gehören kann. Der Spielfilm führte dazu, dass sich neue Zeugen meldeten. Bei einer Vorführung im Landtag brachte Chaussy den Innenminister dazu, Akten zugänglich zu machen. In Momenten, in denen seine Beharrlichkeit gelobt wird, wehrt Chaussy ab und spricht von den „toten Jahren“: Zeiten, in denen nichts passierte.
Gemeinsam mit dem Filmemacher Daniel Harrich schrieb er das Drehbuch, und mit Thomas Sessner produzierte er ein Webfeature. „Wir denken von der Geschichte her“, sagt Sessner, der im BR zehn Mitarbeiter für Webfeatures beschäftigt: Tatsächlich erreiche man auf diesem Weg „deutlich jüngeres Publikum“, sagt er. Deutlich heißt: um Jahrzehnte jünger, und das ist eines der Ziele der Reform. Das Webfeature verzeichnete mehr als zwei Millionen Zugriffe.
Die BR-Reform ängstigt viele. Vor allem die rund 1500 festen freien Mitarbeiter der insgesamt 5000 Beschäftigten fürchten Etatverlagerungen und Einsparungen. Redaktionen verlieren Sendeplätze – und bangen um ihre Bedeutung. Genaues wissen sie oft nicht. Klar ist, dass die Reform Jahre dauern und die Trimedialität Arbeitsabläufe grundlegend ändern wird. Statt getrennten Fachredaktionen für Fernsehen und Hörfunk soll es künftig eine große Redaktion geben, die Inhalte für alle Ausspielwege produziert. Mitarbeiter sollen sich auf Recherche oder das Storytelling spezialisieren; Fachjournalisten beliefern nicht mehr nur ihre eigenen Sendungen, sondern alle Plattformen. 2014 schuf der BR eine Informationsdirektion, die Redaktionen ab 2016 inhaltlich bündeln soll. Für 2017 ist ein Neubau in München-Freimann geplant; dort sollen alle Redaktionen zusammengeführt werden. Ulrich Chaussy wünscht sich eine Reform, die es Autoren ermöglicht, an ihren Stoffen dranzubleiben – so wie er es beim Oktoberfest-Attentat getan hat.
Dass sich Hörgewohnheiten ändern, das verstehe er, sagt Chaussy. Aber deshalb dürfe man komplexe Stoffe nicht vernachlässigen. Er sei jetzt 35 Jahre im Geschäft. „Ich habe immer wieder erleben müssen, dass die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums sich angeblich immer weiter reduziere. Seit ich im Job bin, gibt es diese von der Medienforschung legitimierte Richtung, die jedes ausführliche tiefergehende erzählende und investigative Format permanent in Frage stellt. Seit Jahrzehnten erlebe ich, dass behauptet wird, die Leute würden dem nicht mehr folgen. An dem Punkt bin ich altmodisch und behaupte: Wenn man eine Geschichte gut erzählt, ist die Frage des Formats sekundär.“ (Thomas Schuler)
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