Die AfD wurde im September Opfer eines Hackerangriffs. Öffentlich wurde das am 19. Oktober, als über 420 000 mutmaßliche E-Mails veröffentlicht wurden. Die Mails stammen aus der Zeit von März 2013 bis September 2026. Verschiedene Medien wühlen sich derzeit durch das Material. Es geht unter anderem um mutmaßlich illegale Parteispenden oder eine verkaufte Hakenkreuzfahne.
Was wurde erbeutet und veröffentlicht?
Hacker erbeuteten mehr als 420 000 Originalmails von AfD-Postfächern. Auf der Webseite hexane.cc finden sich KI-generierte Zusammenfassungen. Auch die vollständigen Originalmails lassen sich dort mit einem gewissen technischen Aufwand sichern. Diversen Medien, darunter Staatszeitung und Münchner Merkur, liegen die fast 300 Gigabyte an Daten vor.
Eine Hackergruppe hat sich zu dem Datenklau bekannt. Zwei Hacker gewährten Zeit.de ein digital geführtes Interview, in dem sie sagten, sie wollten mit ihrer Aktion Missstände wie Korruption aufdecken. Einer der Hacker erklärte, er sei in der Ukraine geboren und aufgewachsen und lebe in den USA. Ob diese Angaben stimmen, konnte nicht überprüft werden.
Was kam bisher raus?
Die Mails bieten unter anderem Einblick in interne Streitereien oder Verfehlungen von Mitgliedern wie eine verkaufte Hakenkreuzflagge. Die bislang relevanteste Enthüllung: Die ausgewerteten Daten legen nach Recherchen mehrerer Medien nahe, dass AfD-Parteichefin Alice Weidel früher als bislang dargestellt von umstrittenen Parteispenden aus der Schweiz im Vorfeld des Bundestagswahlkampfs 2017 gewusst haben könnte. Weidel, deren Büro eine Anfrage der Staatszeitung unbeantwortet ließ, erklärte dagegen im Spiegel, dass sie „keine ihrer Aussagen in der Causa“ revidiere. Es geht dabei um Vorgänge aus dem Jahr 2017, kurz vor dem AfD-Einzug in den Bundestag. Weidels Kreisverband erhielt 132.000 Euro Spenden aus der Schweiz, in mehreren Tranchen, für Weidels Social-Media-Wahlkampf. Nach dem Parteiengesetz waren die Spenden illegal. Die Staatsanwaltschaft stellte damals die Ermittlungen gegen Weidel ein, die AfD zahlte 400 000 Euro an die Bundestagsverwaltung, die Sache galt als erledigt.
Ist das Erbeuten und Veröffentlichen der Daten legal?
Das Eindringen in Server ist eine Straftat. Das Weiterverbreiten in den meisten Fällen ebenfalls. Es ist Privatpersonen nicht ausdrücklich verboten, die Leaks im Netz anzuschauen. Für Medien gilt: Sie dürfen die öffentlich gewordenen Daten unter bestimmten Voraussetzungen auswerten. Denn selbst illegal erlangte Informationen dürfen veröffentlicht werden, wenn das öffentliche Interesse überwiegt. Das aber muss für jede Einzelinfo geprüft werden. Erlaubt ist etwa das Veröffentlichen von Inhalten, die auf mutmaßlich verfassungsfeindliche Bestrebungen einer Partei oder Organisation oder mögliche Rechtsverstöße hindeuten. Der Verfassungsschutz darf die erbeuteten Daten auswerten, auch mit Blick auf ein mögliches AfD-Verbotsverfahren.
Könnten die Mails gefälscht sein?
Viele der erbeuteten Mails sind unverschlüsselt, also nicht fälschungssicher. Fachleute halten die im Datensatz enthaltenen Dateien jedoch für authentisch. Auch einige AfD-Politiker sowie Journalisten, deren Mails darin aufgeführt sind, bestätigten die Echtheit. Zwar wurden in sozialen Medien mehrere gefälschte Screenshots veröffentlicht – diese finden sich jedoch nicht in dem Original-Datensatz.
Ein Teil der Mails ist per digitaler Signatur verschlüsselt. Solche Inhalte gelten als weitgehend fälschungssicher. Medien müssen allerdings auch bei vermeintlich echten Mails überprüfen, ob Inhalte tatsächlich der Wahrheit entsprechen.
Wie lang dauert das Auswerten? Wird KI eingesetzt?
Die Auswertung wird noch Monate dauern. Sowohl die Hacker als auch Redaktionen nutzen KI, um die riesigen Datenmengen zu strukturieren.
Wurden in Deutschland schon mal Parteien gehackt?
Ja. Im Januar 2023 wurde etwa der SPD-Parteivorstand Opfer eines Hackerangriffs. Die Bundesregierung teilte auf eine Anfrage der AfD mit, dass sie den Angriff „einem Akteur mit Verbindungen zum russischen Geheimdienst GRU“ zuordnet. Die CDU wurde kurz vor der Europawahl 2024 Opfer einer Cyber-attacke. Ermittlungsbehörden vermuten dahinter den chinesischen Geheimdienst. Im März 2026 traf ein Cyberangriff die Linke. Die russische Hackergruppe Qilin bekannte sich dazu.
In keinem der genannten Fälle wurden Daten in größerem Stil veröffentlicht.
Was sagt die AfD dazu?
Die Partei beklagt, dass die „politisch stärkste Kraft“ beschädigt werden solle. Der Fraktionschef der Landtags-AfD, Ulrich Singer, beanstandet, dass der Datenschutz in Deutschland „teilweise absurde Ausmaße“ aufweise, doch bei „rechtswidrig erbeuteten“ Mails in den Hintergrund trete. Den Inhalt des gehackten Materials erklären von der BSZ angefragte AfD-Politiker unisono für unbedeutend. Sie enthielten „kein belastbares Material“ für ein Verbotsverfahren. Ulrich Singer sagt: „Einzelne möglicherweise kritikwürdige Äußerungen ändern daran nichts.“ Der AfD-Europaabgeordnete Petr Bystron nennt es zudem einen „Skandal“, dass die Daten immer noch online sind.
Wird es der AfD schaden?
Das ist offen. In jüngsten Umfragen verlor die AfD zwar an Zustimmung. Doch in den vergangenen Jahren schadeten Affären der Partei kaum. Möglicherweise führt der Hack sogar zu einer Solidarisierung von Sympathisanten mit der Partei. Der AfD-Landtagsabgeordnete Rene Dierkes glaubt: Langfristige Auswirkungen auf „unsere steigenden Umfragewerte wird dies so oder so nicht haben“.
Sollten noch heikle Dinge auftauchen, könnte dies den AfD-Verbotsbefürwortern aber neue Munition geben.
(Tobias Lill, Waltrtaud Taschner)
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!