Politik

Wahlkampf im Talkshowformat: Natascha Kohnen und Franziska Giffey sprechen über viele Themen, nicht aber über Umfragewerte und die AfD. (Foto: BSZ)

14.09.2018

Ein Wohlfühlabend für die geschundene SPD-Seele

Serie Wahlkampf in Bayern – Teil 3 (SPD): Natascha Kohnen trifft Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) – launig geben die beiden Frauen Einblicke in ihr Leben

Mit dem Format „Kohnen plus“ reist die Spitzenkandidatin der SPD durch ganz Bayern. Ein Talkabend mit jeweils einem Gast – aus Politik, Kultur oder dem ganz normalen Leben. Locker plaudert Natascha Kohnen in Unterhaching bei München mit Franziska Giffey über Kinder, Kitas und Dialekt. Das Ziel: den Menschen hinter der Politikerin zeigen. Das gelingt – und trotzdem bleibt mancher Gast ratlos zurück.

„Ich glaube, man weiß einfach nicht, wofür die SPD steht“, sagt der Jurastudent. Der 24-Jährige ist an diesen Abend ins Kultur- und Bildungszentrum in Unterhaching bei München gekommen, wo die SPD-Chefin Natascha Kohnen im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Kohnen Plus“ Bundesfamilienministerin Franziska Giffey trifft. „Die Grünen kämpfen für Umweltschutz, die AfD ist die Partei der Angst, und die CSU will, dass alles so bleibt, wie es ist“, zählt der der junge Mann auf. Bei der SPD, die in der jüngsten Bayerntrend-Umfrage des Bayerischen Rundfunks gerade einmal auf 11 Prozent kommt, aber sieht er kein wirkliches Ziel. „Sie zeigt zwar in der großen Koalition, dass sie eine gute Kompromiss-Partei ist“, sagt er. „Aber ein Kompromiss kann doch kein wirkliches Ziel sein.“ Wo der Student am 14. Oktober sein Kreuz macht, weiß er noch nicht. „Vom Spitzenpersonal her ist die CSU nicht wählbar“, erklärt er. „Jetzt will ich wissen, wie die SPD-Spitzenkandidatin so ist“, sagt der Student. Die Aufmerksamkeit durch die Medien sei ja eher mau.

Als Gegenpol zu Söder: Kohnen will zeigen, dass sie auch zuhören kann

Tatsächlich ist das Gesprächsformat „Kohnen plus“ genau dafür gedacht: den Menschen hinter der Politikerin zu zeigen. „Ich bin der Überzeugung, die Leute müssen uns auch mal kennenlernen“, erklärt Kohnen das Konzept, mit dem sie seit Monaten durch Bayern tourt. Bierzelt ist ihre Sache nicht. Lieber trifft sie immer wieder einen anderen Gast, mal einen Autor wie Jan Weiler, mal einen Kabarettisten wie Urban Priol, und zeigt, dass sie auch zuhören kann. Jetzt – in der heißen Wahlkampfphase – hat sie verstärkt auch Prominenz aus der Bundes-SPD geladen. Außenminister Heiko Maas war gerade da, nun also sitzt Franziska Giffey mit Kohnen am knallroten Tisch auf der Bühne.

Launig geben die beiden Einblicke in ihr Leben – auch viel Privates ist dabei. Kohnen erzählt von Hannah und Paul, ihren Kindern. Giffey von Sohn Leonard. Mère poule, Glucke, sei sie in Paris, wo sie einige Zeit gelebt hatte, genannt worden, erzählt Kohnen. Weil sie Sohn Paul immer schon am späten Mittag aus der Kita holte. Erst später habe sie erkannt, wie „dumm“ es war, den Kleinen aus der Gruppe zu reißen, während die anderen Kinder, wie in Frankreich üblich, den ganzen Tag dort spielten. Zurück in Deutschland dann ein Erlebnis der gegenteiligen Art: Als sie den Bürgermeister von Neubiberg nach einem Kitaplatz fragte, sagte der: „Na, Kitas brauch ma ned. Wenn Frauen frei ham, gehen’s eh nur shoppen.“ Das war 1999.

Freilich geht es bei der anekdotenreichen, lockeren Plauderei auch darum, die für die SPD wichtigen Themen anzubringen. „Nach einem Jahr hatte mein Sohn alle Schubladen daheim durch“, erzählt zum Beispiel Giffey, um zu zeigen, wie viele Vorteile der Kitabesuch auch wohlbehüteten Kindern bringt. Und um sogleich auf ihren Entwurf zu einem Gute-Kita-Gesetz hinzuweisen. Es soll die Qualität der Kinderbetreuung steigern und die Gebühren für die Eltern verringern. Als ehemalige Bürgermeisterin des Berliner Problembezirkes Neukölln weiß Giffey aber auch, wie wichtig eine gute Kita-Versorgung gerade für Kinder aus bildungsfernen und in prekären Verhältnissen lebenden Familien ist. „Kita ist die erste Bildungseinrichtung, die Kinder besuchen, auch wenn das noch nicht überall angekommen ist“, sagt sie. Die kostenfreie Kita ist auch ein wichtiger Punkt im Wahlprogramm der Bayern-SPD. „Ja, das kostet eine Menge Geld“, gibt Kohnen zu, sei aber finanzierbar, wenn man die Familienleistungen zusammenziehe. Auf die Idee, für die Schule Geld zu verlangen, komme ja auch keiner.

Im Publikum sind viele Genossen: Mit einer Erklärung für das Umfragetief tun sich die meisten schwer

Das gibt wie so oft an diesem Abend viel Applaus von den rund 300 Gästen in Saal. Die meisten sind Genossen und in erster Linie wegen Giffey da. Kohnen kennen viele schon persönlich, von Unterhaching ist deren Wohnort Neubiberg nur ein Steinwurf entfernt. Und so wissen sie bereits, dass Kohnen schon als Schülerin die Brutalität der Staatsmacht erschreckte. Ihr Direktor vom Münchner Luisengymnasium hatte damals für die Schüler zwei Busse für eine Fahrt nach Wackersdorf gemietet.

Es ist vor allem die erfrischend direkte Art der berlinernden Giffey, die die Zuhörer überrascht. „Mein Job war es, die EU-Kohle nach Neukölln zu holen“, erzählt sie zum Beispiel unverblümt über ihre Anfänge im Neuköllner Rathaus. Und dass sie eigentlich Lehrerin werden wollte, ihre Stimme da aber nicht mitmachte. Der Vorteil an ihrem jetzigen Job: „Da haste immer ein Mikrofon“, sagt Giffey und lacht.

„Die Frau ist der Hammer“, findet am Ende nicht nur die 31-jährige Ramona Greiner, SPD-Bezirkstagskandidatin für München Süd. Und Erich Leiter, Vorsitzender der SPD Aying, schwärmt: „Die is guad, die gfallt ma.“ So gerät die Veranstaltung zu einem Wohlfühlabend, der etwas Labsal ist für die geschundene SPD-Seele angesichts notorisch katastrophaler Umfragewerte. Mit einer Erklärung für das Umfragetief tun sich die meisten jedoch schwer. An Personal und Themen liege es nicht, so die vorherrschende Meinung.

Bezirkstagskandidatin Greiner hält viel von Kohnen. Ihr merke man die Begeisterung für die Sache an. Greiner empfiehlt den Genossen aber, darauf zu achten, sich nicht so oft in Diskussionen zu verlieren und keine unterschiedlichen Signale auszusenden. Der 37-jährige Leiter aus Aying wird konkreter: „Das Problem ist, dass sich die SPD dauerhaft unter Wert verkauft, vor allem in der Koalition in Berlin.“ Er wünscht sich, dass die Partei ihre Themen wie Rente, Pflege und Mindestlohn, der aus seiner Sicht nach wie vor zu niedrig ist, stärker in den Fokus rückt. Sich im bayerischen Wahlkampf vor allem auf Wohnen und Bauen zu versteifen, hält er für falsch. „Ja, das Thema ist brisant“, betont er. „Aber nur für die Großstädte. Nicht für Oberfranken zum Beispiel, wo ganze Dörfer leer werden.“

Bezahlbares Wohnen: Selbst manchem Genossen ist das Thema zu stark im Fokus

Das Thema Wohnungsmangel kommt zumindest an diesem Abend nur am Rande vor, man konzentriert sich vor allem auf Bereiche aus dem Ressort Giffeys, auf Gleichstellung und Ganztagsschule zum Beispiel. Auch Söders Familiengeld bekommt seinen gebührenden Platz: „Wahlkampfgeschenke auf den Rücken der sozial Schwächsten“, kanzelt Kohnen die Leistung ab, über die ein Streit entbrannt ist, ob sie bei Hartz-IV-Empfängern angerechnet wird. „Das find ich unanständig“, wettert Kohnen, es ist das einzige Mal an diesem Abend, dass sie etwas lauter wird.

Die AfD dagegen wird mit keinem Wort erwähnt. Nur einmal kurz, als Giffey ihr geplantes Demokratieförderungsgesetz erklärt – damit sollen Projekte zivilgesellschaftlicher Organisationen auf eine sichere finanzielle Basis gestellt werden –, blitzt die Debatte um Chemnitz auf. „Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass das Gesetz dringend notwendig ist“, sagt die Ministerin. Die Menschen bräuchten Sicherheit, erklärt sie, sie müssten sehen, dass sie ihren Platz in der Gesellschaft haben, und dass ihnen niemand etwas streitig macht. „Wir reden immer nur über Angst und Hetze“, pflichtet Kohnen ihr bei. „Lasst uns über die Dinge reden, die jeden im tagtäglichen Leben beschäftigen“, fordert sie. Und das sei in erster Linie, ob man sich das Dach über dem Kopf noch leisten könne.

Nur: Bei den Wählern scheint diese Strategie nicht recht zu verfangen. Die SPD verweist zwar regelmäßig auf die hohe Zahl von noch Unentschiedenen, doch aktuell liegt sie laut Bayerntrend sogar sechs Prozentpunkte hinter den Grünen. Was machen die besser als die SPD? „Sie haben Erfolg, weil sie das Thema Umwelt viel stärker fahren“, meint der Ayinger SPD-Vorsitzende Leiter. „Wenn eine Frau Nahles sagt, dass man Braunkohle noch länger abbauen müsse, ist es doch kein Wunder, wenn die Leute eher grün wählen“, macht er seinem Ärger über die SPD-Bundesvorsitzende Luft. Er betont: „Ich kämpfe in der SPD für die grünen Themen.“

Auf der Bühne werden die Umfrageergebnisse dagegen überhaupt nicht angesprochen. Lieber will Giffey von Kohnen wissen: „Kannst du auch bairisch?“ Ganz authentisch klingt es zwar nicht, als Kohnen sagt: „Servus Katharina, geht’s da guad.“ Aber der Saal lacht über den sympathischen Versuch. Und für die gebürtige Brandenburgerin Giffey reicht’s.

Einer allerdings bleibt am Ende des Abends etwas ratlos zurück: der Jurastudent, der sich ein Bild von Spitzenkandidatin Kohnen machen wollte. „Ich finde schade, dass es so viel um Frau Giffey ging, und so wenig um die Landespolitik“, bedauert er. Kann er sich trotzdem vorstellen, Kohnen und ihre SPD zu wählen? „Ich bin noch unentschieden“, sagt er und geht.
(Angelika Kahl)

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