Politik

Bisher waren nur Trainingsspiele erlaubt. Ab 19. September dürfen Amateurfußballer wieder im Wettbewerb gegeneinander antreten. (Foto: dpa/Julian Stratenschulte)

11.09.2020

Gewaltige Geldsorgen

Die Staatsregierung erlaubt wieder Amateurspiele – doch die Not vieler Verbände bleibt weiterhin groß

Am Schluss kam die Entscheidung selbst für den Präsidenten des Bayerischen Fußballverbands (BFV), Rainer Koch, „überraschend“: Ab 19. September darf in Bayern nach sechs Monaten Spielverbot wieder offiziell gegeneinander gekickt werden – bisher waren den 4500 Fußballvereinen von staatlicher Seite aus nur Trainingsspiele erlaubt. „Viele haben gesagt, dass das nie und nimmer so schnell klappen würde“, sagte Koch am Dienstag. Kurz zuvor hatte Bayerns Sportminister Joachim Herrmann (CSU) verkündet, dass in gut einer Woche in allen Sportarten, unabhängig davon, ob sie im Freien oder in der Halle ausgeführt werden, wieder Wettbewerbe stattfinden dürfen.

Herrmann betonte, es habe weder ein signifikant erhöhtes Corona-Infektionsrisiko im Sport gegeben, noch eine erhöhte Gefährdung durch den bereits erlaubten Trainingsbetrieb von Sportarten mit Kontakt. Bei Kampfsportarten wie beim Ringen gilt dennoch eine Obergrenze von 20 Personen pro Wettkampf. Warum der Re-Start trotz des geringen Ansteckungsrisikos erst jetzt zugelassen wurde? Gegenüber den Sportverbänden verwies die Staatsregierung immer auf die Corona-Schutzverordnung. Allerdings waren zu dieser Zeit bei einer Premiere im Münchner Nationaltheater schon 500 Personen zugelassen worden. Viele fanden das nicht nachvollziehbar.

Immerhin: Ab 19. September sollen jetzt auch im Amateurbereich wieder Fans erlaubt sein. Analog wie bei den Kulturveranstaltungen sind in Bayern dann in geschlossenen Räumen 100, unter freiem Himmel 200 Personen zugelassen. Wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, gilt bei Stehplätzen eine Maskenpflicht. Bei zugewiesenen und gekennzeichneten Sitzplätzen verdoppelt sich die erlaubte Besucherzahl.

Dass die Staatsregierung ihre harte Linie über Nacht aufgegeben hat, dürfte allerdings kein Zufall sein. Ursprünglich wollte sich das Kabinett frühestens am 14. September mit dem Amateursport befassen. Wegen der erforderlichen Vorlaufzeit wäre ein Spielbeginn daher nicht vor Oktober möglich gewesen. Daher hatte der BFV am Montag seine 1,6 Millionen Mitglieder an die Urne gebeten. Sie sollten darüber abstimmen, ob die Fortsetzung des Spielbetriebs vor Gericht erstritten werden soll. Die BFV-Anwälte sahen eine Ungleichbehandlung des Amateurfußballs durch die Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung. Andere Bundesländer hatten zu diesem Zeitpunkt längst wieder Spiele und Fans erlaubt – in Baden-Württemberg bis zu 500. Entsprechend sprachen sich über 80 Prozent der Vereine für den Rechtsweg aus. Das hat sich jetzt erledigt.

„Dieser Erfolg war möglich, weil wir Geschlossenheit bewiesen haben“, betonte Koch. Er hätte Rückenwind von 30 Präsidenten anderer Sportverbände gehabt. Tatsächlich bewies der BFV aber auch eine gute Kampagnenfähigkeit. Die Klagedrohung gegen die Staatsregierung hat die mediale Berichterstattung über die Situation der Amateursportler angefacht. Plötzlich kritisierte auch die Landtagsopposition die „schleppenden Lockerungsmaßnahmen“. Grüne, SPD und FDP forderten, den Amateurvereinen endlich eine klare Perspektive zu geben. Dass es bisher kein Konzept gab, nannte Alexander Muthmann (FDP) „einen Schlag ins Gesicht“ des Amateursports.

Kein Geld, wenig Nachwuchs

Ob durch die Lockerungen aber schnell alles wieder beim Alten ist, darf bezweifelt werden. In Bayern finden allein beim Fußball jedes Wochenende 14 000 Spiele statt – das lässt sich nicht mal eben nachholen. Die Eintrittsgelder sind neben den Mitgliedsbeiträgen die größte Einnahmequelle der Vereine. Die wirtschaftlichen Auswirkungen durch die Spielpause haben beim BFV bereits jetzt „höchst besorgniserregende Formen“ angenommen. Ähnlich ergeht es dem Deutschen Eishockey-Bund. Da fünf der zehn Clubs aus Bayern kommen, musste der Saisonstart der bundesweiten Nachwuchsliga komplett abgesagt werden. Das führte auch zu Einnahmeeinbußen in anderen Bundesländern.

Das bayerische Innenministerium verweist auf die Vereinspauschalen in Höhe von insgesamt 20 Millionen Euro, die der Freistaat den rund 17 000 Sport- und Schützenvereinen jährlich überweist. Sie seien wegen der Spielausfälle dieses Jahr verdoppelt worden. Dabei wird hochqualitative Nachwuchsarbeit laut einer Sprecherin von Minister Herrmann besonders gefördert.

Nur: Ersten Erhebungen zufolge brechen den Vereinen gerade in den jüngsten Jahrgängen immer mehr Kinder weg. Beim BFV sind es bei den F-Junioren im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nahezu 20 Prozent – Tendenz steigend. Der bayerische Handballverband berichtet von „Unmut und Unzufriedenheit“ durch die lange Pause. „Je länger die Zeit ohne Wettkampfsport ist, desto schwieriger ist es, in Mannschaftssportarten den Bezug zur Mannschaft beziehungsweise zum Verein zu halten“, erklärt Tom Gailer vom bayerischen Volleyball-Verband. Viele Verbände fürchten auch, dass nach der langen Unterbrechung die Ehrenamtlichen nicht mehr zurückkommen.

Der bayerische American Football Verband (AFVBy) hat schon vor der Entscheidung der Staatsregierung die Reißleine gezogen. Trotz der Wettkampferlaubnis werden dieses Jahr keine Spiele mehr ausgetragen. Die unterschiedlichen Bestimmungen in den jeweiligen Bundesländern haben den Bundesverband kapitulieren lassen. Ohne große Einnahmen aus Eintrittsgeldern und Catering lohne es sich einfach nicht, heißt es aus dem AFVBy-Präsidium. Hinzu kommt: Viele lokale Sponsoren sind abgesprungen, weil sie wegen der unfreiwilligen Betriebsschließungen selber finanzielle Probleme bekommen haben. Wie, wann und ob es überhaupt für alle Mannschaften weitergeht, ist unklar. Da laufende Kosten nicht ohne Weiteres reduziert werden konnten, sind laut AFVBy schon erste Vereine in finanzielle Bedrängnis geraten. (David Lohmann)

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