Tausende Schülerinnen und Schüler bleiben dem Unterricht in Bayern regelmäßig fern – und es werden jedes Jahr mehr. Mit gravierenden Folgen für den weiteren Lebensweg der jungen Menschen – und die Allgemeinheit. Wer oft die Schule schwänzt, verliert den Anschluss und riskiert, am Ende die Schule ohne Abschluss zu verlassen. Laut Studien beziehen Schulabbrecher später oft Sozialleistungen. Umso erstaunlicher ist, dass nirgendwo im Freistaat zentral Daten dazu gesammelt werden.
Den einzigen Anhaltspunkt liefern die eingeleiteten Bußgeldverfahren. Die sind aber erst der letzte Eskalationsschritt – wenn Gesprächsversuche und Maßnahmen wie Nachsitzen, Versetzen in eine andere Klasse oder Verweise nichts gebracht haben. Aber auch die Bußgeldverfahren werden nicht bayernweit erfasst. „Die Ahndung von Verstößen gegen die Schulpflicht fällt grundsätzlich in den Zuständigkeitsbereich der Schulbehörden beziehungsweise der Kreisverwaltungsbehörden“, teilt das Landeskriminalamt mit.
Überall steigen die Zahlen
Eine Anfrage bei den drei größten bayerischen Städten und dem Landkreis München zeigt: Es besteht offensichtlich Handlungsbedarf. Allein in der Landeshauptstadt München wurden im vergangenen Jahr 2844 Bußgeldverfahren eingeleitet, fast 100 mehr als im Vorjahr. Am Ende wurden 2128 Bußgeldbescheide verhängt, insgesamt wurden 623.877 Euro fällig. Je nach Schwere des Verstoßes und den finanziellen Mitteln der Betroffenen sind Bußgelder zwischen 5 und 1000 Euro möglich.
Bemerkenswert: An Gymnasien oder Wirtschaftsschulen gab es kaum Anzeigen. Dafür aber massenhaft an Berufsschulen (1179 Anzeigen), Mittelschulen (812), Grundschulen (624) und Förderschulen (136). Auch im Landkreis München hat die Zahl der Verfahren zugenommen: von 71 Fällen im Jahr 2022 auf 247 Fälle im vergangenen Jahr. In Nürnberg ergibt sich das gleiche Bild: Im vergangenen Jahr gab es 1848 Anzeigen, im Jahr 2024 waren es 1529. Die Stadt Augsburg liefert Zahlen aus dem laufenden Schuljahr: Seit September leitete das Ordnungsamt schon 225 Verfahren ein, die meisten an Berufsschulen und Mittelschulen.
Eine neue Studie bringt Licht ins Dunkel
Zu den Gründen können die Kommunen wenig sagen, es fehlt an Datenmaterial. Eine Studie der Unis Leipzig und Flensburg im Auftrag des Kultusministeriums Schleswig-Holsteins will mehr Licht ins Dunkel bringen. Ein jetzt veröffentlichtes Zwischenfazit zeigt die Ausmaße: Demnach kommt sogar jeder zweite Neuntklässler an Gemeinschaftsschulen regelmäßig nicht in den Unterricht. Laut Heinrich Ricking, dem Leiter der Studie, kämpfen besonders Schulen mit erhöhtem Sozialindex mit notorischen Schulschwänzern. Ein hoher Sozialindex deutet etwa auf Armut, Migrationshintergrund und/oder einen niedrigen Bildungsstand der Eltern bei einem Großteil der Schüler hin.
Das Elternhaus spielt also wie erwartet eine große Rolle, und zwar nicht nur in sozioökonomischer Hinsicht, erklärt Ricking, der Professor an der Uni Leipzig ist. Vermehrt tritt das Problem in Familien auf, die zerrüttet sind, in denen es viele Kinder gibt, bei denen schon ein Geschwisterkind die Schule abgebrochen hat, es nur geringe Erwartungen an den Schulerfolg der Kinder und nur wenig Kontakt zur Schule gibt.
Die Kinder und Jugendlichen, die oft die Schule schwänzen, haben laut dem Forscher besonders häufig Verhaltensprobleme, emotionale Probleme oder Lernschwierigkeiten. Ebenfalls oft betroffen: diejenigen, die ihr Geschlecht in der Studie mit „unentschieden“ angaben, sowie Schülerinnen und Schüler in Abschlussklassen. Allen gemein ist ein geringeres Wohlbefinden in mehreren Bereichen des schulischen Lebens. „Gefühl für Schulzugehörigkeit und Sicherheit sind die wichtigsten schulischen Schutzfaktoren.“
Appell an die Kultusministerien
Um Abhilfe zu schaffen, sieht der Wissenschaftler auch die Kultusministerien der Länder in der Pflicht. Der Ansatz, überwiegend auf rechtliche Sanktionen zu setzen, sei der falsche. „Schule sollte als angenehmer und hilfreicher Ort verstanden werden, in dem man sich wohlfühlt und wirksam lernen kann.“ Dafür brauche es neue bildungspolitische Konzepte. Gleichzeitig benötige man aber ein effektives Management von An- und Abwesenheit. Die Schulen müssten unmittelbar auf Fehlzeiten reagieren und Hilfe organisieren.
Bei der Reaktion fordert Oskar Atzinger, bildungspolitischer Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, ein härteres Vorgehen: „Schulschwänzer müssen konsequent aufgegriffen werden und gegen die untätigen Eltern muss notfalls Ordnungsgeld verhängt werden.“ Er vermutet als Teil des Problems, dass in vielen Familien mit Migrationshintergrund schulische Bildung nicht als wertvoll angesehen werde. Dem müsse man etwas entgegensetzen.
SPD-Abgeordnete: Bayern braucht ein zentrales Monitoring des Schulabsentismus
Das sieht Nicole Bäumler, die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion und selbst eine ehemalige Lehrerin, anders: „Finanzielle Strafen bringen kein Kind zurück in die Schule, das dort Angst oder Überforderung erlebt.“
Der hohe Leistungsdruck im bayerischen Schulsystem sei Teil des Problems. Da müsse man ansetzen. Um das Ausmaß zu erkennen, fordert sie zudem ein zentrales Monitoring des Schulabsentismus. Gespräche mit Fachleuten zeigten, dass die Zahl der Fälle überall stetig zunehme. Das Problem dürfe der Staat auch nicht einfach auf die Kommunen abwälzen. Oft fehle es vor Ort an Fachpersonal.
Es besteht zumindest die Hoffnung, dass sich künftig nicht nur Schleswig-Holstein intensiver mit dem Thema auseinandersetzt. „Das Interesse ist erfreulicherweise groß“, sagt Forscher Ricking. Es habe schon einige Nachfragen aus anderen Bundesländern gegeben. (Thorsten Stark)
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