2024 beschloss der Freistaat, weiterführende Schulen mit Tablets auszustatten, damit die Kinder schon ab der fünften Klasse damit arbeiten können. Ein Jahr später gab es die Rolle rückwärts. Doch die Staatsregierung versichert: Es soll weiter in die digitale Bildung investiert werden. In der Praxis gibt es einige Schwierigkeiten.
Medienbildung, höhere Unterrichtsqualität und mehr Bildungsgerechtigkeit durch die Bezuschussung von Tablets für alle: Die Pressemitteilung vom Juni 2024 zur Einführung der Digitalen Schule der Zukunft an weiterführenden Schulen strotzte nur so vor Positivität. Jede Schule sollte pro Jahr zwei Jahrgangsstufen nennen können, die mit Tablets versorgt werden. Die Rahmenbedingungen: Es gibt 350 Euro Zuschuss pro Gerät. Die Eltern beziehungsweise Kinder kaufen ein Tablet und können es dann auch privat nutzen. Es muss nur für den Einsatz an der Schule geeignet sein.
Überraschende Rolle rückwärts
Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) freute sich: „Die Ausstattung aller Schülerinnen und Schüler mit digitalen Endgeräten ist ein echter Meilenstein für unsere gesamte Schullandschaft.“ Die Umsetzung werde sorgfältig vorbereitet und geplant. „Dabei bekommen die Schulen größtmöglichen Gestaltungsspielraum: Sie entscheiden beispielsweise, wann sie starten, mit welchen Klassen und mit welchen Geräten.“
Nur ein Jahr später hörte sich das dann schon anders an: Nun entschied die Staatsregierung, dass grundsätzlich erst ab der achten Klasse flächendeckend Tablets eingeführt werden sollen. Bei Schulen mit besonderem digitalen Schwerpunkt sei aber ein Einstieg auch ab der siebten Klasse möglich. In den Jahrgängen fünf und sechs sollten dagegen erst einmal die Kernkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen im Vordergrund stehen. Viele Schulen fühlten sich vor den Kopf gestoßen, hatten sie doch schon entsprechende Unterrichtskonzepte ab der fünften Klasse entwickelt, Lehrkräfte zu Fortbildungen geschickt und zum Teil auch schon Geräte bestellt.
Inzwischen ist der Zorn bei Verbänden und Schulen etwas abgekühlt – auch weil die Staatsregierung Übergangsregelungen vereinbart hat. So seien die Schulen in der Lage, „ihr pädagogisches Konzept schrittweise anzupassen“, wie das Kultusministerium mitteilt. Heißt: In diesem und im nächsten Schuljahr darf noch alles beim Alten bleiben.
Der Ärger ist noch vorhanden
Aber der grundsätzliche Ärger über die kurzfristige Kehrtwende ist noch vorhanden. „Allmählich langt’s“, sagt etwa Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). „Wir wissen nicht mehr, mit wem wir neue Tendenzen besprechen sollen.“ Vereinbarungen mit der Kultusministerin hätten ja offenkundig wenig Bestand.
Auch beim Bayerischen Philologenverband (BPV) hadert man mit dem Vorgehen der Staatsregierung: 10 bis 15 Prozent der Gymnasien hatten bereits Pläne für die Tableteinführung ab der fünften Klasse. An diesen Schulen sei der Unmut groß. Der BPV befürwortet zwar einen späteren Einstieg in die Arbeit mit digitalen Endgeräten. Aber man hätte sich diese Entscheidung „bereits deutlich früher gewünscht“, erklärt BPV-Präsident Michael Schwägerl.
„Digitalisierung braucht Planungssicherheit, Zeit und Unterstützung – kein politisches Hin und Her“, sagt Benjamin Adjei, digitalpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion. Und anders als die Staatsregierung oder der BPV sieht er auch keinen Widerspruch zwischen dem frühen Arbeiten mit Tablets und der Konzentration aufs Lesen, Schreiben und Rechnen. „Im Gegenteil: Digitale Werkzeuge können helfen, Basiskompetenzen gezielt zu stärken und individuell zu fördern.“
Positive Erfahrugen
So sieht man es auch an der Mittelschule Peiting. Die Schule war eine der ersten, die sich an der Digitalen Schule der Zukunft beteiligten. Die Erfahrungen mit den Tablets seien „durchweg positiv“ berichtet Schulleiter Jochen Böhm. Und natürlich verwende man noch in jedem Fach auch Hefte und lese gedruckte Bücher. Mit dem Einstieg erst ab der achten Klasse blieben an der Mittelschule effektiv 16 Monate Zeit zur Nutzung. Zu wenig für das Konzept, das die Schule entwickelt hatte. Böhms Hoffnung: dass er dem Kultusministerium sein Digitalkonzept erläutern kann und dann zumindest eine Ausnahmegenehmigung erhält. Eingereicht hat er das Konzept bereits.
Das Interesse an der Digitalen Schule der Zukunft ist nach wie vor groß. Rund 12.200 Klassen wurden in diesem Schuljahr angemeldet. 57,5 Millionen Euro an Haushaltsmitteln hat der Freistaat für 2026 dafür reserviert. Aus Sicht des Kultusministeriums kann von einer digitalen Kehrtwende keine Rede sein.
150 bis 200 Euro muss man selbst zahlen
Das Geld, das durch die Einschränkung der Jahrgangsstufen bei der Beschaffung der Tablets nicht abgerufen wird, soll dann in einen anderen Fördertopf fließen: den zur Anschaffung von schuleigenen Leihtablets. Knapp 470.000 Geräte gibt es inzwischen. Diese können von Kindern genutzt werden, deren Eltern sich – trotz Zuschuss – kein Tablet leisten können. Außerdem könnten sie auch in der Unterstufe eingesetzt werden – „anlassbezogen und unter pädagogischer Anleitung der Lehrkräfte“, so ein Sprecher des Kultusministeriums. „So kann sichergestellt werden, dass die Lehrkräfte die Nutzung gezielt steuern und die Kinder schrittweise an einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien herangeführt werden.“
Für Jochen Böhm, den Schulleiter aus Peiting, wäre das aber auch mit Privattablets möglich. Er steht den Leihgeräten kritisch gegenüber. Diese böten im Vergleich „erhebliche Nachteile“. Schließlich müsse die Ausgabe der Geräte organisiert werden, die Schule müsse sich um die Wartung kümmern. Und es müsse immer geschaut werden, welche Daten von Vornutzern auf den Geräten noch zu löschen sind. Insgesamt bliebe so weniger Zeit zur Nutzung.
Aus zwölf Förderprogrammen wird ein Zuschuss
Immerhin: Ab 2027 könnte den Schulen einiger bürokratischer Aufwand erspart werden. So verspricht es zumindest die Staatsregierung. Aus bisher zwölf Förderprogrammen für Schuldigitalisierung soll ein gesetzlich verankerter Zuschuss werden. Gefördert werden Infrastruktur, Hardware, Software sowie Wartung und Pflege mit einer Pro-Kopf-Pauschale. Die können die Schulen dann nach eigenem Gusto einsetzen. Nur Kaufgeräte für Fünft- und Sechstklässler dürfen damit dann nicht mehr finanziert werden.
Ein Problem aber wird bleiben: Der Zuschuss von 350 Euro bei Kaufgeräten deckt nicht die tatsächlichen Gerätekosten ab. Laut Simone Fleischmann vom BLLV müssten die Familien mit 150 bis 200 Euro Eigenanteil rechnen – das ist viel Geld. In der Regel wird auch vorgegeben, welches Tablet angeschafft werden muss – damit alle das gleiche System nutzen können. Oft handelt es sich dabei um Apple-Produkte, die noch teurer als andere Tablets sind. Fleischmann fordert mehr Unterstützung für diejenigen, die sich das nicht leisten können.
(Thorsten Stark)
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