Politik

Schüler benutzen oft KI-Software – anders als auf dem Foto jedoch nicht immer mit Billigung der Schule. (Foto: dpa, Carmen Jaspersen)

18.01.2026

KI-Angriff auf das Bildungssystem

Viele Jugendliche schummeln bei Hausaufgaben und Klausuren – ChatGPT und Co zwingen die Schulen zum Umdenken

Künstliche Intelligenz (KI) hat längst auch in den Klassen- und Kinderzimmern Einzug gehalten. Nicht nur Lehrerverbände warnen, dass inzwischen viele Schülerinnen und Schüler ihre Hausaufgaben von der KI lösen lassen und die Software auch heimlich in Prüfungen einsetzen. Fachleute und Politik ringen um Lösungen.

Eindringlich schildert der Gymnasiast, was er inzwischen regelmäßig an seiner Schule erlebt: „Viele Schüler benutzen bereits in Klausuren ihr Handy zum Spicken und geben die ganze Klausur bei ChatGPT ein oder machen direkt ein Foto.“ Meist wird die Unruhe beim Austeilen der Klausur dafür genutzt. Die einen leiten das Foto dann an einen Freund weiter, der für sie die Lösung recherchiert, andere verschwinden irgendwann mit dem Handy auf dem Klo.

Damit sind sie laut dem Gymnasiasten, der sich my-name-is-aki nennt, äußerst erfolgreich, wie er in einem Beitrag auf der Plattform Reddit beklagt: „Diese Schüler kommen 90% davon damit durch und selbst wenn sie erwischt werden, dann sind es halt einmal 0 Punkte und sonst immer etwas zwischen 10-15 Punkten.“ Bestätigung erhält er von etlichen anderen Schülerinnen und Schülern der auf Plattform: Bei ihnen sei es genauso. Wenn man sich an bayerischen Schulen umhört, dann ist klar: Die KI-Schummelei ist ein Massenphänomen. Und die Ehrlichen, wie der junge Gymnasiast, sind die Dummen.

Im Herbst 2022 wurde die textbasierte künstliche Intelligenz ChatGPT veröffentlicht und binnen kürzester Zeit weltweit populär. Gut drei Jahre später gehört das Nutzen von KI für viele zum Alltag. Wir fragen ChatGPT und ihre Kolleginnen, wenn wir ein Kochrezept brauchen, ein Gedicht für Opas 75. Geburtstag oder eine fertige Power-Point-Präsentation für die nächste Konferenz. Die KI erstellt Programmiercodes, Bilder, Musik und Videos.

Und natürlich wird sie auch an Schulen rege genutzt: Mittlerweile 74 Prozent der 12- bis 19-Jährigen in Deutschland verwenden künstliche Intelligenz für Hausaufgaben und zum Lernen. Das ergab eine Befragung im Rahmen der JIM-Studie, die jährlich das Mediennutzungsverhalten junger Menschen untersucht. Eine Steigerung um mehr als 10 Prozent in nur einem Jahr.

Das hat natürlich Konsequenzen, wie auch eine andere Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom zeigt: Ein knappes Viertel der befragten Jugendlichen gab an, die Hausaufgaben kaum noch selbst zu machen, sondern von der KI lösen zu lassen. Was ist dann noch der Sinn von Hausaufgaben?

Und natürlich wird, wie eingangs geschildert, KI auch in Prüfungen verwendet. Das bestätigt auch der Bayerische Philologenverband (BPV): „Eine Blitzumfrage unter rund 150 Delegierten auf der Jahreshauptversammlung des BPV im November 2025 spricht eine deutliche Sprache: An 85 Prozent ihrer Schulen gibt es Fälle von Unterschleif mit technischen Hilfsmitteln“, erklärt Sprecherin Iris Janda.

An erster Stelle stehe das Bereithalten eines Zweithandys (63 Prozent) neben dem Ersthandy, das bei der Lehrkraft während der Prüfung abgegeben wurde. Platz zwei ist die unsachgemäße Nutzung eines Ersthandys (49 Prozent), gefolgt vom Schummeln mit einer Smartwatch (41 Prozent). „In vielen dieser Fälle ist sicher auch KI am Unterschleif beteiligt“, schätzt die BPV-Sprecherin.

Dazu kommt fehlendes Unrechtsbewusstsein. Das Verwenden von KI – egal ob im Unterricht oder bei den Hausaufgaben – werde nicht mehr zwangsläufig als Schummeln angesehen, klagen Lehrkräfte gegenüber dem BPV. „Sie bewerten es eher wie ein Nachschlagen, da es für diese Generation so normal geworden ist“, erklärt Janda.

Störsender gegen Schummelversuche?

Aus Sicht des BPV fehlt es bei vielen Lehrkräften noch am Wissen, was alles technisch möglich ist. Es gibt sogar professionelle Anbieter, die im Internet gegen Bezahlung ihr technisches Know-how über ausgefeilte Schummelmöglichkeiten teilen. Der Verband fordert eine flächendeckende Information der Lehrkräfte und Lösungen, wie man den Unterschleif verhindern oder zumindest eindämmen kann – etwa durch Störsender, die einen Zugriff auf das Internet erschweren. Und es müsse gelingen, den Jugendlichen wieder stärker zu zeigen, dass nur Selberdenken schlau mache. Dazu brauche es auch neue Prüfungsformate, die mehr auf den Lernweg als die Lösung abzielen.

Ein Umdenken beim Vermitteln von Inhalten – das ist auch für Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, die Antwort auf die Herausforderung des Systems durch KI. „Durch Verbote kommen wir nicht weiter“, sagt sie. Kinder hätten immer schon versucht, Grenzen zu überschreiten. Und Lehrkräfte könnten ja schon merken, ob ein Kind selbst auf die Lösung gekommen ist oder nur mit KI-Unterstützung. Wichtig ist bei Prüfungen aus Fleischmanns Sicht ein großes Portfolio an Leistungsnachweisen: Faktensheets, schriftliche Texte, Pro- und Kontra-Analysen und mündliche Formate. Dazu müsse man stärker nachfragen, wie die Kinder und Jugendlichen zu ihren jeweiligen Erkenntnissen gekommen sind.

Generell müsste an den Schulen das Lernen durch Hineindenken in verschiedene Situationen in den Mittelpunkt gerückt werden. Dazu könne man auch „alles nutzen, was die Technik hergibt“. Man müsse sich nur bewusst sein, was man da nutzt und wie man die Ergebnisse auch kritisch prüft. Bildung finde auch außerhalb der Schule schon über KI statt. „Wir müssen damit umgehen“, sagt Fleischmann. Auch Lehrkräfte nutzen längst KI zur Unterstützung. Auch das müsse man transparent machen, findet die Verbandsvertreterin.

Auf Ministeriumsseite hat sich in den vergangenen Jahren durchaus etwas getan. Es gibt für Lehrkräfte ein breites Fortbildungsangebot im Bereich KI, das laut bayerischem Kultusministerium auch rege genutzt wird. Im abgelaufenen Jahr gab es demnach mehr als 84.000 Teilnahmen. Es gibt zudem Handlungsleitfäden und sogar zwei KI-Anwendungen, die rechtssicher von allen bayerischen Schulen genutzt werden können.

Die neuen Möglichkeiten des Unterschleifs werden nach Angaben des Ministeriums „in den Blick genommen“ – aber nicht als großes Problem ausgemacht: Es sei schon vor dem Aufkommen der KI versucht worden, mit technischen Hilfsgeräten zu schummeln. Doch deren Einsatz werde „durch die Methoden der Prüfungsaufsicht wirksam unterbunden“.

Womöglich muss ChatGPT bald gar nicht mehr heimlich um Hilfe gebeten werden. Wie eine Ministeriumssprecherin mitteilt, gibt es in Bayern konkrete Überlegungen, die Möglichkeiten der KI in Prüfungsaufgaben einzubeziehen. (Thorsten Stark)
 

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