Politik

Die Masernimpfung ist in Deutschland Pflicht. Weil nur noch Kombinationsimpfstoffe erhältlich sind, fordern die Freien Wähler eine Rückkehr zum Einzelimpfstoff. (Foto: dpa/APA/Picturedesk.com, Helmut Fohringer)

18.07.2026

Kombiimpfstoffe: Impfpflicht durch die Hintertür

Kinder müssen eine Immunisierung gegen Masern vorweisen – doch es gibt nur Kombiimpfstoffe

Der Verdacht auf gefälschte Impfpässe und unzulässige Masernatteste in knapp 30 Arztpraxen rückt die Masernimpfpflicht erneut in den Fokus. Nach Informationen der Staatszeitung nahmen impfkritische Eltern dafür sogar Fahrten von mehreren Hundert Kilometern in Kauf. Seit März 2020 gilt in Deutschland eine Masernimpfpflicht. Ohne Nachweis dürfen Kinder keine Kita besuchen, bei schulpflichtigen Kindern drohen Bußgelder.

Die große Mehrheit der Eltern hält sich an die Vorgaben. Nach Angaben der Staatsregierung sind 97 Prozent der Erstklässler in Bayern zweimal gegen Masern geimpft. Nach einer Erhebung des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit lehnen jedoch sechs Prozent der Befragten Impfungen grundsätzlich ab. Sie befürchten Nebenwirkungen oder möchten selbst über einzelne Impfungen entscheiden.

Einzelimpfstoff ist seit Jahren vom Markt

Tatsächlich sind Nebenwirkungen möglich. Das Fachjournal JAMA berichtet von 1,6 Fieberkrämpfen je 1000 geimpften Kindern. Zudem nennen US-Gesundheitsbehörden unter anderem Gelenkschmerzen, allergische Reaktionen, Blutplättchenmangel oder Gehirnentzündungen als seltene mögliche Nebenwirkungen.

Viele Eltern kritisieren allerdings vor allem, dass der gesetzlich vorgeschriebene Masernschutz nur noch mit einem Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln möglich ist. Einen Masern-Einzelimpfstoff gibt es in Deutschland seit 2017 und europaweit seit 2023 nicht mehr. Kritiker sehen darin eine Ausweitung der Impfpflicht durch die Hintertür.

Schon bei der Einführung der Masernimpfpflicht hatte der Deutsche Ethikrat diese Problematik angesprochen. Er sprach von einer „unfreiwilligen Mitimpfung gegen Krankheiten, gegen die keine Impfpflicht bestünde“. Eine Petition für die Rückkehr eines Einzelimpfstoffs lehnte der Bundestag 2021 jedoch ab. Auch das Bundesverfassungsgericht bestätigte 2022 die geltende Regelung.

Freie Wähler fordern Masern-Einzelimpfstoff

Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts wäre die Zulassung eines Masern-Einzelimpfstoffs grundsätzlich möglich. Allerdings habe in den vergangenen Jahren kein Hersteller einen entsprechenden Antrag gestellt. Auch das Bundesgesundheitsministerium verweist auf die Pharmaindustrie, die über Entwicklung und Vermarktung entscheide.

Der Hersteller MSD begründet das Aus des Einzelimpfstoffs mit der geringen Nachfrage. Nachdem sich der Dreifachimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln als medizinischer Standard etabliert habe, sei der Vertrieb eingestellt worden. Eine Neuauflage sei derzeit nicht geplant.

Die in Bayern mitregierenden Freien Wähler fordern deshalb die Rückkehr eines Einzelimpfstoffs. „Im Einklang mit dem Deutschen Ethikrat fordern wir die Bereitstellung von Einzelimpfstoffen“, sagt die FW-Landtagsabgeordnete Roswitha Toso der Staatszeitung. Das fehlende Angebot führe trotz einer nur auf Masern bezogenen Impfpflicht faktisch zu einem Zwang zur Mehrfachimpfung.

Das Gesundheitsministerium sieht keinen Änderungsbedarf

Das CSU-geführte Gesundheitsministerium hält dagegen an seiner Linie fest. Kombinationsimpfstoffe bedeuteten weniger Injektionen für Kinder und weniger Aufwand für Eltern und Ärzte. Auf die Entwicklung eines Einzelimpfstoffs habe Bayern keinen Einfluss.

Auch die AfD-Fraktion fordert eine Wahlmöglichkeit zwischen Einzel- und Kombinationsimpfstoffen. Langfristig spricht sie sich dafür aus, die Impfpflicht durch freiwillige Impfprävention zu ersetzen.

Damit bleibt ein politischer Konflikt bestehen: Der Staat schreibt eine Masernimpfung vor, über die verfügbaren Impfstoffe entscheidet jedoch allein der Markt. Eltern, die ausschließlich den gesetzlich vorgeschriebenen Masernschutz wünschen, haben derzeit keine Wahl. (David Lohmann)

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