Bei Audi kursiert gerade folgende Geschichte: Die diesjährigen Bewerber um eine Ausbildung beim Ingolstädter Automobilhersteller wurden gefragt, ob sie wüssten, welche Autos wohl in dem Werk produziert würden. Einer antwortete tatsächlich: Mercedes. Angeblich wurde der junge Mann trotz seiner falschen Antwort eingestellt. Denn Auszubildende werden überall händeringend gesucht.
Die meisten Stellen waren Stand Juli im verarbeitenden Gewerbe und im Handel offen. Laut der Agentur für Arbeit gab es zwar in Bayern einen Rückgang der angebotenen Ausbildungsplätze um 8,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr – in absoluten Zahlen sind es nur noch 83 774 Plätze. Allerdings kommen rechnerisch auf die 31 552 unbesetzten Stellen 19 511 noch suchende Bewerberinnen und Bewerber. Die Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden, sind also nach wie vor gut – zumal die Zahlen für den August noch gar nicht vorliegen.
Wie gleicht man die Defizite aus?
Doch die Ausbildungsbetriebe monieren, dass es immer schwieriger werde, geeignete Bewerber zu finden. Etwa weil viele schon Probleme mit den Grundrechenarten oder der deutschen Sprache haben.
Das zeigt sich auch in der aktuellen Sommerumfrage der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände (bayme vbm): Fast die Hälfte der Befragten gab als Ursache für den Rückgang der Ausbildungsverträge das Fehlen geeigneter Bewerber an – noch vor der schwierigen wirtschaftlichen Lage. „Das Matching zwischen Unternehmen und Azubis bleibt eine grundlegende Herausforderung“, sagt bayme vbm-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.
Für Horst Ott, Bezirksleiter der IG Metall Bayern, machen es sich die Arbeitgeber da aber zu leicht: Um die Fachkräfte von morgen zu bekommen, müsse man bereit sein, junge Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen und „vermeintliche Defizite durch Qualifizierung, etwa durch innerbetriebliche Fördermaßnahmen, auszugleichen.“ Dafür gibt es auch staatliche Förderung.
Untätigkeit kann man den meisten Betrieben aber nicht vorwerfen. Sie werben mit Vergünstigungen wie dem Jobticket, mit Weiterbildungsmöglichkeiten, werben auf Berufsmessen – und suchen inzwischen auch im Ausland. In Bayern laufen laut Agentur für Arbeit mittlerweile mehrere Vereinbarungen mit Drittstaaten, etwa mit Indien in der Pflege sowie mit Asien und Lateinamerika im Gesundheits-, Handwerks- und gewerblich-technischen Bereich. Dazu existieren regionale Projekte, bei denen Engpässe mit Auszubildenden aus Kirgistan und Tadschikistan beseitigt werden.
Auch dadurch wuchs der Anteil von Ausländern an allen Auszubildenden in Bayern in den vergangenen Jahren um mehr als 25 Prozent. Im Metallbau haben 11 Prozent der Auszubildenden einen ausländischen Pass, in medizinischen und nichtmedizinischen Berufen sind es sogar 28 beziehungsweise 39 Prozent. Der größte Teil von ihnen kam allerdings über die Fluchtbewegungen der vergangenen Jahre ins Land. Ganz vorne liegen die Ukraine, Syrien und Afghanistan.
In dem Bereich liegt noch viel Potenzial. Mehrere Studien zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund viel seltener eine Ausbildung absolvieren und damit ein höheres Risiko haben, später arbeitslos zu werden. Auch unter den noch suchenden Bewerberinnen und Bewerbern sind sie überproportional vertreten.
Früher Spracherwerb ist der Schlüssel
Um ihre Chancen zu erhöhen, sieht Doris Rauscher (SPD), Vorsitzende des Sozialausschusses des Landtags, den Staat in der Pflicht: Der müsse mehr kostenfreie Kinderbetreuung und den schulischen Ganztag für alle Kinder bieten. Nur so sei eine kontinuierliche Sprachförderung möglich. Ähnlich sieht es Thomas Huber (CSU), Rauschers Stellvertreter im Ausschuss: Gerade bei jungen Menschen müsse der Staat „früh und konsequent in Sprache und Bildung investieren“.
Eine frühe Sprachförderung fordert auch der AfD-Landtagsabgeordnete Johannes Meier – allerdings nicht für Menschen ohne Bleibeperspektive. Die müsse man in ihre Heimat zurückschicken. Bayerns Grünenchefin und Landtagsabgeordnete Eva Lettenbauer dreht das um: „Wer eine Ausbildung beginnt, sollte sie auch abschließen können, ohne ständig um seine Zukunft bangen zu müssen und für mindestens acht Jahre eine Aufenthalts- und Arbeitsgarantie erhalten.“ Es gebe genug junge Menschen, die nach Deutschland kommen „und arbeiten und lernen wollen“.
Für Anton Rittel, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler, ist es nie zu spät, mit dem Erlernen der Sprache anzufangen: „Wer in Deutschland beruflich Fuß fassen möchte, dem steht heute ein breites Portfolio an Lernwegen offen – von digitalen Anwendungen und Apps bis hin zu professionellen Angeboten der Bundesagentur für Arbeit oder Volkshochschulen.“ (Thorsten Stark)
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