Politik

Blick auf Vilseck in der Oberpfalz. Die Zahl der US-Soldaten in Bayern und anderen Bundesländern soll insgesamt um fast 12 000 verringert werden. (Foto: Armin Weigel/dpa)

30.07.2020

Oberpfalz zwischen Hoffnung und Sorge

Die Nachricht vom Abzug Tausender US-Soldaten aus der Oberpfalz hat die Menschen in Vilseck und Grafenwöhr hart getroffen. Seit Jahrzehnten prägt das Miteinander von Deutschen und Amerikanern die strukturschwache Region

Vor dem Rathaus in der Kleinstadt Vilseck ist der Medienandrang groß. US-Präsident Donald Trump will etwa 4500 der dort stationierten Soldaten abziehen. Am Tag nach der Ankündigung hat Vilsecks Bürgermeister Hans-Martin Schertl sämtliche Termine abgesagt, er gibt ein Interview nach dem anderen. Zwar sei zuvor schon darüber spekuliert worden, sagt er. Für die Region sei die Nachricht dennoch ein Schock. Der US-Truppenübungsplatz ist ein enormer Wirtschaftsfaktor. Der Bürgermeister hofft, dass der Abzug abgewendet werden kann.

Gut 6000 Einwohner hat Vilseck - ohne die Amerikaner. Der Großteil der rund 5500 Soldaten sowie etwa 9000 Familienangehörige sollen die Stadt verlassen, wie US-Verteidigungsminister Mark Esper am Mittwoch in Washington erklärte. Das würde das Stadtbild und das Leben in Vilseck massiv verändern. Die Soldaten und ihre Familien kaufen in den örtlichen Geschäften ein, zahlreiche Einheimische sind beim US-Militär als Zivilisten angestellt. Über die Jahrzehnte seien viele Freundschaften entstanden und Ehen geschlossen worden.

Der Bürgermeister sagt am Donnerstag, führende US-Militärs hätten den Truppenübungsplatz Grafenwöhr/Vilseck als "die Kronjuwelen der US-Armee" bezeichnet. Umso verwunderlicher findet er es, dass ein Teil des Standortes nun tatsächlich auf der Streichliste stehen soll. In den vergangenen Jahren seien Hunderte Millionen Dollar in die Modernisierung des Truppenübungsplatzes, etwa in Schießbahnen und Infrastruktur, investiert worden. Einige Baumaßnahmen seien noch gar nicht abgeschlossen. Jährlich gehe vom Truppenübungsplatz eine Wirtschaftskraft in Höhe von rund 700 Millionen Euro aus - seien es Löhne, Mieten oder Bauaufträge.

Viele Geschäfte sind auf den Geschmack der US-Soldaten spezialisiert

Das Reisebüro gegenüber dem Rathaus ist beispielsweise auf Reisen in die USA spezialisiert. Sollte der Abzug kommen, wäre das "eine Katastrophe", sagt Leiterin Helga Schiessl. Viele Einheimische und Amerikaner kämen zu ihr, um ihre Flüge oder Urlaube in den USA zu buchen. Sie hofft, dass die Entscheidung doch noch rückgängig gemacht wird. Der Truppenübungsplatz sei wichtig. "Ganz Vilseck lebt davon."

Das zeigt sich im Stadtbild. Mehrere Autohäuser sind auf den Geschmack der Soldaten spezialisiert - große Pickups und SUVs. Die stehen auch in den Wohnsiedlungen vor den gepflegten Doppel- und Reihenhäusern, in denen viele Soldaten leben. Geschäftsschilder und Hinweistafeln sind in Vilseck nicht selten zweisprachig beschriftet. Die Amerikaner seien in Bayern verwurzelt, sagt Schertl (Wählergruppierung Arbeitnehmer-Eigenheimer). Dazu gehörten auch ab und an eine Maß Bier und Bratwürstl.

Während vor dem Rathaus der Bürgermeister noch mit Journalisten spricht, bremst gegenüber ein SUV. Ein Mann mit Sonnenbrille grüßt aus dem geöffneten Fenster und ruft fröhlich im regionaltypischen Slang: "Bürgermeister! Habe die Ehre!". Schertl winkt den Mann zu sich. Der frühere US-Soldat Marc Douglas hält von Trumps Plänen nichts. Bei der Wahl im November in den USA werde hoffentlich ein neuer Präsident gewählt, sagt der 57-Jährige, der 1985 aus Detroit (US-Bundesstaat Michigan) nach Vilseck kam. Nach seiner Pensionierung 2011 blieb er in der Oberpfalz, wie er erzählt. Seine Frau ist Deutsche, seine Familie lebt hier. Douglas fühlt sich wohl.

Deutsch-amerikanische Freundschaft - so ist die Stimmung auch 20 Autominuten entfernt in Grafenwöhr. Schertls Amtskollege Edgar Knobloch (CSU) kann noch etwas gelassener sein, seine Stadt soll nicht ganz so stark vom Truppenabzug betroffen sein. Aus Grafenwöhr könnten mehrere Hunderte Soldaten nach Italien verlegt werden, genaue Angaben dazu gebe es aber noch nicht, sagt Knobloch. Insgesamt sind in den beiden Städten mehr als 10 000 Soldaten stationiert, hinzu kommen deren Angehörige.

Zu Trumps Kritik, Deutschland gebe zu wenig Geld für die Verteidigung aus, sagte Knobloch: Man dürfe nicht übersehen, dass auch Gelder geflossen seien, die im Verteidigungshaushalt nicht enthalten seien. "Baumaßnahmen, an denen deutsche Behörden beteiligt sind und Planungsleistungen erbringen." Und: Die Loyalität der Einheimischen mit den Amerikanern sei einmalig, sagt Knobloch. Ebenso das Sicherheitsgefühl, das die Soldaten hier hätten. "Ich denke, das kann man nicht in Geld aufwiegen, und das sollte bei solchen Entscheidungen eine Rolle spielen."
(Ute Wessels, dpa)

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