Politik

Ein Polizist vor dem weiträumig abgesperrten Regensburger Wohnhaus von Tennessee Eisenberg, der 2009 von einem Polizisten erschossen wurde. (Foto: dpa)

18.05.2012

Operation gelungen, Patient tot

Staatsgewalt gegen Selbstmordkandidaten? Die Kette fragwürdiger Polizeieinsätze reißt nicht ab

Soll man als Zeuge einer Selbstmorddrohung die Polizei rufen? Lieber nicht, das Resultat könnte sein: Die herbeigerufenen Beamten verhindern zwar den angedrohten Selbstmord, doch das tun sie so durchschlagend, dass der Lebensmüde hinterher schwerverletzt im Krankenhaus liegt.
So geschehen am vergangenen Sonntag in Altötting: Ein 32-Jähriger droht gegenüber seiner Freundin damit, sich umzubringen. Die ruft die Polizei. Den Beamten gegenüber droht der Mann mit einem Messer, später geht er gar mit zwei Messern auf einen unbewaffneten Beamten zu, ein bewaffneter Kollege streckt ihn mit zwei Schüssen in die Hüfte nieder. Ein klarer Fall von Nothilfe, urteilt am nächsten Tag eine für interne Ermittlungen zuständige Polizeieinheit.
Dass sich die Beamten bedroht fühlten – gut vorstellbar. Nur: Führten sie die bedrohliche Situation womöglich erst selbst herbei? Der Fall erinnert in mehreren Details an den Polizeieinsatz gegen den Studenten Tennessee Eisenberg in Regensburg vor drei Jahren.
Auch er hatte damit gedroht, sich etwas anzutun. Die einzige Person, die darüber hinaus in Gefahr gewesen war – sein Mitbewohner –, war bei Eintreffen der Polizei längst in Sicherheit. Auch Eisenberg ging mit einem Messer im Hausgang auf ein ganzes Einsatzkommando los und wurde mit Polizeikugeln gestoppt, allerdings gleich mit zwölf, von denen eine ins Herz traf.
Selbstmord verhindert, Operation gelungen, Patient tot. Ist die Polizei bei Selbstmorddrohungen überhaupt die richtige Adresse? Führt das ebenso massive wie massierte Auftreten bewaffneter Beamter in solchen Situationen womöglich dazu, dass der Betreffende erst recht ausrastet? Das bayerische Innenministerium war trotz mehrfacher Nachfragen zu keiner Stellungnahme bereit.
Ein Mensch, der damit droht, sich umzubringen, scheint bei der bayerischen Polizei in erster Linie als Störer eingeordnet zu werden, der um jeden Preis außer Gefecht zu setzen ist. Das scheint auch auf einen weiteren Fall zuzutreffen, den das Internetportal regensburg-digital öffentlich machte. Zwei Passanten geben in eidesstattlichen Versicherungen an, am 25. April 2012 aus nächster Nähe gesehen zu haben, wie ein Polizeibeamter einen am Boden liegenden Mann mit mehreren Faustschlägen auf den Hinterkopf traktiert habe: „Die Schläge waren so stark, dass ich sie laut und deutlich hören konnte“, heißt es in der eidesstattlichen Versicherung.
Sanitäter und eine Polizistin hätten seelenruhig dabei zugesehen. Grund des Polizeieinsatzes: Der Mann soll sich mit einem Messer selbst am Arm verletzt haben. „Ausfluss dieses Polizeieinsatzes“, teilt das Polizeipräsidium Oberpfalz mit, „war zunächst, dass gegen den 24-jährigen Regensburger Anzeige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte erstattet wurde“. Die Aussagen der beiden Passanten, die ein anderes Licht auf das Geschehen werfen, zögen nun allerdings „umfassende dienstinterne Ermittlungen nach sich“.
Der Regensburger Strafverteidiger Helmut von Kietzell, der unter anderem die Hinterbliebenen von Tennessee Eisenberg vertritt, rät in solchen Fällen „eigentlich immer von einer Anzeige gegen Polizeibeamte ab“. Denn: „Die im Gefolge häufig erstattete Anzeige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte wird in den seltensten Fällen eingestellt“, sagt von Kietzell. (Florian Sendtner)
comment

Die Kommentarfunktion steht vorübergehend nicht zur Verfügung.

Die Frage der Woche
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2020

Nächster Erscheinungstermin:
10.Dezember 2021

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 11.12.2020 (PDF, 15 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.