Ob die übermäßige Einwirkung einer Chemikalie im Job dazu führt, dass man krank wird, ist schwer nachweisbar. Das betrifft auch Pflanzenschutzmittel. Diese können Parkinson auslösen. Immerhin 900 Parkinsonfälle wurden bis Ende April 2026 bundesweit als Berufskrankheit anerkannt. Hunderte Betroffene warten noch auf Anerkennung.
Dass Mittel mit nachweislich toxischen Effekten wie Glyphosat EU-weit noch bis mindestens 2033 verwendet werden dürfen, bleibt umstritten. Mehrere Pflanzenschutzmittel haben die Eigenschaft, neurotoxisch zu wirken, berichtete das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im November 2023. Bekannt sei, dass Rotenon, ein Insektizid, sowie das Herbizid Paraquat Parkinson befördern. Beide Wirkstoffe sind in der EU nicht mehr zugelassen. Über den Einsatz und mögliche Risiken von Glyphosat wird in Bayern seit Jahren gestritten.
Auch andere Klassen von Pestiziden werden laut BfR mit Parkinson in Verbindung gebracht. Der direkte Zusammenhang zwischen Exposition und erhöhtem Parkinsonrisiko sei hier aber noch nicht bewiesen. Seit November 2023 gibt es laut BfR hierzu keinen neueren Kenntnisstand.
Parkinson als Berufskrankheit anerkannt
Aus mehreren Untersuchungen folgt, dass zahlreiche Pflanzenschutzmittel das Risiko erhöhen, an Parkinson zu erkranken, erklärt Martin Winterholler, Chefarzt der Neurologie im Krankenhaus Rummelsberg in Schwarzenbruck (Nürnberger Land). So seien regionale Zusammenhänge zwischen Parkinsonhäufigkeit und dem Wein- und Gemüseanbau in den USA belegt. Unter gewissen Voraussetzungen werde Parkinson deshalb mittlerweile auch hierzulande bei Landwirten als Berufskrankheit anerkannt. Leicht ist es nicht.
Das zeigt auch das Beispiel von Ulrich Elixmann aus Hagen. Der ehemalige Gemeindegärtner bemerkte 2006 erste Parkinsonsymptome. 27 Pestizide hatte er nach eigenen Angaben während seiner Berufstätigkeit verwendet, unter anderem Glyphosat und Paraquat. 17 Jahre kämpfte er für die Anerkennung seines Leidens als Berufskrankheit.
Warum werden diese Mittel noch verwendet?
Weil er in diesen Kampf viel Zeit und Herzblut investiert hatte, kann Parkinson inzwischen als Berufskrankheit anerkannt werden. Der Ärztliche Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten empfahl im September 2025, das „Parkinsonsyndrom durch langjährig, häufig und selbst angewendete Pestizide“ in die offizielle Berufskrankheitenliste aufzunehmen.
Dafür, dass er hierfür den Weg geebnet hat, erhielt Ulrich Elixmann 2025 einen Preis der Deutschen Parkinsonhilfe. Vor wenigen Tagen starb er mit 65 Jahren.
In Baden-Württemberg werden laut Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) jährlich rund 3000 Tonnen Pestizidwirkstoffe in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzt. In Bayern wird der Einsatz in zehn relevanten Referenzkulturen erfasst und hochgerechnet, teilt das Landwirtschaftsministerium mit: „Diese Kulturen decken rund 83 Prozent der konventionell bewirtschafteten Fläche ab.“ Demnach wurden 2023 hochgerechnet rund 2852 Tonnen chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittelwirkstoffe ausgebracht – 18 Prozent weniger als im Zeitraum 2014 bis 2018.
Es verwundert, dass diese Mittel immer noch eingesetzt werden dürfen. Noch dazu, nachdem Mittel wie der Unkrautvernichter Glyphosat zudem im Verdacht stehen, Krebs auszulösen. Zehntausende Betroffene klagten deshalb in den USA gegen die Bayer-Tochter Monsanto, Hersteller des Glyphosat-Produkts Roundup. Eine 25 Jahre alte Studie, der zufolge Glyphosat keine Risiken für den Menschen birgt, ist laut einem Bericht des Ärzteblatts seit Ende vergangenen Jahres gegenstandslos. Sie wurde zurückgezogen, nachdem bekannt wurde, dass die Autoren nicht unabhängig waren.
Mehr Schutz für Beschäftigte gefordert
Die bayerische Staatsregierung möchte Menschen, die einen Arbeitsplatz in der Landwirtschaft oder in anderen grünen Berufen haben, besser schützen: Der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel soll bis 2028 halbiert werden. Seit Jahren schon setze Bayern auf integrierten Pflanzenschutz, teilt das Landwirtschaftsministerium mit.
Parkinson oder Krebs – beide Erkrankungen verändern das Leben gravierend. Die Anerkennung als Berufskrankheit kann allenfalls ein Trostpflaster sein. Dennoch ist sie für die meisten Betroffenen wichtig. Um nachzuweisen, dass Parkinson auf Pflanzenschutzmittel zurückzuführen ist, müssen historische Daten über Jahrzehnte rekonstruiert werden, erläutert Marc Wiens, Sprecher der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). Nach seinen Angaben warten bundesweit im Moment 1200 Parkinsonpatientinnen und -patienten darauf, dass ihr Leiden als Berufskrankheit anerkannt wird.
Lutz Popp vom Bayerischen Landesverband für Gartenbau und Landespflege empfiehlt allen Freizeitgärtnern, auf chemischen Pflanzenschutz komplett zu verzichten. Ende letzten Jahres sorgten Informationen über ein erhöhtes Parkinsonrisiko für Menschen, die in der Nähe von Golfplätzen leben, für Aufsehen. Forscher unter Leitung der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Brittany Krzyzanowski hatten entsprechende Daten publiziert.
Immerhin: Laut Tobias Hennecke vom Bayerischen Golfverband bemühen sich Golfverbände darum, Pflanzenschutzmittel auf ein Minimum zu reduzieren: „Biologische und mechanische Maßnahmen haben Vorrang.“ Bayern will den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel langfristig deutlich senken. (Pat Christ)
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