Politik

Unterricht an einer Waldorfschule: Pädagogische Konzepte, kleinere Klassen und mehr Zeit für individuelles Lernen ziehen viele Eltern an. (Foto: dpa, Martin Schutt)

08.02.2026

Privatschulen: Die Nachfrage ist gewaltig

Über 10 Prozent aller Schülerinnen und Schüler besuchen Privatschulen, Tendenz steigend: Warum?

Manche sind katholisch geprägt, andere evangelisch, wieder andere durch eine spezielle Pädagogik, einige kommen auch ohne einen solchen Überbau aus: 692 allgemeinbildende Schulen in Bayern befinden sich in privater Trägerschaft. Vor zehn Jahren waren es laut bayerischem Kultusministerium erst 604. 10,9 Prozent aller Schülerinnen und Schüler im Freistaat besuchen eine private Schule. 

Privatschulen als Ausweg aus dem Systemdruck

Lehrerinnen und Lehrer an öffentlichen Schulen bemühen sich in der aktuell von Lehrkräftemangel und einer äußerst heterogenen Schülerschar geprägten Zeit, den Unterricht aufrechtzuerhalten – was nicht immer gut gelingt. Eltern, die das nötige Geld haben, schauen, dass sie ihre Kinder auf eine private Schulen geben, wo die Situation entspannter ist. In Bayern ist das laut Statistischem Bundesamt besonders häufig der Fall. Nur in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen besuchen noch mehr Schüler eine private Schule. In Hessen hingegen werden lediglich 7 Prozent aller Schüler auf einer privat getragenen Schule unterrichtet.

Für den Deutschen Lehrerverband (DL) ist der starke Trend hin zur Privatschule in Bayern ein Zeichen dafür, dass viele Eltern mit den Verhältnissen an staatlichen Schulen nicht zufrieden sind. „Wenn Eltern vermehrt zu Privatschulen wechseln, ist das ein Warnsignal“, sagt DL-Präsident Stefan Düll der BSZ. Staatliche Schulen stünden unter hohem Druck, bestätigt Düll, der auch Gymnasialdirektor am schwäbischen Neusäß ist: „Lehrkräftemangel, Sanierungsstau und zusätzliche Aufgaben belasten den Berufsalltag stark.“ Je nach Finanzierungsmodell seien Privatschulen besser ausgestattet, hätten kleinere Klassengrößen und seien oft auch in einem besseren baulichen Zustand.

Die Schulen nehmen längst nicht alle Kinder

Längst nicht alle Eltern, die ihr Kind gern auf eine private Schule geben wollen, kommen zum Zug, denn im Vergleich zu staatlichen Bildungseinrichtungen können sich Privatschulen Familien aussuchen, die zu ihnen passen. Aufgenommen wird nur dann, wenn die Chemie stimmt. In der privaten Rudolf-Steiner-Schule in Gröbenzell bei Fürstenfeldbruck stehen zum Beispiel jedes Jahr 36 Plätze für Erstklässler zur Verfügung. Bis zu 80 Familien bewerben sich darauf. Das bedeutet: Würden alle Eltern, die ihr Kind auf eine Privatschule geben möchten, dies auch tun können, läge der Anteil der Privatschülerinnen und -schüler in Bayern womöglich bei 15 bis 20 Prozent.

Die Gründe, warum jemand zum Anhänger einer Privatschule wird, sind ganz unterschiedlich. Die Gröbenzeller Rudolf-Steiner-Schule wird laut Waldorflehrerin Daniela Haller-Murr unter anderem deshalb geschätzt, weil es Sitzenbleiben nur in absoluten Ausnahmefällen gibt. Waldorfschulen sei zudem ein angstfreies Lernen wichtig. Das lassen sich Gröbenzeller Eltern 300 Euro im Monat kosten.

Väter und Mütter, denen nicht so viel Geld zur Verfügung steht, werden bei den meisten Privatschulen finanziell entlastet. „Wir lassen dann in unserer Schulgemeinschaft so lange den Hut herumgehen, bis wir das Geld zusammenhaben“, berichtet Daniela Haller-Murr. Aktuell besuchen die Kinder einer Flüchtlingsfamilie die Gröbenzeller Rudolf-Steiner-Schule, ohne zu zahlen.

Wobei der finanzielle Beitrag ohnehin nur die eine Seite der Medaille ist: Eltern müssen sich auch zeitlich einbringen, etwa bei Schulveranstaltungen helfen. Aufnahmen scheitern darum eher seltener am Geld, sondern daran, dass Eltern ihre Kinder abgeben wollen, ohne sich für die Schule zu engagieren. Wobei man sich nicht in jeder privaten Schule ehrenamtlich einbringen muss.

Auch kostet nicht jede private Schule viel. Konfessionell gebundene Schulen sind vergleichsweise günstig. Dem Katholischen Schulwerk in Bayern zum Beispiel gehören 181 Mitgliedsschulen an. 67 810 Schüler werden hier unterrichtet. Das Schulgeld schwankt, je nach Schulart, zwischen 30 und 60 Euro im Monat.

Zwischen Auswahl, Engagement und sozialer Frage

Betuchte Familien können ihren Nachwuchs auf die „Internationale Schule“ schicken. Bei der von 1300 Schülern besuchten Munich International School liegen die Kosten je nach Altersstufe jährlich zwischen 17 000 und 27 000 Euro. „Für jene, die sich das nicht leisten können, bieten wir ein School-Fee-Reduction-Programm an“, sagt Sabine Fuchs von der 1966 gegründeten Bildungseinrichtung. Die Schulgebühren werden zum Teil sogar komplett übernommen. Bis zu 10 Prozent der Schüler könnten gefördert werden. Noch wird diese Möglichkeit jedoch kaum genutzt.

Geld erhalten Privatschulen nicht nur von Eltern, auch im Staatshaushalt ist ein bestimmtes Kontingent für diese Schulen vorgesehen. Im Etat des bayerischen Kultusministeriums waren das 2025 rund 2,2 Milliarden Euro.

Trotz Eltern- und Staatsgeld sind Lehrer an öffentlichen Schulen laut Deutschem Lehrerverband besser bezahlt. „Daher wechseln viele Lehrkräfte in Zeiten des Lehrkräftemangels aus dem privaten wieder in den öffentlichen Schuldienst“, sagt DL-Präsident Stefan Düll. (Pat Christ)

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