Politik

Mancher arbeitet statt in den eigenen vier Wänden auf der grünen Wiese – die richtigen Temperaturen vorausgesetzt. (Foto: dpa)

26.06.2026

Produktives Homeoffice: Viele arbeiten zu Hause sogar mehr

Zu Hause arbeiten die meisten Angestellten produktiver als im Büro. Ein Praxis-Check in Bayern bestätigt die Sorge vor Vereinsamung kaum

Einen Bundesbürger, der älter als 15 Jahre alt ist und das Internet nicht nutzt, zu finden, ist fast nicht mehr möglich. Die Quote der Offliner liegt laut Statistischem Bundesamt bei 3 Prozent. Das Internet ist absolut selbstverständlich geworden – privat und auf der Arbeit. Ein Viertel aller Erwerbstätigen arbeitet zumindest gelegentlich von zu Hause aus. Nun warnte eine Studie davor, dass Homeoffice einsam machen könnte. Ein Praxis-Check in Bayern bestätigt dies nicht.

Sekretärinnen, die den ganzen Tag vor dem Rechner sitzen und den nie versiegenden Strom der elektronischen Einläufe bearbeiten, können dies theoretisch von jedem Ort der Welt aus tun. Viele entscheiden sich, zumindest an einem oder an zwei Tagen von zu Hause tätig zu sein. So ist das auch beim Nürnberger Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit (ISKA). Homeoffice gibt es hier seit Langem, berichtet Geschäftsführerin Julia Schimmer. 150 Menschen sind beim ISKA tätig. Knapp die Hälfte erledigt Büroarbeiten. Bis zu einem Drittel der Büroarbeit wird im Homeoffice geleistet.

Im Homeoffice sind viele produktiver, man ist nicht versucht, sich in der Kaffeeküche zu verplaudern. Es kommt auch nicht einfach jemand ins Büro und hält einen auf.

Mehr Produktivität im Homeoffice

Beim ISKA berichtet Schimmer, dass die Produktivität im Homeoffice steige. Dass umgekehrt jemals jemand den Heimarbeitsplatz ausgenutzt und sich daheim einen faulen Lenz gemacht hätte, sei in den beiden Jahren, seit sie Geschäftsführerin ist, nicht vorgekommen. Wer sich vor Arbeit drücken möchte, fände so oder so Wege, so die Chefin.

Wer über einen Job- oder Berufswechsel nachdenkt, für den ist heute meist wichtig, beim neuen Arbeitgeber auch im Homeoffice tätig sein zu können. Deshalb wirbt das ISKA bei Stellenausschreibungen mit der Möglichkeit, von daheim zu arbeiten.

Zwei Tage sind oft Standard

Wobei die meisten nicht ständig zu Hause sein wollen. „Ich bin in der Regel an einem Tag in der Woche im Homeoffice“, sagt der 24-jährige Alexander Uschakow, der als Fachinformatiker bei der Schweinfurter Firma Netzwerk GmbH tätig ist. Dort kümmert er sich unter anderem um die technische Einrichtung von Homeoffice-Arbeitsplätzen. Gibt es keine Kollegen, die anspornen, braucht es oft mehr Disziplin für ein konzentriertes Arbeiten über viele Stunden hinweg.

Und es braucht im Homeoffice noch etwas: Sensibilität dafür, wie man sich in der digitalen Welt richtig verhält. Laut Uschakow sollten gerade Mitarbeiter im Homeoffice darauf achten, dass sie nicht auf obskure Links oder Anhänge klicken. Natürlich wäre es möglich, bombensichere Firewalls zu installieren. Doch je sicherer Firewalls sind, umso weniger Handlungsspielraum hat der Nutzer, erklärt er.

Kaum Angst vor Vereinsamung

Als Einzelner zu Hause vor sich hinzuarbeiten, kann isolieren, meint Nadine Speidel vom Ingenieurbüro PfK Ansbach. Während der Corona-Krise wurde hier in zwei Gruppen gearbeitet: Eine Gruppe war vor Ort, die andere eine Woche im Homeoffice. Die Homeoffice-Woche habe ihr gar nicht gefallen, gibt die 37-Jährige zu. Aktuell ist es so, dass jeder Mitarbeiter aus dem 30-köpfigen Team einen Tag Homeoffice pro Woche nehmen kann. Was auch sie tut. Mehr Homeoffice ist für das Unternehmen nicht praktikabel, da die meist komplexen Projekte viele Abstimmungsprozesse nötig machen. Für die Planer heißt das, die Köpfe ständig analog über den Zeichnungen zusammenzustecken. Nur Mitarbeitern mit langen Arbeitswegen werden entgegenkommenderweise zwei Homeoffice-Tage angeboten. Klagen, dass nicht mehr Arbeit von daheim aus möglich ist, kennt Speidel nicht. Im Gegenteil. Einige Kollegen verzichten ganz auf Homeoffice. Ein Grund: PfK Ansbach bietet jedem Beschäftigten von Montag bis Donnerstag eine kostenlose Mahlzeit an.

Alles in allem scheint Homeoffice im Freistaat nicht mit größeren Problemen verbunden zu sein. Auch bei der AOK ist Arbeiten vom heimischen Schreibtisch aus selbstverständlich. Laut Pressestelle liegt die bayerische Homeoffice-Quote der Krankenversicherung bei rund 40 Prozent. Arbeitgeber im Freistaat werden von der AOK bei der Umsetzung von Homeoffice-Konzepten unter gesundheitlichen Aspekten beraten. „Dabei geht es um Themen wie etwa das Führen auf Distanz oder ergonomische Arbeitsplätze“, so ein Sprecher.

Drei Tage im Homeoffice und den Rest der Woche im Betrieb zu sein, das ist rein wissenschaftlich betrachtet optimal in puncto Produktivität. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation. Demnach sind Beschäftigte bis zu einem bestimmten „Kipp-Punkt“ im Homeoffice produktiver als im Betrieb. Dieser Kipp-Punkt liegt den Analysen des Instituts zufolge bei 60 Prozent. (Pat Christ)

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