Politik

Akademiker und Handwerker: die Gesellschaft braucht beide. (Foto: dpa/Zoonar, Oliver Boehmer)

28.08.2026

Rentendebatte: Seltsames Akademiker-Bashing

Ein Kommentar von Tobias Lill

Für viele AfD-Politiker ist der Fall klar: Die AfD ist die neue Arbeiterpartei. Mancher Funktionär sieht sie gar in der Tradition der Bauarbeiter, die 1953 in der DDR gegen härtere Arbeitsbedingungen auf die Straße gingen. Tatsächlich ist der Zuspruch unter Arbeiterinnen und Arbeitern enorm: 38 Prozent von ihnen wählten bei der letzten Bundestagswahl die rechte Partei. Dabei enthält deren Programm für Malocher bittere Pillen: Arbeitslosengeld soll es erst nach 15 Jahren Beschäftigung in voller Höhe geben. Doch vielen Arbeitern ist eine harte Flüchtlingspolitik und Anti-Wokeness wichtiger als soziale Wohltaten.

Andere Parteien umwarben zuletzt Arbeiter ebenfalls mehr als andere Bevölkerungsgruppen – allen voran die SPD. Deren Abgeordnete tingeln eifrig durch Industriebtriebe, und Parteigranden betonen ein ums andere Mal, man wolle für jene da sein, die jeden Tag hart schuften.

Wollen Heranwachsende mit der Aussicht, nach einem Studium mit 71 statt 65 Jahren in den Ruhestand zu gehen, tatsächlich noch eine Uni besuchen?

Natürlich haben die Parteien auch die klassischen Angestellten im Blick – mit und ohne Ausbildung. Dass auch jene, die studiert haben, etwas Nützliches für die Gesellschaft machen, hört man von Unions-, SPD- und AfD-Politikern dagegen eher selten.

Im Gegenteil: Bei manchen im politischen Berlin zuletzt diskutiertem Vorschlag schwingt latent das Bild des Akademikers mit, der sich in jungen Jahren einen faulen Lenz macht. So befürworten weite Teile der Regierung die Idee, den Renteneintritt allein nach der Zahl der Beitragsjahre statt dem Lebensalter zu berechnen. Gut verdienende Industriearbeiter und Banker wären Gewinner des Modells – viele Akademiker Verlierer.

Dass Architekten und Pädagogen während des Studiums viele Jahre von Nudeln leben, in Zimmern, die kleiner sind als anderer Leute Bäder, wird ignoriert – ebenso, dass ein Teil während des Studiums sehr wohl jobbte, nur leider ohne Rentenanspruch. Unser Land braucht beide – Akademiker und Arbeiter. Doch wollen Heranwachsende mit der Aussicht, nach einem Studium mit 71 statt 65 Jahren in den Ruhestand zu gehen, tatsächlich noch eine Uni besuchen? Reine Arbeiterparteien, wie es sie zuletzt in der DDR gab, gehören in die Mottenkiste.

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