Die Bemühungen, den Klimawandel zu mildern, führten vor Jahren schon zur Idee, neben dem Einsparen von Kohlenstoffdioxid (CO2) direkt ins Klimasystem einzugreifen. „Geoengineering“ nennt sich das. Es umfasst unterschiedliche Ansätze. Einige seien riskant, da irreversibel, sagt Thomas Dandekar, der die Abteilung Bioinformatik an der Uni Würzburg leitet. „Einmal gemacht, sind die Effekte nicht mehr rückrufbar.“ Das sieht nicht nur er so. Warnende Stimmen nehmen zu.
Zu den als harmlos geltenden, lokalen Wettermanipulationen, die in Bayern seit Jahren regelmäßig stattfinden, gehört die Hagelabwehr mittels Silberjodid-Impfung. Am oberbayerischen Alpenrand engagieren sich hierfür 8000 Mitglieder im Rosenheimer Verein zur Erforschung der Wirksamkeit der Hagelbekämpfung. Gemeinhin zählt diese Methode, die auch in Stuttgart eingesetzt wird, aber nicht zum Geoengineering, da sie nur das Wetter, aber nicht das Klima beeinflusst. Wolken mit Silberjodid zu versetzen, dient dazu, bei Hagelgefahr ein Abregnen auszulösen.
Wetterturbulenzen, die zu Kriegen führen
Wesentlich jünger ist die Geoengineering-Methode der Wolkenaufhellung über dem Meer zur Eindämmung der globalen Erwärmung. Dabei sollen winzige Partikel, etwa Meersalz-Aerosole, in Meereswolken gesprüht werden. Die aufgehellten Wolken sollen mehr Sonnenlicht zurück in den Weltraum reflektieren. Hierzu wird in Würzburg geforscht. „Knallweiße Wolken, die nahe über dem Meer schweben, kühlen lokal“, erklärt Dandekar. Womöglich könnte man das Klima damit sogar global entscheidend beeinflussen. Allerdings bräuchte man dazu wahrscheinlich bis zu 2000 Schiffe mit speziellen Düsen, die Meerwasser in winzige Partikel verwandeln und versprühen. Um effizient sprühen zu können, wäre wohl eine ausgefeilte Nanotechnologie nötig. „Dazu machen wir Laborversuche“, so Thomas Dandekar. Sobald man mit dem Sprühen stoppt, hört der Effekt auf. Diese Klimamilderungsstrategie wäre also reversibel.
Geht man mit den Kategorien „reversibel“ und „irreversibel“ an das Thema Geoengineering heran, müssen verschiedene Methoden „mit äußerster Vorsicht“ angedacht werden, so Dandekar. Dazu gehört die seit Jahren erforschte Eisendüngung im Meer, um Kohlendioxid im Ozean zu binden. Hier besteht die Gefahr großer Algenblüten. Insgesamt sind die Effekte unkontrollierbar.
„Das größte Geoengineering-Experiment sind aber Bauen und Beton, der Autoverkehr und der stetig wachsende CO2-Ausstoß von Industrie und Wohnen“, unterstreicht Dandekar.
Zwischen Hoffnungsträger und unkalkulierbarem Experiment
Natürliche Phänomene wie Erdbeben und Tsunamis, aber auch unvorhersehbare Rückkopplungseffekte machen Geoengineering nach Ansicht der Heinrich-Böll-Stiftung zum „Irrweg“. Auch das Umweltbundesamt warnt vor Risiken. Wie die Behörde mitteilt, lehnt sie vor allem solares Geoengineering, auch Solar Radiation Modification (SRM) genannt, ab. Damit soll die Sonneneinstrahlung verringert werden. Durch SRM könnte das ursprüngliche Klima jedoch nicht einfach wiederhergestellt werden. Es würde ein völlig neues Klima entstehen. Im schlimmsten Fall jedoch könnte dadurch alles noch viel schrecklicher werden. So könnte ein plötzlicher Stopp von solarem Geoengineering, aus welchen Gründen auch immer, laut Umweltbundesamt zu einer Art sprunghaftem Klimawandel mit katastrophalen Folgen führen.
Riskant scheint aber auch zu sein, auf CO2-Entnahmetechnologien samt Speicherung zu setzen. Carbon Dioxide Removal (CDR) nennen sich Methoden, bei denen ausgestoßenes CO2 „zurückgeholt“ oder gebunden wird. Dazu gehört die „Ozeandüngung“, bei der Nährstoffe ausgebracht werden, um das Wachstum von Phytoplankton anzuregen. Das Phytoplankton soll CO2 aufnehmen und binden. Stirbt es ab, sinkt es auf den Meeresboden. Dabei könnte die Gefahr der Versauerung der Ozeane bestehen.
Die AfD regte im Januar eine Debatte im Bundestag zu Risiken von Geoengineering an. Klimamodifikationen, warnt die Fraktion, könnten regionale Starkregenereignisse auslösen oder instabile Wetterlagen verschärfen. Die AfD fordert Regelungen, die den Einsatz von großflächigem Geoengineering mit Ausnahme überwachter Forschungsvorhaben in Deutschland untersagen. Der Antrag wurde vom Bundestag abgelehnt.
Wer das Klima steuert, trägt globale Verantwortung
Viele Techniken zur Klimabeeinflussung seien mit sehr hohen Risiken behaftet, betont Kasimir Buhr, Referent für Energie und Klima beim Bund Naturschutz. Dabei stellten sich auch sicherheitspolitische Fragen: „Wer darf entscheiden, welche Temperatur die richtige ist?“ Steuerten einzelne Staaten das gesamte Klima in ihrem Sinne, könnte dies zum Nachteil anderer Staaten sein.
Stimmt, sagt Ulrike Niemeier vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie. Man müsse sich einmal vorstellen, dass Geoengineering zum Beispiel von Pakistan angewandt würde, erklärt die Wissenschaftlerin. Käme es plötzlich zu heftigen Wetterturbulenzen in Indien, bestünde die Gefahr, dass Indien Pakistan verdächtigt, hierfür verantwortlich zu sein. Was im schlimmsten Fall einen Krieg auslösen könnte. (Pat Christ)
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