Politik

Eine Betreuerin berührt die Hand einer demenzkranken Frau. (Foto: dpa/Ina Fassbender)

04.09.2020

Schreckliche Hilflosigkeit

Die häusliche Pflege alter Menschen war schon immer schwierig, Corona hat die Situation dramatisch verschärft

Die Corona-Pandemie hat den Notstand in der häuslichen Altenpflege weiter verschärft. Auch nach dem Lockdown suchen Menschen verzweifelt Unterstützung bei der Pflege ihrer Angehörigen. Bei der 24-Stunden-Hilfe gibt es saftige Corona-Preisaufschläge und das Risiko schlechter Betreuung ist gestiegen. Viele osteuropäische Pflegekräfte fallen zudem weg. Für die Fachleute ist der graue Markt ein heikles Thema.

Aber auch bei der Tagespflege, die erst nach und nach wieder aufmacht, bei den ambulanten Diensten, in Senioren-WGs oder beim betreuten Wohnen sind die Wartelisten lang. Alten-Pflegekräfte werden verzweifelt gesucht, für sie locken nicht selten Begrüßungsprämien von mehreren Tausend Euro. Zwei Drittel der pflegebedürftigen Angehörigen werden zu Hause in den Familien betreut. Oft sind es die Frauen, die dann überfordert sind, zumal sie oft noch Kinder und den Job bewältigen müssen.

„Wir hatten sehr dramatische Einzelfälle, einige hatten ihre Angehörigen vor dem Lockdown auch aus den Heimen genommen“, sagt Iris Gorke von der Alzheimer Gesellschaft München. „Bei den meisten hat die Demenzerkrankung wegen Corona einen Schub gemacht, sowohl zu Hause als auch in den Heimen“, so die Sozialpädagogin. Und es sei immer noch eine schwere Situation. Die Tagespflege sei nur minimal hochgefahren. „Da fehlt die Perspektive. Anfangs waren die Angehörigen noch stark, aber dann kamen immer mehr und sagten, ,ich kann nicht mehr‘.“

Die Anfragen seien immens. Die häusliche 24-Stunden-Hilfe wird nach Erfahrung der Alzheimer-Gesellschaft von sehr vielen in Anspruch genommen. Je nachdem, ob die Chemie stimmt, kann das die Rettung sein oder überhaupt nicht funktionieren. Geschätzt 300 000 solcher Pflegekräfte arbeiten derzeit in Deutschland. Die Mehrheit der osteuropäischen Kräfte ist ohne Arbeitsvertrag in den Familien beschäftigt, wie der Bundesverband für häusliche Betreuung und Pflege kritisiert, der eine Legalisierung fordert.

Hunde werden eifrig Gassi geführt, die Oma aber sitzt hilflos allein daheim

„Die Anfangszeit der Pandemie war extrem schwierig, weil in der häuslichen Pflege die 24-Stunden-Kräfte wegbrachen. Die Angehörigen hatten große Not, die wir nicht sofort bedienen konnten“, sagt Armin Heil, Geschäftsführer der ambulanten Krankenpflege Tutzing e.V., der auch zwei Tagespflegestätten in Tutzing und Starnberg leitet.

Seit drei Jahren zahlt der Bund monatlich maximal 1995 Euro, wenn ein Angehöriger eine Tagespflege besucht. Einen Platz zu finden, ist jedoch schwer. Das Gleiche gilt für die ambulante Pflege. Viele Dienste sagten, sie seien voll, dabei fehlten ihnen einfach die Pflegekräfte, so Heil. Auch die Qualität bei den häuslichen Hilfen sei enorm gesunken. Er habe einmal auf Wunsch einen Kontrollbesuch bei einer Oma gemacht, die eine 24-Stunden-Hilfe hatte, und die Situation sei eine Katastrophe gewesen, erzählt Heil. Er empfiehlt, die häusliche Betreuung mit einem ambulanten Dienst zu kombinieren.

Die Mehrheit der osteuropäischen Kräfte ist nicht über eine Agentur organisiert. „Das ist ein Dschungel“, sagt Annika Beier (Name geändert), die für ihren dementen Vater in München verzweifelt häusliche Unterstützung suchte. Zudem wohnt und arbeitet die 58-Jährige 500 Kilometer entfernt. Mit der ersten Betreuerin lief es schief, sie verstand schlecht deutsch, vernachlässigte den Haushalt und auch den 84-Jährigen. Schließlich fand Beier, die mit den Nerven bereits am Ende war, eine gute Agentur. Diese half ihr weiter und vermittelte wiederum eine passende Agentur in Polen. „Die erste Frage war: Wie viel Geld wollen Sie ausgeben?“, berichtet Beier. „Je besser die Sprache, desto teurer.“ Sie habe sich wie am Pokertisch gefühlt. Die neue Hilfe aus Polen sei ein echter Glücksgriff. Sie hat einen 35-Stunden-Vertrag und spricht fließend deutsch. „Mein Vater blüht wieder auf und schwärmt, wie er verwöhnt wird“, erzählt die Tochter erleichtert.

Kritiker der Situation hierzulande verweisen gerne auf Österreich. Dort zahlt der Staat zusätzlich zum Pflegegeld einen monatlichen Zuschuss bis zu 550 Euro, wenn man eine Pflegekraft anmeldet.

Der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek sieht darin nicht die Lösung. „Wir müssen das komplette System auf den Prüfstand stellen. Pflege muss die Schicksalsfrage der Gesellschaft werden, und sie muss bezahlbar sein“, so der 67-jährige Sozialarbeiter. „Wir müssen lernen, die Pflege aus der Sicht der Alten und Angehörigen zu sehen.“ Dazu sei eine Kommunalisierung der Pflege nötig. „Wir brauchen in den Kommunen mehr Tagespflegen, mehr Wohngemeinschaften und den Ausbau der Nachbarschaftshilfen“, so Fussek. „Wie kann es sein, dass trotz schlechter Bezahlung und Ausbeutung internationale Konzerne mit deutschen Heimen und in der häuslichen Pflege Rendite machen?“

Häusliche Pflege sollte umsonst sein, wie Kitaplätze auch, Betriebe könnten Tagespflege anbieten, wie sie es bei Betriebskindergärten machen, fordert Fussek. Jeder müsse Verantwortung übernehmen. Hunde würden zweimal täglich Gassi geführt, sagt Fussek. Aber bei der Oma müsse man schon froh sein, wenn sie wenigstens einmal in der Woche an die frische Luft komme.
(Lucia Glahn)

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