Mehr als 630 000 Menschen in Bayern sind pflegebedürftig – und es werden immer mehr. Weil viele Angehörige überfordert und Seniorenheime zu teuer sind, boomt das Geschäft mit illegalen Pflegekräften im Haushalt. Eine legale Alternative fehlt.
Die Polizei schlug vor etwas mehr als einem Jahr zu: Die Einsatzkräfte durchsuchten gleichzeitig an 22 Standorten in Deutschland Wohn- und Geschäftsräume. Der Verdacht: Pflegebetrug in großem Stil. Die vier Verdächtigen sollen über mehrere Jahre hinweg in Rumänien Arbeitskräfte angeworben haben, die dann als Pflegekräfte in Privathaushalten in Deutschland eingesetzt wurden. Steuern und Sozialabgaben wurden wohl keine abgeführt, es fehlte mutmaßlich auch die notwendige Arbeitserlaubnis.
Wie verbreitet diese Schwarzarbeit von illegalen Arbeitskräften in der Pflege ist, darüber kann auch der Zoll keine Angaben machen. „Dies liegt in der Natur der Schwarzarbeit, die sich als Teil der Schattenwirtschaft in der Regel im Verborgenen abspielt“, erklärt eine Sprecherin der Generalzolldirektion. Bekannt ist nur die Schadenssumme, die durch Kontrollen und Razzien aufgedeckt wird: Im ersten Halbjahr 2025 knapp 2,9 Millionen Euro in der gesamten Pflegebranche, auf Bayern entfallen nur etwas mehr als 200.000 Euro.
700.000 Live-in-Pflegekräfte
Die tatsächliche Dimension ist viel größer. Rund 700.000 Personen arbeiten laut Schätzungen des Deutschen Gewerkschaftsbunds mittlerweile als sogenannte Live-in-Pflegekräfte in deutschen Haushalten. Das heißt: Sie leben rund um die Uhr zusammen mit der Person, die sie pflegen. Die Aussicht, in einem deutschen Haushalt zu arbeiten, ist so verlockend, dass es in den mittel- und osteuropäischen Herkunftsländern spürbar ist. In Polen vermittelten die Ableger deutscher Sozialanbieter wie die Diakonie schon Kinderbetreuungsplätze, erklärt Daniel Wagner, Sprecher der Diakonie Bayern. Damit deren Eltern in Haushalten in Deutschland arbeiten könnten.
Nicht alle Live-in-Pflegestellen, die meist von Dienstleistern vermittelt werden, sind illegal. Aber inwieweit die Anbieter Sozialleistungen abführen und sich an deutsches Arbeitsrecht halten, ist nur schwer zu kontrollieren. Auch, weil etliche der Pflegekräfte, die überwiegend aus Mittel- und Osteuropa kommen, sich als selbstständig deklarieren. Ebenso unklar ist oft, über welche Ausbildung sie verfügen. Ohne reguläre Arbeitsverträge gebe es „keine Garantie für fachliche Qualifikation oder Einhaltung von Standards“, warnt der Pflegebeauftragte der Staatsregierung, Thomas Zöller (Freie Wähler).
Warum trotzdem so viele Menschen auf diese Dienste zurückgreifen, ist nachvollziehbar: Sie schließen eine Lücke in der Pflege. Eine häusliche Rund-um-die-Uhr-Betreuung, wie sie viele ältere Menschen benötigen würden, finanzieren die Sozialkassen nicht. Doch die Angehörigen – sofern sie überhaupt in der Nähe leben – sind oftmals überfordert. Laut einer Studie des Sozialverbands vdk gab mehr als ein Drittel der befragten pflegenden Angehörigen an, die häusliche Pflege nur unter Schwierigkeiten oder gar nicht mehr bewältigen zu können.
Ein Platz im Pflegeheim ist unbezahlbar
Ein Platz in einem Pflegeheim ist allerdings für die meisten inzwischen unbezahlbar. Monatlich rund 3000 Euro beträgt der Eigenanteil im Bundes- sowie im bayerischen Durchschnitt. In München können sogar 4000 bis 5000 Euro fällig werden.
Und so greift man zu bezahlbaren, aber möglicherweise illegalen Mitteln. „Der Schattenmarkt ist leider eine tragende Säule in unserem Versorgungssystem“, sagt dazu der Grünen-Landtagsabgeordnete Andreas Hanna-Krahl. Doch statt massiv dagegen vorzugehen, müsse man erst einmal bezahlbare legale Alternativen schaffen. Die Ampel-Koalition hatte sich das vorgenommen, es blieb aber bei der Ankündigung.
Auch bei der neuen Bundesregierung ist das Thema noch nicht viel weiter gekommen. Vonseiten der Pflegebevollmächtigten, Katrin Staffler (CSU), heißt es dazu nur: Es bedarf weiterer Beratungen.“ Den Stillstand beklagt sogar das von Judith Gerlach (CSU) geführte bayerische Gesundheitsministerium. Ihr Haus setze sich seit Jahren für ein legales System ein, etwa durch eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten, erklärt eine Sprecherin. „Bislang hat die Bundesebene allerdings keine entsprechenden Anstrengungen unternommen.“
Auch soziale Dienstleister wie das Bayerische Rote Kreuz mahnen eine baldige Reform an – ebenso wie Vertreter aus der Politik: Der jetzige Graubereich produziere nur Verlierer, findet die Linken-Bundestagsabgeordnete Evelyn Schötz. „Ausbeutung, Rechtsbruch und Scheinselbstständigkeit dürfen nicht normal werden“, betont der AfD-Landtagsabgeordnete Roland Magerl.
Für Wilfried Mück, Verwaltungsleiter der Caritas Bayern, müsste die Politik – bei allem Reformbedarf – auch die Familien wieder mehr in die Pflicht nehmen. Es könne nicht angehen, dass man mit 50 oder 60 Jahren das Vermögen den Kindern überschreibt und dann später die Pflegekosten auf die Allgemeinheit abwälze. „Aber das wird niemand sagen.“ (Thorsten Stark)
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