Politik

Zusammen geht vieles leichter. In Selbsthilfegruppen sind sehr viele Menschen aus Bayern organisiert. (Foto: dpa/Zoonar, Scusi)

29.08.2026

Selbsthifegruppen in Bayern: Gemeinsam stark sein

In Bayern sind rund eine halbe Million Menschen in Selbsthilfegruppen aktiv: Was passiert da eigentlich?

Es ist eine niederdrückende Erfahrung: Der Arzt eröffnet eine schlimme Diagnose. Und schlagartig ändert sich das ganze Leben. Oder es wird einem plötzlich klar: „Ich bin süchtig!“ Manche Menschen erleben Selbsthilfe in dieser Situation als große Unterstützung. Klar ist aber auch: Selbsthilfe ist keineswegs für jeden der richtige Weg.

Im Internet findet sich die richtige Gruppe für das eigene Problem ratzfatz – und sei das Problem noch so rar. Allein im Sozial- und Gesundheitsbereich gibt es bundesweit mindestens 70.000 Selbsthilfegruppen, sagt Theresa Keidel, Geschäftsführerin der Selbsthilfekoordination Bayern (SeKo Bayern). Im Freistaat nehmen rund 500.000 Menschen an etwa 11.000 Gruppen zu über 1400 Themen teil. Darunter die Bayerische Krebsgesellschaft, die Rheumaliga Bayern, der Diabetiker- und Kreuzbund gehören zu den größten Playern.

Im Jahr 2026 flossen bisher rund 13 Millionen Euro an Fördergeldern in Bayerns Selbsthilfeszene. Auch pflegende Angehörige sind darunter. Die Pflege nimmt einen so stark in Anspruch, dass das Sozialleben leidet, sagt Bayerns Pflegebeauftragter Thomas Zöller (Freie Wähler): „Häufig fühlen sich pflegende Angehörige isoliert.“ Hier hilft der Austausch mit anderen Pflegenden. Wird die Selbsthilfegruppe fachlich begleitet, unterstützt dies auch konkret in der Pflege.

Auch Suchtkranke sind eine große Gruppe innerhalb der Selbsthilfeleute. Andreas Obermayer aus Mittelfranken weiß, wie das ist, Tag für Tag seiner Sucht ausgeliefert zu sein: „Ich verbrachte früher jede freie Minute mit Medien.“ 17 Jahre lang. Alles änderte sich durch eine Beziehungskrise vor einem Jahr. Damals hatte der 49-Jährige, der bei lieblosen Eltern aufwuchs, bereits verschiedene Therapien hinter sich. Keine hatte ihn von der Sucht befreit.

Mediensucht sei allenfalls eine Randthema gewesen, damit hätten die Therapeuten nicht viel anfangen können. Der erste Schritt zur Heilung gelang ihm, als er im August 2025 an einer Online-Selbsthilfegruppe teilnahm: „Das hat mir enorm viel gebracht.“

Selbsthilfe ändert sich gerade: durch Blogger

Menschen mit den gleichen Problemen kennenzulernen, sei ungemein entlastend. Während seiner Mediensuchtphase hatte Obermayer nie andere getroffen, die sich stundenlang durch Social Media scrollen oder gamen. Und dadurch zu permanenten Versteckspielen gezwungen sind.

Um ihre Sucht zu verheimlichen, tischen Abhängige den Menschen in ihrem Umfeld ständig Märchen auf. Auch Obermayer erfand gegenüber seiner Frau Ausflüchte. Das will er nicht mehr. In den vergangenen Monaten beschäftigte er sich intensiv mit dem Phänomen Mediensucht. Im April gründete er eine Online-Selbsthilfegruppe. Der Zuspruch war groß. Wobei sich herauskristallisierte, dass der größte Teil der Männer, die sich meldeten, pornografiesüchtig ist. Nachdem sich Obermayer inzwischen auch da eingelesen hat, läuft seine Online-Gruppe nun explizit zu diesem Thema.

Das unbehagliche Gefühl, beim Reden über die eigene Sucht mit emotionalen Abgründen konfrontiert zu werden, ließ zwischenzeitlich einige Männer wieder abspringen. Was zeigt: Selbsthilfe ist nicht für jeden. Manche sind noch nicht so weit, sich ihren Problemen zu stellen. Andere wollen nicht ständig in ihren Problemen wühlen. Davon berichtet Silke (Name geändert) aus Nordbayern, die sich kürzlich in eine Selbsthilfegruppe für Krebskranke begab.

Soll sie die weiter besuchen? Aktuell zweifelt sie: „Statt zwei Stunden im Gruppenraum zu sitzen, würde ich lieber in die Sonne gehen.“ Eigentlich möchte sie auch nicht ständig Revue passieren lassen, was sie durch ihr Tumorleiden durchlebte. Denn es geht ihr wieder gut. Geht es ihr mal nicht gut, hat Silke Freundinnen. In der Selbsthilfegruppe begegnete sie Menschen, die niemanden zum Reden haben: „Ich glaube, die wären ohne die Gruppe verloren.“

Gerade in der Krebsselbsthilfe trifft man auf das Klischee, dass alle mit traurigen Gesichtern im Kreis hocken. Das stimmt nicht, betont Laura Bernhardt vom Krebsmedizinzentrum der Uniklinik Erlangen. Es gibt durchaus fröhliche, unbeschwerte Momente, weiß sie von Patientinnen und Patienten. Das Erlanger Klinikum kooperiert seit Langem mit Selbsthilfegruppen für Krebskranke. 30 sind es aktuell. Bernhardt fällt dabei auf: „Selbsthilfe hat sich verändert.“

Noch gibt es klassische Gruppen. Junge Leute schätzten jedoch zunehmend Blogger, die ihre Erfahrungen online teilen. Eine in Bezug auf die Wirkungen der Selbsthilfe prinzipiell misstrauische Person würde Theresa Keidel von der SeKo Bayern gern auf die SHILD-Studie (Gesundheitsbezogenen Selbsthilfe in Deutschland) verweisen. „Die Ergebnisse zeigen, dass Selbsthilfe durch emotionale Entlastung und soziale Unterstützung wirkt“, sagt Keidel. 90 Prozent der 5000 Befragten gaben an, von den Erfahrungen anderer zu profitieren.

Menschen, die schwer erkranken, beginnen, nach einem Grund zu suchen: Warum ich? Grübelei aber hilft nicht weiter. Nicht zuletzt hier bringt Selbsthilfe laut SHILD-Studie viel: 80 Prozent gaben an, ihre Erkrankung dadurch besser bewältigen zu können.

Keidel wünscht sich, dass auch soziale Selbsthilfegruppen – so wie solche aus den Bereichen Gesundheit und Pflege – künftig öffentliche Förderung erhalten. (Pat Christ)
 

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