Politik

13.04.2023

Soll man die Leiharbeit in der Pflege eindämmen?

Ruth Waldmann, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, ist dafür. Werner Stolz, Hauptgeschäftsführer des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen, hält dagegen.

JA

Ruth Waldmann, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion

Auf den ersten Blick wirkt ja alles ganz positiv. Wo akuter Personalmangel herrscht, greifen Träger von Pflegeeinrichtungen gern auf eine flexible Notreserve zurück, die sofort und unkompliziert zur Verfügung steht: Leiharbeitskräfte. Das ist nachvollziehbar, füllt es doch die Lücken und hilft im Extremfall dabei, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Auch die Pfleger*innen, die bei einer Leiharbeitsfirma angeheuert haben, haben oftmals gute Gründe dafür: Die Arbeitszeiten sind besser planbar, oftmals ist die Bezahlung besser und auch ein kurzfristiges Einspringen für kranke Kolleg*innen ist nicht nötig.

Alles gut also? Leider nein. Denn die vermeintliche Lösung ist in Wahrheit keine Lösung – sie verdeckt nur die Probleme. Leiharbeit verschärft die Situation in der Pflege. Sie wird schnell zur Belastung für die Stammkräfte – beim Dienstplan und bei Krankheitsvertretungen, aber auch in der täglichen Zusammenarbeit. Denn die temporären Kräfte genießen Privilegien bei der Arbeitszeit und sind oftmals nicht ausreichend eingearbeitet. Was sich auch negativ auf die Versorgung der Patient*innen und Pflegebedürftigen auswirkt.

Das Ziel von Leiharbeitsfirmen ist nicht gute Pflege, sondern Gewinnmaximierung. Sie verdienen das Geld aus Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern, welches eigentlich für gute Pflege gedacht ist. Geld, das für eine hohe Versorgungsqualität sowie für bessere Arbeitsbedingungen für die Pflegekräfte eingesetzt werden sollte und dort fehlt. Die Not ist deutlich: Jede dritte Pflegestelle ist nicht besetzt. Das ist auf Dauer mit Leiharbeit nicht zu lösen. Es muss an anderen Stellschrauben gedreht werden, damit der Pflegeberuf für alle Pflegekräfte und auch die Auszubildenden wieder attraktiver wird.

Um die Bezahlung der Pflegekräfte zu verbessern, ist etwa ein allgemeinverbindlicher Branchentarifvertrag notwendig. Und es bedarf grundlegender struktureller Verbesserungen. Wir wollen als SPD daher deutlich mehr in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser investieren. Damit es bald keiner Leiharbeit mehr bedarf.

NEIN

Werner Stolz, Hauptgeschäftsführer des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen

In der Diskussion um den Einsatz von Zeitarbeitsbeschäftigten in der Pflege geraten die Fakten immer mehr ins Abseits. An erster Stelle steht dabei meist das „Ausmaß“ von Personaldienstleistung in der Pflegebranche. Die Bundesagentur für Arbeit stellt dazu fest, dass sich der Anteil der Zeitarbeitnehmer auf einem unauffälligen Niveau etabliert habe.

In der Praxis bedeutet das, dass 2,2 Prozent der in der Pflege Beschäftigten Zeitarbeitskräfte sind. Tendenz steigend: Der gefühlte Anstieg der nominalen Anzahl ist dem Anwuchs der Beschäftigten in der Pflege generell geschuldet. Der Wechsel des pflegenden Stammpersonals in die Zeitarbeitsbranche aufgrund hoher Entgeltversprechen und Rosinenpickerei bei Arbeitseinsätzen basiert auf der Situation, mit der das Personal in der eigenen Branche konfrontiert wird. Fakt ist, dass die Zeitarbeitskräfte in allen Schicht- und Wochenenddiensten eingesetzt sind.

Die Personaldienstleistung fängt Fachkräfte auf, die sich mit der Situation in der Pflege nicht mehr arrangieren können, aber dennoch in ihrem Berufsfeld weiter tätig sein wollen. Mit Zeitarbeit werden sie in ihrem Beruf gehalten, und sie haben die Möglichkeit, diese Brückenfunktion für einen Wiedereinstieg zu nutzen.

Der Vorwurf überhöhter Kosten entbehrt jeder Grundlage. Das Zeitarbeitsunternehmen zahlt nicht nur das Gehalt der Fachkraft, sondern kommt auch für sämtliche sozialen Abgaben auf. Wer eine Zeitarbeitsfachkraft einsetzt, spart nicht nur seine finanziellen und zeitlichen Mittel für Akquise und Recruiting, sondern ist abseits von Kündigungsfristen auch noch frei in der Wahl der Einsatzdauer.

Zeitarbeit bietet ihre klassischen Services: Den Einsatz von Fachkräften bei Arbeitsspitzen oder auch die Vertretung im Krankheitsfall. Nun sind Politik und Pflegebranche selbst gefragt. Oben auf der To-do-Liste stehen attraktivere Arbeitsbedingungen in der Pflege und fundierte Ausbildung.

 

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