Politik

18.07.2019

Soll man Krankenkassen die Kostenerstattung von Homöopathie verbieten?

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach will Krankenkassen verbieten, für Homöopathie zu zahlen. Und bekommt Unterstützung vom Hals-Nasen-Ohrenarzt Christian Lübbers, der sagt: Homöopathie leistet keinen Betrag zur Gesundheitsversorgung. Allgemeinmedizinerin Marieluise Schmittdiel widerspricht

JA

Christian Lübbers, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Sprecher des Informationsnetzwerks Homöopathie (INH)

Seit 2012 dürfen gesetzliche Krankenkassen neben den verbindlichen Regelleistungen sogenannte Satzungsleistungen in ihre Tarife einbauen, die dem Wettbewerb untereinander dienen sollten. So kam auch die Homöopathie in die Kassenportfolios.

In Öffentlichkeit, Medien und auch in der Politik wird zunehmend realisiert, dass die Homöopathie keinen Beitrag zur Gesundheitsversorgung leistet. Homöopathie ist nach dem begründeten Konsens der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft nicht mehr als eine Scheintherapie, die keine spezifische Wirkung entfaltet. Die Basis-prinzipien sind unplausibel und widersprechen wissenschaftlichen Grunderkenntnissen.

Dass viele Menschen der Homöopathie vertrauen, mag zutreffen. Aber tun sie das im Wissen darum, was sie da anwenden? Im Wissen, dass sich niemals eine spezifische Wirkung der Homöopathie hat nachweisen lassen? Im Wissen, dass Homöopathie keine wirksame Naturheilkunde ist? Wohl nicht. Und diese Fehleinschätzung wird genau dadurch befördert, dass Homöopathie als „Kassenleistung“ geadelt wird und damit einen falschen Glaubwürdigkeitsbonus erhält.

Längst ist bekannt, was die scheinbare Wirkung der Homöopathie erklärt: der natürliche Krankheitsverlauf, die Regression zur Mitte, suggestive Faktoren und dazu der Placebo-Effekt. Gute Medizin bietet all das auch – zusätzlich zur spezifischen Wirksamkeit. Letztere ist die Scheidegrenze zwischen Medizin und Scheinmethoden, die immer dann zum Risiko werden, wenn die Grenzen dieser unspezifischen Effekte erreicht oder missachtet werden.

Wer Homöopathie für sich anwenden will, möge das tun. Aber erstens informiert, denn nur so ist Patientenautonomie möglich und zweitens nicht auf Kosten der Solidargemeinschaft. Dass Krankenkassen Marketinginteressen über wissenschaftliche Erkenntnisse stellen dürfen, ist nur sekundär eine Frage der Kosten. Primär ist es eine Frage von Kompetenz und Redlichkeit – und von Vertrauen.

NEIN

Marieluise Schmittdiel, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Zusatzbezeichnung Homöopathie, Beirätin für Politik im Landesverband Bayern, Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ)

Die Erstattung für Homöopathie durch die gesetzliche Krankenversicherung beträgt gerade einmal ein Promille der Gesamtausgaben. Zu wenig, um von relevanten Ausgaben zulasten der Solidargemeinschaft zu sprechen, aber eine gut angelegte Investition in die medizinische Versorgung der Patienten vor Ort.

Der Zeitgeist der Blogosphäre fühlt sich wohl in der Bevormundung. Auch darüber, was gute und was schlechte Medizin ist. Das wirkt ansteckend. Dabei kennen die Wenigsten die Zusammenhänge. Auf der Basis der randomisierten kontrollierten klinischen Studien, der Grundlagen- und Versorgungsforschung ist der therapeutische Nutzen der homöopathischen Behandlung belegt. Vier Metaanalysen zur Wirksamkeit potenzierter Arzneien weisen ein eindeutig positives Ergebnis nach (www.wisshom.de). Homöopathie ist ganz klar evidenzbasierte Medizin.

Ein Blick hinter die Kulissen der Wissenschaftspolitik zeigt zudem, dass es beim vermeintlichen Aufstand um Daten und Wissenschaftlichkeit um mehr geht. Einer Untersuchung des US Office of Technology Assessment zufolge waren nur zehn bis 20 Prozent der in der Medizin genutzten Verfahren wissenschaftlich geprüft.

Es geht auch anders, mit Blick für den Patienten. In einer unvoreingenommenen Evaluierung wurden in der Schweiz Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit homöopathischer Konsultationen in einer Analyse bewertet und unter Einbeziehung des Votums der Bevölkerung in den gesetzlichen Leistungskatalog aufgenommen.

Von den ‘Halbgöttern in Weiß’ zur heutigen Therapiefreiheit und pluralistischer Medizin war es ein langer Weg. Nicht die Homöopathie, sondern die Ausgrenzung von Methoden, nur weil sie theoretisch als nicht plausibel erachtet werden, ist ein Tabubruch an „Vernunft und Aufklärung“. Eine Kombination von wissenschaftlicher Evaluation und demokratischer Mitbestimmung sollte das Vorbild auch für Deutschland sein!

comment

Die Kommentarfunktion steht vorübergehend nicht zur Verfügung.

Die Frage der Woche
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2020

Nächster Erscheinungstermin:
10.Dezember 2021

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 11.12.2020 (PDF, 15 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.