Politik

Am Sonntag geht's los: Markus Söder (CSU) fliegt nach Äthopien. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

10.04.2019

Sorgenland? Warum Söder nach Äthiopien reist

Knapp fünf Tage ist CSU-Chef Söder ab Sonntag in Äthiopien zu Gast. Das Land am Horn von Afrika hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt und verspricht längst nicht nur für Bayern neue Chancen

Auf nach Afrika: Am Sonntag startet CSU-Chef Markus Söder zu einer fünftägigen Reise nach Äthiopien. Bayerns Ministerpräsident hat sich für seine erste große Auslandsreise bewusst eines der wichtigsten Länder Afrikas ausgesucht. Wirtschaftlich wie auch politisch verspricht Äthiopien viele Chancen: Der ostafrikanische Staat mit gut 100 Millionen Einwohnern weist ein rasantes Wirtschaftswachstum auf und hat großen Einfluss auf Migrationsströme. Zudem erlebt das lange mit harter Hand regierte Äthiopien derzeit einen raschen demokratischen Wandel, der es zu einem der Stabilitätsanker des Kontinents werden lässt.

Lange wurden große Teile Afrikas von europäischer Seite - sowohl seitens der Unternehmen als auch der Politik - nur als Problemzonen in Sachen Flüchtlingszuströme gesehen. Die meisten Länder galten wegen Korruption, Konflikten und autoritären Regierungen als zu heikel für Wirtschaftsbeziehungen. Dass viele der Länder doch große Chancen zu bieten haben, hätten andere Investoren schon längst entdeckt - allen voran China. Peking sichert sich nicht nur Rohstoffe, sondern investiert kräftig in große Infrastruktur-Projekte - von einer neuen Bahn in Kenia bis zu Staudämmen in Äthiopien.

Nun wandelt sich auch hierzulande langsam das Bild Afrikas. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wirbt schon länger für mehr Investitionen und Vertrauen in Afrika, im Januar reiste Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Äthiopien, im März folgte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Alle eint die Erkenntnis, dass Investitionen in Afrika viele Vorteile mit sich bringen können: finanziell für die Unternehmen und durch die Arbeitsplätze auch für die Menschen vor Ort. Zugleich können die Wirtschaftsbeziehungen helfen, die Region zu stabilisieren und den Migrationsdruck nach Europa zu senken.

Einer der aussichtsreichsten Player

Äthiopien ist dabei einer der aussichtsreichsten Player. Das Land gilt zwar noch immer als eins der ärmsten der Welt - auf einem UN-Index steht es an 173. Stelle von 189 Ländern. Nach wie vor ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch, in den Städten bei rund 16,7 Prozent. Knapp zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt. Doch der Staat kann das größte Wirtschaftswachstum Ostafrikas vorweisen - für 2019 mit einem prognostizierten Wachstum von 7,2 Prozent. Und aus wirtschaftlicher Sicht ist die junge Bevölkerung auch eine große Chance, ein Fachkräftemangel ist langfristig kein Problem, zumindest wenn frühzeitig entsprechende Ausbildungsangebote gemacht werden.

Die wichtigsten Exportwaren des Landes sind Nahrungsmittel - etwa Kaffee, aber auch Textilien und Bekleidung sowie Leder(waren) und Schuhe. Im Gegenzug importieren die Äthiopier vorwiegend Maschinen, chemische Erzeugnisse, Petrochemie und Auto(teile). Dass sich hier Geschäfte machen lassen könnten, hoffen auch Bayerns Unternehmer - alleine rund 40 Unternehmensvertreter reisen mit Söder in einer Wirtschaftsdelegation an.

Zudem macht Äthiopien einen großen - und vielversprechenden - politischen Wandel durch. Lange galt das Land als verschlossen und wurde mit harter Hand regiert. Doch vor einem Jahr kam ein neuer, junger Regierungschef an die Macht. Seitdem hat der als Superstar bezeichnete Abiy Ahmed viele Reformen angestoßen: von der Aufhebung eines Ausnahmezustands bis zur Freilassung politischer Gefangener und der Ankündigung, Anteile von Staatsunternehmen verkaufen zu wollen.

Bekämpfung der Fluchtursachen vor Ort

Dass sich unter dem 42-jährigen Regierungschef eine Chance in Äthiopien auftut, sieht auch der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD): "Ich bin überzeugt, dass eine effektive und abgestimmte Entwicklungszusammenarbeit - auf Augenhöhe und unter Mitwirkung der Betroffenen - nachhaltige Perspektiven für die Bevölkerung vor Ort schaffen und fördern kann", sagt Ude, der auch Vorsitzender des Stiftungsrates von Menschen für Menschen - Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe ist. "Wenn wir wollen, dass Äthiopien weiter friedlich bleibt und demokratischer wird, wenn wir wollen, dass Äthiopien zu einem stabilen Faktor in Afrika wird, und wenn wir wollen, dass es den Menschen dort langfristig besser geht, dann braucht Äthiopien gerade jetzt unsere Hilfe", betont Ude.

Äthiopien zu unterstützen, kann auch positive Auswirkungen auf die Region haben. Unter Abiy präsentiert sich das Land zunehmend als regionale Macht, die für Stabilität sorgt. Der 42-Jährige schloss im vergangenen Jahr nach 20 Jahren des Konflikts mit Eritrea ganz plötzlich mit dem kleinen Nachbar Frieden. Aus dem repressiv geführten Staat sind bislang Hunderttausende Menschen geflohen: die meisten nach Äthiopien und in den Sudan. Doch das drittgrößte Gastgeberland für eritreische Flüchtlinge ist Deutschland. Fast 50 000 Eritreer leben dem UN-Flüchtlingshilfswerk zufolge in Deutschland.

Das weiß auch Söder: "Damit viele Menschen sich gar nicht erst auf den gefährlichen Weg der Flucht machen, ist die Bekämpfung der Fluchtursachen vor Ort eine gemeinsame internationale Aufgabe", hatte er schon im Dezember in seiner Regierungserklärung zur Auswahl des Reisezieles Afrika erklärt - und damit durchaus für überraschte Blicke aber auch Kritik gesorgt. Auch innenpolitisch könnte dies für die CSU eine gute Wahl sein - mit keinem anderen Reiseziel kann sie sich besser von der AfD abgrenzen.
(Marco Hadem und Gioia Forster, dpa)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Sollen Apotheken Impfungen vornehmen können?

Unser Pro und Contra jede Woche neu
Diskutieren Sie mit!
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2019

Nächster Erscheinungstermin:
29.November 2019

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 30.11.2018 (PDF, 37 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.