Politik

Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche schockierte im Dezember 2016 ganz Deutschland. foto dpa

27.10.2017

"Umweltschutz ist die effektivste Terrorbekämpfung"

Terrorforscher Johannes Jaspersen über den Grund für Anschläge, die Schwächen des sogenannten Islamischen Staates und die Sorge vor rechtsextremen Attentaten

Terroristische Gruppierungen haben wie andere Organisationen mit Struktur, Budgetbeschränkungen und Buchhaltung zu kämpfen. Der Münchner Wissenschaftler Johannes Jaspersen untersucht die Ökonomie des Terrorismus, damit dieser effektiv bekämpft werden kann.

BSZ: Herr Jaspersen, viele Experten haben vor der Bundestagswahl vor Terrorattacken wie in Frankreich gewarnt. Hat es Sie überrascht, dass es keinen Anschlag gab?
Johannes Jaspersen: Überrascht ist das falsche Wort. Es hat meiner Meinung nach bestätigt, dass wir es in Deutschland verstärkt mit sogenanntem Grassroots-Terrorismus zu tun haben, also radikalisierten Individuen. Die sind bezüglich des Zeitpunkts ihres Auftretens von außen kaum steuerbar – selbst wenn der sogenannte IS Interesse daran hätte.

BSZ: Der sogenannte IS hat militärisch deutlich an Boden verloren. Welche Konsequenzen bringt das?
Jaspersen: Darüber gibt es in der Wissenschaft zwei Theorien: Die einen glauben, die Schwächung des IS werde dazu führen, dass er durch ein letztes Aufbäumen wieder versucht, mehr Ressourcen für sich zu gewinnen. Das könnte für mehr Anschläge sprechen. Die anderen glauben, durch den Gebietsverlust fehle das Machtzentrum, die Finanzierung und die Infrastruktur, um anschlagswillige Individuen zu unterstützen. Das schwächt die Bedrohungslage.

BSZ: Warum entstehen überhaupt Terrororganisationen?
Jaspersen: Terrorismus hat die Eigenschaft, politisch zu polarisieren und extremere politische Strömungen im Land zu begünstigen. In Entwicklungsländern entstehen terroristische Organisationen häufig, wenn die Lebensbedingungen der Menschen schlecht und die Nahrungsmittelpreise extrem hoch sind. Grund dafür ist nicht zuletzt der Klimawandel. Langfristig ist Umweltschutzpolitik also eine der effizientesten Methoden der Terrorismusbekämpfung.    

BSZ: Früher dachte man, Armut fördere Terrorismus. Heute weiß man: Terroristen sind eher gebildet und kommen häufig aus oberen Schichten. Warum?

Jaspersen: Weil in vielen Ländern die Rendite von Bildung sehr gering ist. Menschen investieren in die eigene Bildung, profitieren dann aber nicht davon. Diese Frustration kann dann im Einzelfall in einem Attentat enden.

BSZ: Kann Terrorismus als Konzept überhaupt erfolgreich sein?
Jaspersen: Es gibt historische Beispiele, wo der Terrorismus durch seine Zermürbungstaktik sein Ziel erreicht hat – zum Beispiel in Teilen des Endes des britischen Kolonialreichs. Wahrscheinlich sehen sich Terroristen auch in diesem Prozess. Große RAF-Kader glaubten, der Kollaps des kapitalistischen Systems stehe kurz bevor. Das war damals genauso wenig der Fall wie heute. Deutschland steht auch nicht kurz vor der Scharia-Einführung. Das heißt aber nicht, dass radikale Einheiten das genauso sehen.

BSZ: Welche Ziele hatten die Anschläge in Deutschland bisher?
Jaspersen: Da muss man unterscheiden. Manche suchen eine legitimierte Art des Selbstmords – dieser ist religiösen Menschen verboten. Andere suchen nach Anerkennung, und andere haben schlicht Hass auf Deutschland oder die westliche Welt. Bei Organisationen ist das Motiv – neben Rache und politischen Zielen wie ein Abzug von Soldaten – öffentliche Aufmerksamkeit. Sie stehen häufig mit anderen im Wettbewerb um Gelder und Rekruten.

BSZ: Die jüngsten Anschläge in Europa wirkten weniger koordiniert als früher. Wurde das Konzept geändert?
Jaspersen: Das wissen nur Menschen mit hohen Sicherheitsstufen. Ich glaube, die Anschläge vom 11. September 2001 haben dafür gesorgt, dass zentral geplante große Attentate schwieriger durchzuführen sind, weil sie an verschiedenen Stellen infiltriert werden können. Deutschlands Geheimdienste sind sehr erfolgreich. Wenn zum Beispiel die Pläne der Düsseldorfer Zelle aufgegangen wären, wären das sehr verheerende Attentate gewesen.

"Ich fürchte, dass die Polarisierung, die inzwischen selbst aus dem Bundestag von rechten Strömungen betrieben wird, die Gefährdungslage weiter anstachelt"

BSZ: Wie finanzieren sich Terrororganisationen wie der sogenannte IS?
Jaspersen: Zum größten Teil aus Abgaben von Individuen und durch Plünderungen und den Verkauf von Kulturgütern. Man geht mittlerweile davon aus, dass die Außenfinanzierung von anderen Ländern oder halbstaatlichen Einheiten sehr stark zurückgegangen ist. Auch die Öleinkünfte sind quasi gleich null. Ein Großteil der Quellen ist zerstört. Das meiste produzierte Öl wird verwendet, um sich selbst zu versorgen.

BSZ: Werden aus Terrorkämpfern wieder brave Mitbürger, wenn der Sold nicht mehr gezahlt werden kann?
Jaspersen: Das hängt vom Typ und vom Werdegang ab. Die Gymnasiastin, die ein intaktes Elternhaus in Deutschland verlässt, um in Syrien die Ehefrau eines Märtyrers zu werden, macht das nicht aus wirtschaftlichen Motiven – aber solche Opportunisten gibt es natürlich auch.

BSZ: Wird Terror in unseren Breiten eines Tages Geschichte sein?

Jaspersen: Es gibt nicht nur religiösen Terrorismus. Der größte deutsche Terroranschlag war das rechtsextreme Oktoberfestattentat 1980. Ich fürchte, dass die Polarisierung, die inzwischen selbst aus dem Bundestag von rechten Strömungen betrieben wird, die Gefährdungslage weiter anstachelt. Selbst wenn sich durch den geschwächten IS die Gefährdungslage verringert, wird die Polarisierung unserer Gesellschaft diesen Effekt wahrscheinlich wieder kompensieren.

BSZ: Sie versuchen mit ökonomischer Methodik zu erforschen, wie sich Terroristen verhalten. Wie gehen Sie dabei vor?
Jaspersen: Terroristische Gruppierungen sind Organisationen mit einer Organisationsstruktur, Budgetbeschränkungen, Zielen und manchmal sogar einer Buchhaltung. Wir versuchen, mit großen Datensätzen allgemeine Hypothesen über sie aufzustellen und dadurch allgemeine Gesetzmäßigkeiten aus empirischen Daten abzuleiten. Ist eine straff organisierte Terrororganisation erfolgreicher, weil sie Befehle besser weitergibt? Oder eine in ein loses Netzwerk eingebundene, weil sie schlechter infiltriert werden kann? Mit diesen Informationen kann gezielt gegen sie vorgegangen werden.

BSZ: Wie lässt sich Terrorismus bekämpfen?

Jaspersen: Die erfolgreichsten terroristischen Organisationen ziehen große Geldmengen an. Es gibt also keine finanziellen Barrieren, welche sie von Selbstmordattentaten abhalten – Barrieren sind die Attentäter selbst. Um diese knappe Ressource findet zwischen den terroristischen Organisationen ein Wettkampf statt. Hier haben wir einen Ansatzpunkt, indem wir Radikalisierung frühzeitig verhindern. Was nicht hilft, ist die pauschale Dämonisierung von Bevölkerungsgruppen oder eine starke Polarisierung, wie sie von gewissen Strömungen der Politik betrieben wird.

BSZ: Wie ist Bayern bei der Terrorbekämpfung aufgestellt?
Jaspersen: Bezüglich des Schutzes gegen bereits radikalisierte Individuen ist Bayern sehr gut aufgestellt. Nachholbedarf besteht bei der Prävention vor der Radikalisierung. Hier muss der Staat versuchen, aktiver durch Sozialarbeit und andere Maßnahmen vorzusorgen.

BSZ: Haben Sie persönlich Angst, wenn Sie auf Fanmeilen gehen oder in ferne Länder fliegen?
Jaspersen: Die Bedrohungslage durch Terrorismus ist historisch gesehen hoch. Das heißt allerdings nicht, dass sie im Vergleich zu vielen anderen Risiken, denen wir täglich ausgesetzt sind, hoch ist. Ich mache mir mehr Gedanken darüber, mit dem Fahrrad sicher zur Arbeit zu kommen, als Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Wenn wir überall nur noch potenzielle Terroristen sehen, hat der Terrorismus sein Ziel erreicht. (Interview: David Lohmann)

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