Politik

Droht dem Autokraten Viktor Orbán die Abwahl? (Foto: dpa)

11.04.2026

Ungarn vor der Wahl: So kontrolliert Autokrat Orbán die Medien

Anders als Putin lässt Orbán keine Journalisten ​​​​​​​gerichtlich bekämpfen oder sie gewaltsam aus dem Weg räumen. Sein System funktioniert subtiler: Kritische Medien wurden weitgehend aus dem Markt gedrängt der ÖRR mit loyalen Leuten besetzt

Eigentlich will Andrea von Finckenstein ungarische Literatur verlegen. Dazu hat die gebürtige Ungarin in Kempten 2025 einen kleinen Buchverlag gegründet. Sie hat ihn Wahrheitsperlen genannt. Eigentlich will sie weg davon, dass Ungarn auf Viktor Orbán reduziert werde, betont sie. Aber nun hat sie dieses Buch verlegt: Nach der Eroberung – wie Autokraten Medien kontrollieren, erschienen im März, rechtzeitig vor der Wahl in Ungarn diesen Sonntag. Es geht darin um Viktor Orbán und wie er sich seit 2010 mit der Kontrolle der Medien und einer Manipulation des Wahlsystems die Macht in Ungarn sichert.

Wichtigste Wahl in Europa

Die Wahl gilt als die wichtigste in Europa in diesem Jahr, weil Orbán die EU seit Jahren spaltet und dazu mit dem russischen wie dem amerikanischen Präsidenten kooperiert. Auch die Führung der AfD bejubelte Orbáns Kurs.

Das Buch war Finckensteins Idee, um Machtmechanismen und Strukturen sichtbar zu machen. Das mag damit zu tun haben, dass Andrea von Finckenstein den ungarischen Medienmarkt zu einer Zeit des Aufbruchs erlebte, als sie ab den 90ern dort für den Springer Verlag und später für Bertelsmann tätig war.

Sie habe Ákos Tóth bewegt, seine Erfahrungen mit Orbáns Medienübernahme zu schildern. Toth, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der Zeitung Népszabadság (wörtlich „Volksfreiheit“) erlebte mit, wie Orbán nach seinem Sieg 2010 mit einer Zweidrittelmehrheit Mediengesetze änderte und ein System der Medienkontrolle aufbaute. Davor hatte er zweimal Wahlen verloren, wofür er kritische Medien verantwortlich machte.

Fast keine unabhängigen Medien

Der unabhängige ungarische Medienwissenschaftler Gabor Polyak nennt Orbáns Vorgehensweise eine Medien-Übernahme. Anders als Putin läßt Orbán keine Journalisten gerichtlich bekämpfen oder sie gewaltsam aus dem Weg räumen. Sein System funktioniert subtiler: Ausländische Medien-Unternehmen wie Bertelsmann, Springer oder Ringier wurden weitgehend aus dem Markt gedrängt mit rechtlichen Vorgaben, öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Medienaufsicht wurden mit loyalen Führungsleuten und Journalisten besetzt, Zeitungen von Strohmännern übernommen und auf Linie gebracht.

Staatliche Werbegelder erhalten jene, die positiv über Orbán berichten. Ein „engmaschiges Netzwerk aus staatlichen Behörden, wirtschaftlichen Akteuren und regierungsnahen Organisationen“ habe Abhängigkeiten geschaffen, die weit über übliche Regierungsstrukturen hinaus- reichten. „Wirtschaftlich angeschlagene Medien landeten bei Investoren aus dem Umfeld der Regierungspartei, und zentrale Marktakteure wurden durch gezielte Anzeigenströme gesteuert.“ So habe Orbán Medienfreiheit begrenzt.

Ákos Tóth erlebte, wie seine einstige Zeitung nach dem Verkauf an Mediaworks 2016 über Nacht dichtgemacht wurde, weil sie angeblich über Jahre nur Verluste machte. Dabei wies die Bilanz einen Gewinn aus. Die Journalistin Petra Thorbrietz, früher für den ORF tätig, bestätigt das: Népszabadság sei eingestellt worden, obwohl sie wirtschaftlich erfolgreich war. Mehr als 400 Publikationen und Medien landeten in einer Stiftung, die Orbáns Leute kontrollierten.

Thorbrietz beschrieb Orbáns Machtübernahme 2025 im Buch Wir werden Europa erobern!, das auch in Ungarn erschien. Im Gespräch mit der BSZ beklagt sie Versäumnisse der EU, die es unterlassen habe, entscheidende Schritte gegen den Abbau der Medienfreiheit zu unternehmen.

Nach 2010 sei Orbáns Mediengesetz zwar heftig kritisiert worden in Deutschland und auch auf EU-Ebene. Aber CDU/CSU seien diesem Konflikt aus dem Weg gegangen. Dabei hätten vermutlich auch die Interessen der Autoindustrie eine Rolle gespielt. Konrad Bleyer-Simon forscht zum ungarischen Mediensystem am EU-finanzierten European University Institute in Florenz und hat Anfang 2026 ein Grundsatzpapier veröffentlicht über die „Rettung der europäischen Medien aus dem illiberalen Griff“. Er sagt, bei „staatlicher Werbung“, also Informationskampagnen der Regierung, hätte die EU einschreiten können.
Offen bleibt selbst im Fall einer Niederlage Orbáns, ob sich sein System so leicht wieder abschaffen lässt.
(Thomas Schuler)
 

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