Politik

Die überparteiliche Initiative Pulse of Europe spricht viele junge Leute an – im Gegensatz zu den etablierten Parteien. (Foto: dpa)

12.05.2017

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Für junge Leute sind Parteien immer weniger attraktiv – wie kann man sie (wieder) für Politik begeistern?

Welche Partei er wählt? „Keine Ahnung!“, sagt Thomas achselzuckend. Der 19-jährige Bauingenieurs-Student darf bei der Bundestagswahl zum ersten Mal an die Urne. Wo er sein Kreuz macht, weiß er noch nicht. Wählen wird er aber auf jeden Fall. „Gegen Extreme wie die AfD.“ Das ist ihm wichtig. Denn Thomas ist durchaus interessiert – an einer Gesellschaft zum Beispiel, die sich auch um Schwächere kümmert. Im Gymnasium war er Tutor, half Jüngeren, sich in den Schulalltag einzufinden. Und als in sein Dorf bei Eichstätt Flüchtlinge zogen, unterstützte er Aktionen zur Kleidersammlung. Mit Parteipolitik aber kann Thomas wenig anfangen: „Die Parteien unterscheiden sich doch kaum“, meint er. „Und was kann man dort schon bewirken, am Ende wird eh alles ausgeklüngelt.“

Wie gering das Vertrauen der jungen Leute in die etablierten Parteien ist, zeigt auch die Shell-Jugendstudie. 46 Prozent der befragten 12- bis 25-Jährigen sind zwar politisch interessiert. Doch den Satz „Politiker kümmern sich nicht darum, wie ich denke“ unterschreiben 69 Prozent. Die Folge: In keiner Altersgruppe ist die Wahlbeteiligung so gering wie bei den unter 25-Jährigen. Knapp die Hälfte blieb bei der bayerischen Landtagswahl 2013 daheim.

Die CSU ist stark überaltert

Ganz konkret spüren auch die Parteien selbst die Unzufriedenheit der Jungen: Sie überaltern. Das Durchschnittsalter bei Union und SPD liegt bei knapp 60 Jahren, bei den Grünen um die 50. Die größten Probleme hat hierbei die CSU: Nur 1,9 Prozent ihrer Mitglieder sind unter 25, vor 15 Jahren waren es 2,5 Prozent. Die bayerische SPD verzeichnet aktuell 3,8 Prozent unter 25-Jährige – 0,6 Prozent mehr als vor 15 Jahren. Besser sieht es bei FDP und Freien Wählern aus: Der Anteil der unter 25-Jährigen dort beträgt 6,7 beziehungsweise 6,3 Prozent – Vergleichszahlen für das Jahr 2002 existieren nicht. Und die bayerischen Grünen führen angeblich überhaupt keine Altersstatistik; eine Parteisprecherin will dennoch steigende Mitgliederzahlen erkennen.

Ein Lichtblick: Der Brexit- und Trump-Effekt spülte neue Mitglieder in nahezu alle Parteien – doch ist das eine echte Trendwende? Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, gibt zu bedenken: Bei dramatischen Veränderungen in der internationalen Gemeinschaft sei das nicht neu. „Die Parteien tun sich aber schwer, junge Leute dauerhaft an sich zu binden.“ Der Grund: „Für viele Jugendliche soll das Leben wie eine App funktionieren. Drückt man auf einen Knopf, muss sich sofort etwas ändern.“

Aber so ist Politik eben nicht. Schon gar nicht in einer Demokratie – wo vor Entscheidungen erst mal diskutiert wird. „Das ist aber kein Makel, sondern ein Vorzug“, betont Münch. Doch diese Einsicht fehle der jüngeren Generation. „Und das hat ganz massiv mit einer unzureichenden politischen Bildung zu tun“, sagt die Politologin. Sie fordert, die Themen Politik und Demokratie in der Schule stärker zu verankern.

Bei Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), rennt Münch damit offene Türen ein. „Eine Stärkung der Demokratieerziehung in allen Schularten ist dringend nötig“, sagt sie. „Dazu braucht es aber weder ein neues Fach noch neue Projekte.“ Mit der Abstimmung über das nächste Ausflugsziel etwa würden demokratische Prozesse bereits für Grundschüler direkt erfahrbar.

Der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann, Mitautor der Shellstudie, verweist darauf, dass sich junge Leute sehr wohl engagieren. Aber eben nicht in Parteien. Ein Drittel der unter 25-Jährigen gibt an, sich für soziale, politische oder gesellschaftliche Ziele einzusetzen. Tatsächlich sind bei Umweltorganisationen wie Greenpeace oder Greencity über 30 Prozent der Ehrenamtlichen unter 25. Bei der Münchner Ehrenamtsagentur Tatendrang, die ehrenamtliche Helfer für nahezu alle Bereiche vermittelt, liegt der Anteil der unter 29-Jährigen bei gut einem Drittel. Der beliebteste Bereich dort: Sport.

Parteien und deren institutionalisierte Abläufe schreckten Jugendliche ab, glaubt Hurrelmann. „Sie wollen nicht in einer Organisation gefangen sein, in der sie die Regeln nicht aktiv mitbestimmen können.“ Was also tun? „Parteien müssen die jungen Leute abholen“, sagt Hurrelmann. Mit Aktionen zu bestimmten Themen etwa. „Denn die junge Generation fragt heute bei allem: Was bringt mir das“, so Hurrelmann.

Beim Thema EU erkennen bereits jetzt immer mehr junge Leute, wie bedeutend ein vereintes Europa für ihre Zukunft ist. Die in der Folge des Brexit gegründete überparteiliche Bürgerinitiative Pulse of Europe etwa versammelt in ihren Reihen ganz offenkundig viele junge Leute. Die Parteien täten also gut daran, das Interesse der Jungen an Europapolitik wachzuhalten. Was auch helfen könnte: mehr Jungpolitiker als Zugpferde und Vorbilder. Helfen könnte da, sagt Hurrelmann, eine Jugendquote für Parteilisten. In der Debatte ist zudem seit Langem eine Absenkung des Wahlalters – was Grüne, SPD, FDP und auch der Bayerische Jugendring fordern. Vehement lehnt das die Partei mit dem geringsten Jugendanteil ab: die CSU. Mit 16 wählen: Das würde ohnehin nur Sinn ergeben, wenn man im Gegenzug die politische Bildung in der Schule stärkt. Was so oder so eine gute Idee wäre. (Angelika Kahl, Waltraud Taschner)

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