Politik

Reinhard Kardinal Marx am 6. Mai: Zwei Tage nach seinem Rücktrittsangebot feierte der Münchner Erzbischof einen Gottesdienst mit Altarweihe. (Foto: dpa/Matthias Balk)

09.06.2021

Wie geht es jetzt weiter im Münchner Bistum?

Mit dem Erzbistum München und Freising erlebt eins der größten, bedeutendsten und reichsten katholischen Bistümer in Deutschland stürmische Zeiten. Kardinal Marx will sein Bischofsamt niederlegen. Und jetzt?

Der 4. Juni 2021 war ein denkwürdiger Tag für die katholische Kirche in Deutschland: Kardinal Reinhard Marx, ein Nachfolger von niemand geringerem als Joseph Ratzinger im Amt des Erzbischofs von München und Freising, will dieses Bischofsamt niederlegen. Zu schwer wiegt seiner Ansicht nach die Schuld, die die Kirche insgesamt sich auferlegt hat mit dem massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester und Ordensleute.

Wie geht es jetzt weiter im Münchner Bistum?
Die Antwort weiß ganz allein der Papst. Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) kann es Wochen dauern oder sogar Monate, bis er über das Rücktrittsgesuch von Marx entschieden hat. "Papst Franziskus ist kein Papst, der Dinge schnell übers Knie bricht", sagt der Kirchenrechtler Thomas Schüller, Direktor des Institutes für Kanonisches Recht an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster. Er werde "gut überlegen, ob er den Verzicht annimmt".

Daniel Bogner, Professor für theologische Ethik an der Universität Freiburg in der Schweiz, glaubt dagegen, dass Franziskus sich nicht allzu lange Zeit lassen wird. "Da Kardinal Marx seinen Rücktrittswunsch bereits öffentlich gemacht hat, kann es sehr schnell gehen", sagt er. Der Schritt sei mit dem Papst abgesprochen. "Ich gehe deshalb davon aus, dass die Reaktion des Papstes nicht lange auf sich warten lassen wird."
Wie wahrscheinlich ist es, dass der Papst das Rücktrittsgesuch annehmen wird?

"Rücktrittsangebote werden in der Regel angenommen und werden vorher zwischen Rom und dem Rücktrittswilligen auch politisch abgeklärt", sagt Schüller. "Hier gibt es keine Überraschungen." Allerdings gibt er zu bedenken, dass die Annahme des Rücktritts für den Papst auch schwierige Konsequenzen haben kann: "Sollte er ihn annehmen, muss er einen Plan haben, wer neuer Erzbischof von München-Freising werden soll", sagt Schüller. "Da neben München auch Hamburg und Köln möglicherweise zu besetzen sein werden, stellt sich für Rom grundsätzlich die Frage, wo die neuen Erzbischöfe überhaupt herkommen sollen. Denn die katholische Kirche in Deutschland leidet unter einem eklatanten Mangel an Klerikern, die für das Bischofsamt überhaupt in Frage kommen."

Wenige Wochen vor Marx hat auch der Hamburger Erzbischof Stefan Heße dem Papst seinen Rücktritt angeboten - im Gegensatz zu Marx nicht ganz freiwillig, sondern wegen nachgewiesener Verfehlungen im Umgang mit Missbrauchsfällen. Der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, steht seit Monaten im Feuer der Kritik und wird nun von zwei Apostolischen Visitatoren begutachtet.

Wie häufig sind Rücktritte von Bischöfen in Deutschland?
Nach Angaben der DBK muss ein Bischof mit Erreichen des 75. Lebensjahres seinen Rücktritt gemäß Kirchenrecht beim Papst einreichen. "Das heißt: Rücktrittsgesuche sind etwas völlig normales und kirchenrechtlich verpflichtendes", sagt DBK-Sprecher Matthias Kopp. Einige Bischöfe hätten in der Vergangenheit das Rücktrittsgesuch allerdings bereits vor dem 75. Lebensjahr eingereicht - "meist aus gesundheitlichen Gründen". Wie viele das seit 1945 waren, lasse sich nicht so schnell recherchieren.

"Das kommt sehr selten vor, weil es dem Amtsverständnis widerspricht: Dass das kein "Job" ist, den man sich selbst ausgesucht hat, sondern ein "Dienst", zu dem man berufen ist und dem Papst gegenüber im Gehorsam verpflichtet", sagt Bogner. "Fehler in der Amtsführung werden wegen dieses Amtsverständnisses viel weniger schwer gewichtet, als es eigentlich nötig wäre. Beim Thema Missbrauch zeigt sich diese Problematik in besonders skandalöser Weise."

Gerade erst hat der Hamburger Erzbischof Heße seinen Rücktritt angeboten. Und Schüller nennt noch weitere Beispiele aus jüngerer Vergangenheit: Franz-Peter Tebartz-van Elst aus Limburg oder Bischof Walter Mixa aus Augsburg, der nach Vorwürfen, er habe Kinder geschlagen, zurücktrat.

Was macht den Rücktritt von Marx so besonders?
"Das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx ist auch wegen des Zeitpunkts außergewöhnlich: Es kommt relativ spontan, aus freien Stücken, nicht erst am Ende einer zermürbenden öffentlichen Diskussion", sagt Bogner. "Marx sendet mit seinem Rücktrittsgesuch eine wichtige Botschaft: Es gibt in dieser Kirche mit ihrer oft menschenfeindlichen Systemlogik und ihren institutionellen Sturheiten auch im Hochklerus Amtsträger, deren Gewissen intakt ist und deren moralischer Kompass dann richtig ausschlägt." Bogner sagt: "Kein großer Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für die Katholische Kirche."

Was geschieht, wenn der Papst Marx' Rücktrittsangebot annimmt?
Das Domkapitel wählt dann einen Administrator, der das Bistum führt. Nach Angaben Bogners übernimmt für die Zeit der sogenannten Sedisvakanz, also den Zeitraum, in dem ein Bischofsstuhl nicht besetzt ist, in der Regel jemand aus dem engeren Kreis der bisherigen Bistumsleitung die Aufgabe, etwa einer der Weihbischöfe. Ein neuer Erzbischof wird dann vom Papst ernannt - und zwar gemäß der Normen des zwischen dem Freistaat Bayern und dem Heiligen Stuhl geltenden Konkordats aus dem Jahr 1924.

Wann würde ein Nachfolger für Marx feststehen?
Nach Angaben der DBK würde das "mehrere Monate dauern". "Genaue Zeitangaben sind nicht möglich." Schüller spricht sogar von einem Zeitraum bis zu einem Jahr. "Das Domkapitel von München, aber auch die anderen bayerischen Bischöfe dürfen dem Papst Vorschläge unterbreiten", sagt er. Der Nuntius in Deutschland befrage dann geeignete Frauen und Männer, die über die Vorgeschlagenen Informationen geben können. Dann könne der Papst aus dieser Liste einen Mann zum neuen Erzbischof ernennen.

"Das Münchner Domkapitel darf ihm nur eine Vorschlagsliste schicken, aber der Papst hat die freie Wahl", sagt Bogner. "Es ist ein typisches Element der monarchischen Kirchenverfassung, die in der Regel eben keine verbindlichen Beteiligungsrechte der Ortskirchen kennt."

Wer käme denn als Nachfolger von Marx überhaupt infrage?
Laut DBK kann "jeder geweihte Priester aus dem gesamten Bundesgebiet Erzbischof von München und Freising werden". Allerdings sei es bei Erzbistümern "üblich, dass deren Oberhirten bereits einige Jahre Erfahrung auf anderen Bischofssitzen sammeln konnten", sagt Bogner. "Eine strenge Voraussetzung ist das aber nicht. Da der Papst die vollkommene Freiheit in der Besetzung hat, kann es gut sein, dass jemand von außerhalb des Bistums oder auch Bayerns berufen wird. Das war ja bei Kardinal Marx auch der Fall. Das hat, wie so oft, Vor- und Nachteile."

Nach Angaben von Rafael Rieger, Professor für Kirchenrecht und Kirchliche Rechtsgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, muss ein Bischofskandidat sich laut Kodex des kanonischen Rechtes auszeichnen "durch festen Glauben, gute Sitten, Frömmigkeit, Seeleneifer, Lebensweisheit, Klugheit sowie menschliche Tugenden". Er muss mindestens 35 Jahre alt und seit wenigstens fünf Jahren Priester sein, einen "guten Ruf" haben und in der Regel einen Doktortitel in Theologie haben. "Theoretisch könnte auch jemand aus dem Ausland berufen werden, wie das in Skandinavien, Afrika, Asien und Lateinamerika gang und gäbe ist", sagt Rieger. "Allerdings ist dies meines Wissens in Deutschland noch nie geschehen."

Welches Zeichen könnte Franziskus mit einem Nachfolger für Marx setzen?
"Der Papst könnte eine Person bestimmen, die den von ihm angedachten Reformkurs auch explizit thematisiert und darin noch einige Schritte weiter geht, als Marx es von seiner Herkunft und Generation her konnte", sagt Bogner. "Er könnte jemanden berufen, der mit dem Gewicht des Münchner Bischofsstuhles eine Erneuerung der Kirchenverfassung fordert, demokratische Elemente, Geschlechtergerechtigkeit und verbindliche Teilhabe des Gläubigen an Entscheidungen."
(Britta Schultejans, dpa)

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