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Besondere Preziosen stellen innerhalb der Forstbotanischen Sammlung die Präparate in vergälltem Alkohol dar: Theoretisch würden sie jederzeit die Möglichkeit zu mikroskopischen Untersuchungen bieten. Hierfür ist freilich wichtig, dass in den undichten Gläsern der Alkoholstand nachgefüllt wird. (Foto: Jan Kopp)

19.06.2020

Ein kostbares Archiv der Natur

Die alte forstbotanische Sammlung der LMU München ist nicht „tot“, sondern birgt rares Genmaterial

Das Archiv der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) enthält neben der schriftlichen Überlieferung dieser nun fast 550-jährigen Einrichtung auch über 20 wissenschaftliche Sammlungen, die seinerzeit dazu dienten, Lehre und Forschung zu unterstützen. Ein besonderer Schwerpunkt kann im naturkundlichen Bereich ausgemacht werden: Hierher gehören das sogenannte Botanische Museum (eine universitäre Schausammlung, die lange in der Botanischen Staatssammlung untergebracht war) ebenso wie getrocknete Pflanzen aus der Chemie und Pharmazie, außerdem die Forstbotanische Sammlung, letztlich ein dem Botanischen Museum sehr ähnlicher Bestand, allerdings mit Schwerpunkt auf der Forstwissenschaft. Während die Botanik eher nach Lebenszyklus, Stoffwechsel, Wachstum und Aufbau der Pflanzen fragt, erforscht die Pharmazie mehr deren Wirkung im Rahmen von Arzneimitteln. Um die Entwicklung der Forstwissenschaft an der LMU und um die Sammlung der Forstbotanik soll es nachfolgend in der Hauptsache gehen.

Abspaltung von den Philosophen

Es war ein langer Weg, bis es 1971 an der Universität München zur Gründung einer Forstwissenschaftlichen Fakultät kam. Die Anfänge dieser Disziplin sind in Ingolstadt, also am ersten Standort der Hohen Schule (1472 bis 1800), zu suchen. Während der frühen Neuzeit galten die naturkundlichen Fächer als Hilfsdisziplinen der Medizin. Die Botanik wurde also von einem Professor der medizinischen Fakultät vertreten. Seit dem späten 18. Jahrhundert ist im Rahmen der Ausdifferenzierung der Spezialfächer ein Abwandern auch der Botanik an die philosophische Fakultät festzustellen. Zur Gründung einer naturwissenschaftlichen Fakultät kam es aber erst 1867, und zwar durch Abspaltung von den Philosophen.

Einen eigenen, von den anderen Naturwissenschaften getrennten Weg nahm die Forstwissenschaft. An der Wendezeit um 1800, als die LMU an ihren zweiten Standort Landshut übersiedelte (1800 bis 1826), wurde das sogenannte Kameralinstitut gegründet, die Vorläufereinrichtung einer fünften Fakultät neben Theologie, Rechtskunde, Medizin und Philosophie. Das Kameralinstitut beinhaltete so verschiedenartige Disziplinen wie Polizeiwissenschaft, Technologie, Finanzwissenschaft, Wechselrecht, Bergbau und Landwirtschaft. Es war wegen der inhaltlichen Verortung gleichwohl folgerichtig, die Forstwissenschaft dieser Einrichtung zuzuweisen. Mit dem Umzug nach München 1826 etablierte sich die Kameralistik als fünfte Staatswirtschaftliche Fakultät, die bis heute in den 1974 gegründeten Fakultäten für Volks- und Betriebswirtschaftslehre fortlebt. 1971 hatte sich die Forstwissenschaft abgelöst, sie ging 1999 von der LMU an die Technische Universität München über. Alle Fragen, die mit Wald, Forst und Holz zusammenhängen, erhielten auf dem Campus Freising-Weihenstephan eine neue Unterbringung.

Die forstwissenschaftlichen Sammlungen, soweit sie sich in Weihenstephan befanden, konnten aus Platzmangel dort nicht länger vorgehalten werden. 2019 kamen sie, zusammen mit der älteren Aktenüberlieferung, zurück an die LMU, und zwar in deren Archiv. Diese Rückführung war nur aufgrund des Entgegenkommens der Hochschulleitung möglich: Sie trug die Umzugskosten, stellte Räume zur Verfügung und hat sie mit Regalen ausgestattet. Desideratum für die Zukunft ist es, diese äußerst umfangreichen und teilweise recht fragilen Bestände zu erschließen und zu konservieren. Eine Sonderausstellung oder eine digitale Präsentation wäre ein erster Schritt in diese Richtung.

Die geschilderten Strukturen zeigen, dass in München für den theoretisch-universitären Unterricht in Forstwissenschaft gut gesorgt war. Aber wie stand es in Bayern um die praktische Ausbildung einerseits und um die forstwissenschaftliche Forschung andererseits?

Als Ausbildungsstätte, insbesondere in den Grundlagenfächern für die künftigen Forstbeamten des Königreichs Bayern, gab es unter wechselnden Namen von 1807 bis 1910 die Forstliche Hochschule Aschaffenburg. 1878 wanderte ein Teil dieser Forstlehranstalt nach München, die vollständige Verlegung der propädeutischen forstlichen Ausbildung nach München fand 1910 statt. Die Staatswirtschaftliche Fakultät erlangte dadurch noch größere Bedeutung. Einen Niederschlag hat die Forstliche Hochschule Aschaffenburg übrigens auch im Archivgut der LMU gefunden: So pflegte die Universität München seit Beginn hochschulpolitischen Austausch mit der Schwester in Aschaffenburg, außerdem war sie in die Verleihung der forstwissenschaftlichen Ausbildungsstipendien eingebunden.

Ludwig II. und die Forstwissenschaft

Ein besonderes Interesse scheint König Ludwig II., der ohnehin offen für Themen der Technik war, für die Forstwissenschaft besessen zu haben. Unter Ägide des Königs wurde 1881 die Forstliche Versuchsanstalt in München gegründet und in eine organische Verbindung mit der Staatswirtschaftlichen Fakultät gesetzt. Deren Gebäude steht noch heute an der Amalienstraße, es beherbergt nun das Historicum der LMU. Im dahinterliegenden Garten erinnern noch zahlreiche seltene Bäume an die ursprüngliche Bestimmung. Außerdem befindet sich dort ein Gedenkstein als Kennzeichnung des ehemaligen Orts der forstwissenschaftlichen Lehre und Forschung an der Universität München. Die Forstliche Versuchsanstalt gliederte sich in folgende Abteilungen: Institut für Pflanzenpathologie und Forstbotanik, Institut für angewandte Zoologie, Institut für Meteorologie und Klimatologie. 1992 wanderte auch sie auf den Campus Freising-Weihenstephan und trägt seitdem den Namen „Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft“.

Schon an der Universität Ingolstadt gestaltete sich die Ausstattung mit Lehrmitteln ziemlich zufriedenstellend. Nach einer – allerdings nicht durch andere Quellen gestützten – Notiz sollen den dortigen Professoren bereits 1555 absolut tadellose Muster von Pflanzen, Früchten, Samen, Hölzern, Rinden, Gummi, von Land-, Wasser- und fliegenden Tieren, von Edelsteinen, Mineralien, Metallen und Erden zur Verfügung gestanden haben. Mit Ausnahme von Astronomie und Physik handelte es sich bei diesem Fundus um alle für das Studium der medizinischen Hilfswissenschaften nötigen Objekte. Einen baulichen Niederschlag fanden diese Grundlagenfächer in Verbindung mit den eigentlichen medizinischen Disziplinen 1723 im sogenannten Exerzitiengebäude (heute: Deutsches Medizinhistorisches Museum), ein großzügiger Zweckbau mit dem anatomischen Theater in der Mitte und den Sammlungsräumen zu beiden Seiten. Vor der prächtigen Fassade breitete sich der Botanische Garten aus, also eine Lebendsammlung im Gegensatz zu den Trockenpräparaten im Gebäude... (Claudius Stein)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in UNSER BAYERN, Ausgabe Mai/Juni 2020 (BSZ Nr. 19. vom 8. Mai 2020)

 

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