Unser Bayern

Die Ansicht (Privatbesitz mit Genehmigung Lutz Müller) zeigt das Obermaintal, rechts mit der von Felix Mendelssohn Bartholdy noch als Kloster bezeichneten Anlage von Banz. (Foto: Staatsbibliothek Bamberg/Gerald Raab)

15.09.2023

Genies im Geheimen

Felix Mendelssohn Bartholdy und sein Umkreis in Franken und Altbayern: Inspiriert von Land und Leuten

"Franken ist ein göttliches Land“, schrieb kein Geringerer als Felix Mendelssohn Bartholdy 1827 an seine Familie nach Berlin. „Will man sich heimisch und wohl fühlen, zwischen lauter Gärten und Spaziergängen reisen, will man die ausgebreitetste Fruchtbarkeit mit schönen Bergformen verbunden sehn und genießen, so muß man nach Franken. Ich befinde mich in diesem Augenblicke so behäbig, daß ich glaube der Erzbischof von Bamberg zu seyn.“

Behäbigkeit erschien dem 1809 geborenen Felix, der schon vor 1827 und zeitlebens unermüdlich auf Reisen war, der viel komponierte, zahllose musikalische Auftritte und Verpflichtungen hatte, vielleicht schon in jungen Jahren als etwas sehr Wertvolles. In Berlins kulturellen Kreisen war er bereits präsentiert worden, sein Lehrer hatte ihn zu Goethe und sein Vater nach Paris mitgenommen. Auch auf jener Reise 1827 durch Süddeutschland galt es, das „geistige Terrain zu erweitern“, wie es Wilhelm Seidel in der zwölfbändigen Ausgabe von Mendelssohns Briefen formulierte.

Felix wollte sich gleichzeitig heimisch fühlen und war vor allem in Oberfranken, zusammen mit zwei seiner Kommilitonen, heiter und glücklich. Vorher, im Thüringer Wald, erging es den Jungs noch ganz schlecht: „Es ist ein einförmiges, ziemlich langweiliges Gebirge, nur ein schöner Punct darin, Dorf Schwarzburg, die Wirthshäuser entsetzlich, die Leute verdrießlich faul, die Wege schlecht, das Wetter unerfreulich.“ Die verdrießlichen Leute konnten mit so einem jungen Genie anscheinend nichts anfangen. In Sonneberg wurde die Stimmung noch schlechter: Statt Braten bekamen sie Gurkensalat. Das Bier klassifizierte Felix als „infam“ und „magenzerreißend“.

In Coburg, „wo der Eingang ins Frankenland ist“, wurde dann alles besser: „Ein treffliches süddeutsches Wirthshaus. Theater ... Das Orchester ist recht gut.“ Auch das Abendessen mundet, ebenso die Flasche Würzburger Wein, das Nachtquartier ist bequem. Über den nächsten Tag schrieb Felix: „Gestern früh besahen wir uns in Gesellschaft eines schwarz und silbern gekleideten Bergmannes aus Freiburg, der sich uns anschloß, die Festung und die Stadt, freuten uns der Lage, denn Franken liegt einem da wie eine lebendige Landcarte zu den Füßen ausgebreitet, und um elf Uhr gings hinein nach dem oben erwähnten Kloster Banz. Gott welches Land! ... durch Dörfer und Städte und Klöster und Thürme windet sich der Mayn im Schlangenlaufe ... und wer da nicht ein Klotz ist, der muß jauchzen und glücklich seyn.“ Soll man mutmaßen, dass der später berühmte Felix Mendelssohn Bartholdy von der Banzer Terrasse aus insgeheim einen eigens komponierten fränkischen Jodel-Jauchzer herausgelassen hat?

Geheimtipp Franken

Er glaubte an die Familie so euphorisch schreiben zu müssen, weil Franken damals vielleicht schon wieder eine Art Geheimtipp war. Früher hier wirkende Genies wie die Baumeister Balthasar Neumann und die Dientzenhofer, die Markgräfin Wilhelmine, die renommierten Bamberger Ärzte wie Adalbert Friedrich Marcus und Carl Jakub Dirof, Dichter wie E. T. A. Hoffmann und Philosophen lebten nicht mehr vor Ort. Die fränkischen Zeiten eines Alexander von Humboldt oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel, deren Vorlesungen die Mendelssohns in Berlin besuchten, waren längst vergangen. Ihr Auftreten geschah damals sowieso eher in elitären Kreisen, fast im Geheimen also. Friedrich Schellings Bamberger Vorlesungen 1800 etwa waren sowieso „privatissime“.

Doch zurück nach Banz. Nach dem Genuss der Aussicht betrat Felix die Klosterkirche und bestieg die Orgelempore. Dort bekam er ein Notenbuch gezeigt, aus dem er sich – vielleicht heimlich? – eine Melodie kopierte. Man stelle sich vor: Möglicherweise beruht eine der großen Sinfonien von Felix Mendelssohn Bartholdy unbekannterweise auf einem oberfränkischen Notenbuch! Danach spielte er – fast ohne Zuhörerschaft – ein Phantasie­stück auf der Orgel sowie eine Fuge von Johann Sebastian Bach. Das erinnert an einen Großneffen dieses Meisters, der lange Zeit in Lahm im nahen Itzgrund wirkte – im Grunde war auch er ein Genie im Geheimen.

Lebendiges Bamberg

Vom südlich gelegenen Bamberg, der nächsten Reisestation, schwärmte Felix in so farbigen Sätzen, als wolle er ein Gemälde beschreiben: „Die Stadt ist alt, voll Giebelhäusern, mit Kapellen, Klöstern, schwarzen Kirchen und ihren zackig spitzen Thürmen erfüllt, die Straßen belebt mit Verkäufern, Kaufenden, Spaziergängern, blauen Soldaten, schwarzen Geistlichen und bunten Bäuerinnen, und steigt man in die Höhe, so sieht man über die rauchigen Dächer hinweg, die Fruchtebene in dem blauen Farbenspiel der Ferne liegen.“

In der Ebene besuchten die neugierigen Studiosi den südlich der Stadt gelegenen Theresienhain und genossen mit der versammelten Bürgerschaft einen „Galoppwalzer“, von dem sich ein Exemplar in der Staatsbibliothek Bamberg erhalten hat. Drei Jahre später kam Felix auf seiner Reise in den Süden – bis nach Italien – noch einmal durch Bamberg und borgte sich Geld.

Einige Jahre vorher, im Jahre 1808, weilte seine Tante an der Regnitz: die weniger beachtete, aber im Grunde nicht unbedingt minder geniale und einflussreiche Schriftstellerin Dorothea Schlegel, geborene Mendelssohn. Sie war die Gemahlin von Friedrich Schlegel, der die berühmte Programmatik der Romantik mit der „Progressiven Universalpoesie“ entworfen hatte. Dorothea Schlegel wollte ihre heute fast völlig vergessene Freundin, die Dichterin Karoline Paulus, besuchen, die zu den heimlichen Geliebten Hegels zählte und einen außerehelichen, geheim gezeugten Sohn mit dem Arzt-Genie Adalbert Friedrich Marcus hatte. Der Besuch Dorothea Schlegels blieb mehr oder weniger im Verborgenen, da sie während der Zeit krank war und das Bett hüten musste. In einem Brief beschrieb sie später die Strapazen auf der Rückreise, vor allem wieder einmal nördlich von Franken, diesmal im Vogtland.

Bereits im Jahre 1800 hatte ihre Schwägerin, die Schriftstellerin Caroline Schlegel, die mit dem Bruder von Friedrich, mit August Wilhelm Schlegel, verheiratet war, eine heimliche Affäre in Bamberg, nämlich mit dem genialen Philosophen Friedrich Schelling. Auch ihre Tochter Auguste aus einer früheren Ehe war mit nach Bamberg gekommen. Sie setzte ihre Begeisterung für den von Felix Mendelssohn Bartholdy besuchten Bamberger Hain für eine Freundin in folgende Worte: „Aber der Weg dahin ist sehr schön, stell Dir vor, man geht längst dem Flusse, der Redniz heißt, hin, zur rechten das Wasser und zur linken einen sehr schönen Eichenwald, auf der anderen Seite des Flusses eine Kette von schönen grünen Hügeln, die sich im Wasser spiegeln und oben mit niedlichen kleinen Gartenhäuserchen gekrönt sind. Vor sich in der dunklen Ferne sieht man Buch liegen, und wenn man zurücksieht, so erhebt sich die Stadt mit all ihren Thürmen aus dem Wasser, kurz es ist eine himmlische Gegend, und so eine schöne Aussicht in der Ferne nach Erlangen zu, ich kann Dirs gar nicht beschreiben.“

Leider starb die 1785 geborene Auguste noch im gleichen Jahr, also 1800, in Bad Bocklet an einer nicht bekannten Krankheit, und zwar keineswegs im Geheimen, denn die ganze Familie der Romantiker*innen nahm daran schmerzlichen Anteil. Heute erinnert in dem fränkischen Badeort leider nichts mehr an sie.

Felix zog 1827 weiter nach Nürnberg, wo er sich einige Tage aufhielt und viel besichtigte, manches in seinen Briefen jedoch nur relativ kurz und gleichsam pflichtschuldig abhandelte. Mit der Bamberger Behäbigkeit schien es vorbei zu sein. Die Studiosi gingen ins Theater, „die Vorstellung war nicht übel, die Musik ging gut“. Die folgenden Ausführungen wirken wie eine kleine Frechheit, denn er beschrieb zudem einen Para­l-lelvorgang außerhalb des Theaters: „Zur gleichen Zeit war auf dem Platz noch zu sehen: die kleinste Person in Europa, Wachsfiguren, ein Eisbär und ein Telegraph. Diese wurden durch einander gerühmt, daneben Kuchen ausgerufen und kleine Kinder geprügelt ...“

Unbeschreiblich herrliches Nürnberg

Man weiß, dass Kunst und Kultur für die Mendelssohn-Familie eine essenzielle Rolle spielten, also wird noch schnell das berühmte Grabmal von Peter Vischer in Sankt Sebald nachgetragen, „mit den 12 Aposteln, und allen tausend Figuren und Auszackungen; umgeben von alten Bildern von Wohlgemuth und Dürer, und den Gräbern von vermoderten Markgrafen und Markgräfinnen“. Als Entschuldigung für diese Flachsigkeiten bringt er vor, dass er nur deshalb nicht ausführlicher geschrieben habe, weil alles so unbeschreiblich herrlich sei ... (Andreas Reuß)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in der Ausgabe September/Oktober 2023 des BSZ-Online-Magazins UNSER BAYERN. Sie können die komplette, 40-seitige Ausgabe downloaden unterwww.bayerische-staatszeitung.deFür BSZ-Abonnenten ist dieser Service kostenlos, sonst 3 Euro pro Ausgabe. 

Abbildungen:
Felix Mendelssohn Bartholdy. Das Porträt zeichnete sein Schwager Wilhelm Hensel. (Foto: BSB Bildarchiv)

Nach dem tristen Thüringer Wald fühlte sich der junge Felix in Bamberg ausgesprochen wohl – wie ein Erzbischof, notierte er. Die Ansicht zeigt einige der Kirchenhügel aus dem Süden, im Vordergrund Gärtner bei der Weinernte mit tanzender Bevölkerung. (Foto: Staatsbibliothek Bamberg/Gerald Raab)

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