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Eine der künstlerisch wertvollsten Figuren des Mittelalters ist die Elisabeth im Bamberger Kaiserdom. Sehen Sie die ganze Figur und weitere Skulpturen aus dem Dom in der Bildergalerie am Ende des Beitrags. (Foto: Jan Kopp)

02.11.2018

Geniestreich unter Gewölben

Die Skulpturen des 13. Jahrhunderts im Bamberger Kaiserdom sind Ausdruck einer kulturgeschichtlichen Revolution

In manchen Sternstunden ihrer Kulturgeschichte hat die Menschheit schon frühzeitig Höhepunkte erreicht, die nicht mehr zu übertreffen sind. Dies ist – neben den besten Ideen der antiken Philosophen – insbesondere in der Kunst der Fall. Die Höhlenmalerei im südfranzösischen Lascaux etwa erinnert mit ihrer Magie, Lebendigkeit und Aussagekraft an die erst Jahrtausende später erreichten Geniestreiche eines William Turner oder Pablo Picasso. Die Urzeitmenschen sahen sogar bewegte Bilder, weil sie mit flackernden Fackeln in die Höhlen hineingingen.

Die Darstellung des menschlichen Angesichts hat dann vor 500 Jahren, im Zeitalter der Renaissance, einen Gipfelpunkt erreicht, wie 2011 die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ im Berliner Bodemuseum nachwies, in der meist Frauenporträts vorgestellt wurden, unter anderem von Leonardo da Vinci.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessierte man sich wieder für das Antlitz einer berühmten männlichen Majestät: den Bamberger Reiter. Manche Autoren und Fotografen stilisierten diese Figur zum edlen Deutschen schlechthin, zum Idealtyp des staufischen Ritters oder gar zum „Urbild einer Führerpersönlichkeit nordischer Rasse des deutschen Mittelalters“. In diese Interpretationen mischte sich bisweilen etwas Aggressives, die Verherrlichung eines falsch verstandenen Deutschtums kündigte sich an und blieb zum Beispiel bei Hans Steuerwald bis in die 1950er Jahre bestehen.

Interesse an den Frauenfiguren

Freilich wurde von ihm und anderen verkannt, dass die Bildhauerschule, welche um 1230 diese Gestalt schuf, aus dem Land kam, in dem lange vorher die grandiosen Höhlenmalereien entstanden waren, nämlich aus Frankreich, konkret aus Reims. Abgesehen vom Reiter rücken inzwischen einige Frauenfiguren des Bamberger Doms ins Zentrum des Interesses, allen voran diejenigen der Synagoge und der sogenannten Elisabeth. Während heute die Synagogen-Figur und eine Kopie davon an prominenten Stellen der Kathedrale aufgestellt sind, nämlich im südlichen Querschiff und am Fürstenportal, könnten eilige Besucher des Doms die Elisabeth im nördlichen Seitenschiff, die bald nach dem meistbenutzten Eingangsportal erhöht aufgerichtet ist, leicht übersehen. Wer sich Zeit nimmt, wird vom außergewöhnlich starken Ausdruck insbesondere ihrer Physiognomie überwältigt sein.

Die Voraussetzung, um diesen Ausdruck entstehen zu lassen, war eine in ihrer überragenden Meisterschaft kaum mehr nachvollziehbare handwerkliche Fertigkeit. Die Frage, wie die Bauhütte den Sandstein mit einer solch exakten Führung des Meißels und einem solch genauen Feinschliff bearbeiten konnte, wie es hier geschah, lässt sich nur schwer beantworten. Lange Erfahrung, viel Übung und umfassende geistige Auseinandersetzung waren nötig, wobei man die kürzere Lebenszeit der mittelalterlichen Menschen bedenken muss.

Zielgerichtete Bildhauerarbeit

Die wissenschaftliche Analyse des fertigen Produkts, also geometrische Berechnungen und Studien zur Oberflächengestaltung, mag einigermaßen gelingen. Jedoch die Genese der Skulptur von der innerlich abgerungenen Idee über die Ausführung bis zum überzeitlich vollendeten Kunstwerk ist technologisch nicht zu ergründen. Auf jener höchstrangigen Ebene wurde in der Bamberger Bauhütte ein bedeutender Schritt getan, nicht nur für die Kunstgeschichte, sondern für die Kulturgeschichte der Menschheit überhaupt.

Der oder die Meister scheinen genau gewusst zu haben, wie sie gestalten und welchen Ausdruck sie erzielen wollen. Das geschaffene Werk hat nichts Experimentelles, es wurde nicht beobachtet, in welcher Weise sich das Material während der Bearbeitung verhält und welche Formen sich gleichsam von selbst ergeben, wie es bei der Höhlenmalerei und noch in unseren Tagen bei Gerhard Richter den Anschein hat. Jedes geringste Vorgehen war zielgerichtet und musste von Anfang an treffsicher und unwiderruflich sitzen.

Elegante Handbewegung

Die Gestalt dieser Elisabeth ist von hohem Wuchs, überlebensgroß. Unter den mehrfach gewickelten Tüchern und Schleiern erkennt man kaum körperliche Formen, nur einen vorgestellten, inzwischen abgebrochenen Fuß, ein angedeutetes, sich reizvoll herauswölbendes Knie und eine unglaublich feingliedrige, gebogene rechte Hand, welche das Gewand im Stil einer adeligen Dame mit einer eleganten Bewegung rafft, ohne viel Kraft aufzuwenden.

Die Darstellung von Händen erwies sich immer wieder als eine der größten Herausforderungen für Künstler. Noch in der Spätgotik sind manche Maler an der korrekten Wiedergabe einer menschlichen Hand gescheitert, Bildhauer hatten oft noch größere Schwierigkeiten. Erst Tilman Riemenschneider (im Bamberger Dom mit seinem Hauptwerk, dem Kaisergrab vertreten) und Leonardo da Vinci bei der Dame, die das Fell eines Hermelin streichelt, ist das Herausarbeiten des Zusammenspiels der Finger unübertrefflich gelungen. In der Höhlenmalerei wurden Hände an die Wand gehalten und mit Farbe umgeben. Drei Viertel dieser viele Jahrtausende alten geheimnisvollen Botschaften stammen übrigens von Frauen.

Wunderbares Fingerspiel

Die Hand der Bamberger Elisabeth, etwa 300 Jahre vor Leonardos Werk entstanden, steht in der Qualität der Ausführung und Aussage dem Können des italienischen Meister in nichts nach. Es ist vielmehr so, als sei die von Leonardo da Vinci gemalte Hand in der Bamberger Skulptur schon einmal plastisch hervorgetreten. Das Wunderwerk des Fingerspiels wirkt fast schon wie von Gotteshand geschaffen, und dass der Meister daraus eine Art Blumenstrauß von einem Gewandbündel hervorquellen lässt, ist eine raffinierte, bis dahin nie so souverän gestaltete Idee. Die Elisabeth in Reims, die wohl früher entstand, lässt das Gewandbündel enger und unauffälliger am Körper anliegen.

Die linke Hand der Bamberger Figur ist von den Gewändern verdeckt und spannt sie um ihren Körper, der äußerste Teil der Hand ist abgebrochen. Gern lässt sich der Blick nun durch unzählige, aber stimmig den Gesetzen der Schwerkraft folgende Faltungen zum Gesicht hinaufführen. Eine weibliche Brust ist nicht zu erkennen, die Schultern erscheinen angemessen schmal.

Das Antlitz am verhältnismäßig großen Haupt über einem starken Hals bannt den Betrachter geradezu. Man kann es nicht auf sich wirken lassen, ohne Betroffenheit zu empfinden. Plötzlich herrschen Eindrücke von einer markanten Männlichkeit vor. Das würde auch zu Beobachtungen passen, dass die tiefen Muldenfalten der Gewänder den Apostelfiguren in Reims näher stehen als der dortigen weiblichen „Heimsuchungsgruppe“, bestehend aus Maria und Elisabeth.

Die Wangenknochen der Bamberger Elisabeth sind hoch, die Augen senden einen sehr charakteristischen, individuellen Blick aus, vielleicht auf eine nah positionierte Person gerichtet, andererseits in die Ferne schweifend, ohne anzuhalten, über alles Irdische hinausgehend, bis in eine nur zu erahnende Transzendenz. Die ganze Gestalt der Heiligen ist mystisch im wahrsten Sinne des Wortes, sie weiß um Dinge, die kein anderer Mensch zu wissen vermag.

Zwischen Diesseits und Jenseits

Wenn man nur das Gesicht sähe, könnte man es tatsächlich für ein männliches Antlitz halten. Früher sprach man einmal von einem heiligen Joachim. Ernst wie ein mit vielen Tüchern verhüllter Tod schwebt die strenge Existenz dieser Person, angedeutet durch schmale Lippen, zwischen Diesseits und Jenseits. Oder handelt es sich bei der „alten Frau“, wie man sie neuerdings tituliert, vielleicht um eine Erinnerung an Hildegard von Bingen, die in der Mitte des 12. Jahrhunderts als ältere Prophetin und predigende Seherin in Bamberg weilte?

Das Kopftuch dieser Frau war, so Befunde zu den Farbresten, einst weiß, darunter trug sie graubraune Haare. Das Gewand war dunkelrot, mit goldenen Mustern, innen sogar orangefarben über einem gelben Untergewand. Zahlreiche Risse und Abbrüche zeigen, dass die Figur noch in der Werkstatt umgestürzt und zersplittert sein muss, dann wieder verdübelt und mit Harzen zusammengeklebt wurde.

Oder hat sie jemand umgeworfen? Gab es vielleicht Streit, schwere Auseinandersetzungen? Die haben durchaus Tradition vor Ort, man hört von ihnen schon bei der Entstehung des Bamberger Bistums und seiner Kathedrale. Mit Gewalt hat Heinrich, als Sohn des Bayernherzogs, des „Zänkers“, die Königswürde 1002 an sich gerissen und 1007 die Gründung seines Bistums Bamberg in einer seltenen Mischung aus demonstrativer Selbsterniedrigung und hemmungsloser Machtpolitik durchgesetzt. Als nach einem Brand der ursprüngliche Heinrichsdom um 1200 wieder aufgebaut werden musste, stritt man sich schon wieder ... (Andreas Reuß)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der November/Dezemberausgabe von UNSER BAYERN in der BSZ Nr. 44 vom 2. November 2018

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Kommentare (2)

  1. Leserinregensburg vor 2 Wochen
    Genialer Artikel, wunderbare Bilder
  2. J2 vor 4 Tagen
    Im Jetzt und Hier. Wunderbar verfasst, eine Wohltat.
    Danke, Andreas Reuß, für diesen schönen Beitrag.

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