Wenn „Entenhausen“ im Regierungsbezirk Oberfranken läge, hätte der Freistaat Bayern wahrscheinlich weniger Geldsorgen. Denn Dagobert Duck schwimmt nicht nur sprichwörtlich im Geld, sondern pflegt auch regelmäßig in seinem Taler-Meer zu baden. Allein das Barvermögen in seinem riesigen, auf einem Hügel über der Stadt, dem „Glatzenkogel“, aufragenden Geldspeicher könnte sich nach einer ebenso vorsichtigen wie fantastischen Schätzung locker im zweistelligen Trillionen-Euro-Bereich bewegen, wobei die Gold- und Edelsteinwerte noch gar nicht berücksichtigt wären. Mit diesem weltweit agierenden Unternehmer und Finanzgenie befände sich also auch ein äußerst gewichtiger Steuerzahler im Lande, obgleich es sich freilich bei Barks‘ „Dagobert Duck“ wie bei Dickens‘„Ebenezer Scrooge“ oder Molières „Harpagon“ um einen Geizhals par excellence handelt. Zudem scheint das Finanzamt in Entenhausen („Duckburgh“) chronisch unterbesetzt zu sein; und der „Milliardärsklub“ der Stadt fungiert ob seiner auf den jeweiligen Gewinnvorteil bedachten Mitglieder in keinster Weise als Kontrollorgan.
Dagobert verteidigt sein Vermögen. Dagobert ist stets bereit, sein Vermögen vehement und mitunter rabiat zu verteidigen. Die uniformen Panzerknacker, die seit Jahrzehnten gewieft einen Zugriff auf sein Bargeld zu erlangen suchen, können schmerzvolle Lieder davon singen. Und selbst die auf dem Vesuv hausende Hexe Gundel Gaukeley schafft es trotz aller Zaubertricks bis heute nicht, Dagoberts erste selbst verdiente Münze, den ominösen „Glückszehner“, zu erhaschen, auf dessen abergläubisch angenommener Wirkmächtigkeit das Duck‘sche Unternehmertum beruht.
Doch ganz so weit hergeholt ist der Gedanke, dass Dagobert Duck und seine Enten-Familie sowie Micky Maus und dessen Freunde in Franken beheimatet sein könnten, gar nicht. Als nämlich am 29. August 1951 das erste deutsche Micky-Maus-Heft erschien, lebte die Chefredakteurin und kongeniale Übersetzerin der aus den USA stammenden Comicstrips, die im Studienfach Kunstgeschichte promovierte Erika Fuchs, in der kleinen oberfränkischen Stadt Schwarzenbach an der Saale, damals noch ein Standort der Porzellanindustrie.
Bänkelsänger als Vorbilder
Die Historie der Comics reichte zu jener Zeit bereits gut 50 Jahre zurück, ganz abgesehen von den ernsten oder humorigen Vorläufern der Bildergeschichten. Es mag ja angehen, die in früheren Jahrhunderten von Ort zu Ort und von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehenden Bänkelsänger zu den „Urvätern“ der Comics zu zählen, weil sie dem staunenden Publikum oftmals schauerliche Geschichten, „Moritaten“ genannt, durch ihre mit Bilderfolgen versehenen Tafeln präsentierten, verbunden mit einem mehr erzählenden Gesangsstil sowie einem Musikinstrument oder einer Drehorgel.
Immerhin wird es Walt Disney, dem „Urvater“ der Micky Maus, Ende der 1920er-Jahre erstmals gelingen, den noch relativ neuen Zeichentrickfilm mit dem brandneuen Tonfilm so zu vereinen, dass die Bewegungen der Figuren und der Takt der Musik genau übereinstimmen werden. Sein makabrer Kurzfilm Tanz der Skelette (1929) ist ein exzellentes Beispiel dafür. Die gestickte szenische Abfolge des annähernd 70 Meter langen mittelalterlichen Teppichs von Bayeux aber oder gar die altägyptischen Hieroglyphen für Vorläufer der Comicstrips zu erachten, erscheint dann doch zu weitschweifig, zumal die Hieroglyphen in der Regel nicht als Bilderschrift gelten, sondern als Lautzeichen dienten. Ein Schelm, wer hierbei an Comic-Sprechblasen mit kurzen Ausrufen darin denkt.
Vorläufer im 19. Jahrhundert
Zweifelsfrei hingegen gilt die Vorläufer-Bezeichnung für so manch illustren Maler und Grafiker des 19. Jahrhunderts. Als da wären die Franzosen Honoré Daumier, Gustave Doré oder Charles Philipon zu nennen sowie der Genfer Zeichner Rodolphe Töpffer und der deutsche Künstler Adolph Schroedter. Als wahrer Nestor der bissigen Karikatur muss jedoch der um über 100 Jahre ältere Engländer William Hogarth angesehen werden.
Infolgedessen verwundert es gar nicht, dass alsbald auch satirische Zeitschriften versuchten, biedere gesellschaftliche Gepflogenheiten oder Missstände auf die Schippe zu nehmen und nicht zuletzt die Politik schmerzlich zu piesacken. London hatte schon 1796 The Comick Magazine zu bieten und über 40 Jahre später den „Punch“ („Kasper“), Paris 1832 Le Charivari („Wirrwarr“), Leipzig ein oppositionelles Blatt gleichen Namens, Berlin den Kladderadatsch („Geklirr“), die Berliner Wespen sowie die Lustigen Blätter und München schließlich den Simplicissimus, dessen Gründung ins Jahr 1896 fiel.
Und gerade mal ein, zwei Jahre davor hatte auf dem fernen New Yorker Zeitungsmarkt, der von den konkurrierenden Verlagsmagnaten Hearst und Pulitzer dominiert wurde, der Siegeszug jener modernen Ausdrucks- und Kunstform begonnen, die fortan unter dem Begriff Comics Verbreitung fand und, mit dem Weg über den Zeichentrickfilm, der Micky Maus als Druckerzeugnis sozusagen weltweit zum Durchbruch verhalf. (Stefan Fröhling/Andreas Reuß)
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