Unser Bayern

Die Zeichnung zum Geschehen im Neuen Münchner Tagblatt in der Ausgabe vom 5. November 1894. (Foto: Archiv Wolfsteiner)

24.05.2018

„Wir hauen unser Recht“

Rigides Vorgehen des Militärs und Prozesse gegen Journalisten: Die „Fuchsmühler Holzschlacht“endete im handfesten Skandal

Prinzregent Luitpold, selbst Teilnehmer des Krieges von 1870/71, hatte eine Schwäche für alles Soldatische. Rekruten, die ihn persönlich erlebt hatten wie Anton Mayer, der Großvater des bayerischen Schriftstellers Carl Amery, behielten ihn eher als Menschenschinder in Erinnerung. Luitpold hingegen erweckte in der Öffentlichkeit den Eindruck, er sei väterlicher Anführer „seiner“ Soldaten. Er bekannte sich zur Notwendigkeit einer starken Armee und die Reichsleitung nahm verstärkt Einfluss auf das bayerische Offizierskorps – in den Mittel- und Unterschichten jedoch wuchs ab 1890 die Abneigung gegen die Militarisierung Bayerns im Allgemeinen und den preußischen Militarismus im Besonderen. Im Reichstag waren die bayerischen Abgeordneten gegen jede Art von Heeresmehrung und von höheren Militärausgaben. Soldatenmisshandlungen waren des Öfteren Thema im Bayerischen Landtag. Unter dem Eindruck derartiger Ereignisse wurde der Kampf gegen Militarismus und Preußentum zum Hauptslogan der Wahlkampfbewegung des Jahres 1893 bei Zentrum, SPD und Bauernbund.

Unter diesen politischen Voraussetzungen wurde im Oktober 1894 die sogenannte Fuchsmühler Holzschlacht geschlagen. In den ersten Novembertagen des Jahres 1894 ging ein Schrei der Empörung durch Bayern. Der Tod des russischen Zaren, ein Ereignis von weltpolitischer Bedeutung, wurde von Vorfällen in der nördlichen Oberpfalz von den Titelseiten der überregionalen Zeitungen verdrängt. Der kleine Ort Fuchsmühl im Bezirks­amt Tirschenreuth macht über Deutschland hinaus politische Schlagzeilen. Was war passiert?

Über Jahrhunderte hinweg hatten die Einwohner des Ortes das Recht, sich aus den Forsten der örtlichen Gutsherrschaft ein bestimmtes Quantum Holz schlagen zu dürfen. Für viele verarmte Ortsbewohner bedeutete das „Rechtholz“ oft die einzige sichere Einnahmequelle. Dieses Recht wurde auf einmal den Fuchsmühlern vom Besitzer des Schlosses streitig gemacht. Die Prozesse zogen sich über Jahrzehnte hin. Ihren letzten Prozess gegen Baron Zoller, dessen Bruder der Geheimkanzlei des Prinzregenten Luitpold vorstand, hatten die Fuchsmühler schließlich im Jahr 1894 verloren. Als gegen Ende Oktober 1894 in Fuchsmühl das Urteil bekannt wurde, wollten die Fuchsmühler wenigstens das noch ausstehende Rechtholz der vergangenen Jahre zugewiesen bekommen. Doch der Baron und dessen Förster verweigerten es ihnen erneut.

Was bereits den ganzen Sommer über ins Auge gefasst worden war und was die Gendarmerie als leeres Wirtshausgerede abgetan hatte, wurde nun Wirklichkeit. Am 28. Oktober, es war ein Sonntag, fanden sich im Gemeindebereich mehrere handgeschriebene Zettel folgenden Wortlauts: „Morgen früh, den 29. Oktober, geht der Generalmarsch, wo sich jeder Holzberechtigte in der Bittnerschen Wirtschaft einfinden kann. Von da geht der Abmarsch zum rückständigen Klafterholzhauen an.“

Gendarmen umgehend vor Ort

Am nächsten Morgen gegen 8 Uhr zog ein Trupp von etwa 200 Einheimischen mit Äxten und Sägen ausgerüstet in den Waldteil „Schrammlohe“, der etwa zwei Kilometer vom Ort entfernt war. Sie begannen dort mit Holzarbeiten auf einem großflächigen Bruch, den wenige Wochen zuvor ein Sturm verursacht hatte. Das Forstpersonal des Barons hatte von der Angelegenheit Wind bekommen und umgehend die Gendarmerie im benachbarten Wiesau verständigt. Die Polizei wiederum benachrichtigte den Bezirksamtmann der Kreisstadt Tirschenreuth, der sich umgehend mit einem Trupp Gendarmen zum Ort des Geschehens begab.

Etwa zwei Stunden versuchte der Bezirksamtmann Wall, die Fuchsmühler von ihrem Tun abzubringen, doch immer wieder schallte es ihm entgegen: „Wir hauen nur unser Recht.“ Als der Beamte sah, dass er mit guten Zureden nichts erreichen würde, telegrafierte er vom Bahnhof Wiesau aus am gleichen Tag nach Amberg und beorderte für den nächsten Morgen Militär nach Fuchsmühl.

Die „Sechser“ greifen ein

Eine 50-köpfige Abteilung des 6. Infanterieregiments, die sogenannten Sechser, wurde andertags in Marsch gesetzt und erreichte unter der Führung des Premierleutnants Hermann Mayr gegen 10 Uhr den Bahnhof Wiesau, wo schon der Bezirksamtmann mit mehreren Gendarmen auf sie wartete. Gemeinsam zog die Truppe Richtung der Schrammlohe, wo die Fuchsmühler schon am zweiten Tag mit Holzarbeiten beschäftigt waren. An einem mit gewaltigen Felsblöcken und umgestürzten Bäumen übersäten Hang nahm das Militär Aufstellung und ging nach dreimaliger Aufforderung, das Gelände zu verlassen, mit aufgepflanzten Bajonetten gegen die Aufrührer vor.

Die meisten der auf einer Fläche von mehreren 1000 Quadratmetern arbeitenden Holzrechtler haben die Aufforderung zum Verlassen des Waldes vermutlich allein akustisch nicht mitbekommen, andere missverstanden sie und näherten sich dem Militär, anstatt das Gelände zu verlassen. Dabei hatten sie zum Teil ihre Hacken und Sägen als wertvollsten Besitz in der Hand behalten, was hinterher von den Soldaten als Bedrohung interpretiert wurde.

Tödliche Bajonettstiche

Der dramatische Höhepunkt des Vorgehens der Soldaten war der Tod von zwei alten Männern, des 69-jährigen Georg Stock und des 70-jährigen Leonhard Bauer. Bajonettstiche im Bereich der Schlagader hatten ihren Tod verursacht. Georg Stock, der Vater des zuvor als Rädelsführer verhafteten Bürgermeisters, war schwerhörig und konnte die Aufforderung des Militärs überhaupt nicht gehört haben. Elf weitere Holzrechtler wiesen zum Teil erhebliche Stichverletzungen im Rücken auf. Der Bauer Johann Fichtner etwa, der eine Viertelstunde lang von Soldaten verfolgt worden sein soll, trug alleine 17 Bajonettstiche im Rücken davon und schwebte längere Zeit in Lebensgefahr. Andere Aufrührer waren in den Rücken gestochen worden, als sie bereits am Boden lagen. Von den Soldaten wurde kein einziger verletzt.

Die Nachricht vom „Bauernaufstand“ in Fuchsmühl machte wie ein Lauffeuer die Runde. Georg Heim hatte im nur wenige Kilometer entfernten Wunsiedel, wo er seit kurzer Zeit als Realschullehrer tätig war, von dem Skandal erfahren und umgehend mit einem langen Artikel die Amberger Zeitung seines Zentrumsfreundes Boes informiert. Der Entwurf des anonym erschienenen Artikels liegt bis heute in Heims Nachlass. Die Informationen der Amberger Zeitung übernahmen zahlreiche Zeitungen in ganz Bayern, bevor sie selbst Reporter in die nördliche Oberpfalz schickten. Adolf Müller, der Journalist der Münchner Post, später Landtagsabgeordneter der SPD und von 1919 bis 1933 Botschafter in der Schweiz, veröffentlichte eine Broschüre unter dem Titel Fuchsmühl – eine Skizze aus dem Rechtsstaat der Gegenwart, die in einer Auflage von über 50 000 Exemplaren Verbreitung fand.

Die Fuchsmühler Ereignisse gaben auch Personen aus konservativen Kreisen, wie Georg Heim, die Gelegenheit, allgemein auf die aktuellen Probleme der Landwirtschaft aufmerksam zu machen. Als unmittelbarer Beobachter der Vorfälle klärte Heim in einer Reihe aufrüttelnder Artikel über die Hintergründe der Fuchsmühler Holzschlacht auf. Einer seiner Zeitungsbeiträge kulminierte in der Aussage ... (Alfred Wolfsteiner)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Ausgabe März/April von  UNSER BAYERN, die der BSZ Nr. 9 vom 2. März 2018 beiliegt.

Weitere Themen im Heft:

- Im Takt der Webstühle. Bevor Herzogenaurach berühmt für Sportschuhe wurde, war es eine fränkische Hochburg der Tuchmacherei

- Flammender Wahnsinn. Sex & Crime in Irrenlohe: Wie ein oberpfälzer Bahnhof den Opernkomponisten Franz Schreker inspirierte

- Wasser auf die Mühlen. Über ein kilometerlanges Grabensystem holten die Römer Brauchwasser in ihr Castrum am Lech

- Zwanglose Badefreuden. Vor 300 Jahren begann Joseph Effner mit dem Bau der Badenburg im Nymphenburger Schlosspark

- Sakrales Kleinod. Die private Kapelle auf dem Zimen-Anwesen Grillenöd im Rottal ist ein böhmisch-bayerisch-skandinavischer Mischbau

- Stilles Zentrum mit Strahlkraft. Halb städtisch, halb ländlich: Das Zisterzienserkloster Ebrach und seine Besitzungen in Franken

- Geniale Schnitzkunst. Vor 500 Jahren starb Erasmus Grasser. Der Neumünchner begeisterte mit der rasanten Bewegtheit seiner Figuren

- Meisterwerk fürs Exil. Das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth erstrahlt
nach der Renovierung wie zu Zeiten seiner Errichtung

- Der historische Friedberger Palmesel steht heute
züchtig gewandet im Museum des Herzoglichen Georgianums

 

 

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Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 19. Oktober 2018 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

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Manfred Ländner, innenpolitischer Sprecher der Landtags-CSU

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