Unser Bayern

Die erst 17jährige Cilly, schulterte in den Dreißigerjahren als Tigerdompteuse des Circus Krone ihren „Lieblingskater“ Ceylon. Ausschnitt aus einem Plakat - sehen Sie die Gesamtansicht in der Bildergalerie am Ende des Beitrags. (Foto: Circus Krone)

05.04.2019

Zauber der Manege

Ausgerechnet im Revolutionsjahr 1919 eröffnete Carl Krone in München den ersten festen Zirkusbau

Das Operettenpferd Puppchen und der Löwenbändiger Siegfried, die Riesen-Elefantengruppe und die Todesschaukel – sie alle sind Attraktionen am 10. Mai 1919 im Circus Krone. Es ist die Eröffnungsvorstellung im ersten festen Münchner Zirkusbau, den Direktor Carl Krone in politisch unruhigen Zeiten errichten lässt. Der 10. Mai 1919 ist ein Meilenstein in der Geschichte von Circus Krone – seitdem ist er mit München fest verbunden, ist Münchner Historie.

100 Jahre Krone bedeutet auch drei feste Zirkusbauten, 168 Zirkus-Programme allein seit 1962, 60 Millionen Besucher und die Dynastien der Familien Krone und Sembach. Im Winter und Frühling schnuppern die Besucher am Marsfeld Zirkusluft, im Sommer und Herbst haben Künstler ihre Auftritte. Der wohl berühmteste ist der von den Beatles im Jahr 1966. Der international gefeierte Clown Charlie Rivel gibt 1971 ein Gastspiel. Er haucht ins Mikrophon: „Circus Krone – schööööön.“

Tusch um Tusch

„Die Eröffnungsvorstellung des Circus Krone brachte dem Unternehmen einen vollen Erfolg und den 4000 Besuchern genussreiche Stunden“, heißt es am 12. Mai 1919 in den Münchner Neuesten Nachrichten (MNN). Die Gala ist ausverkauft, die Zuschauer erwarten 26 Nummern, die 42 Musiker des Zirkusorchesters spielen Tusch um Tusch. Auf die Riesen-Berber-Löwen folgen Pferdedressuren, die Hegelmann-Truppe mit ihren Luft-Turnkünsten und Elefant Assam, der einzige Elefant (so das Programm), der auf den Hinterbeinen durch die Manege geht. Die Araber-Stute Puppchen zeigt Hohe Schule nach dem Rhythmus des Schlagers Puppchen, du bist mein Augenstern. Und die MNN schwärmen: „Die Gruppe Elefanten, darunter wahre Kolosse, zählt zu den besten. Die schwerfälligen Indier, vorgeführt von Direktor Krone, folgten der Hand des Meisters in bisher kaum erreichtem Grade.“

Zirkus im Revolutionsjahr

Die „Hand des Meisters“ kann offenbar nicht nur Elefanten bewegen, sondern auch die Behörden: Inmitten der Münchner Revolution und der Räterepublik 1918/19 ist es Krone gelungen, eine Dauerkonzession für den Zirkusbetrieb zu erreichen und einen „Bretterzirkus“ (so Krone  in seinen Aufzeichnungen Mein Leben) zu errichten. Im März 1919 schreiben die MNN: „Der große Holzbau für den Zirkus Krone zwischen dem Spatenbräu und dem Wittelsbacher-Gymnasium ist bereits in der Ausführung begriffen. Die Manege hat den Normaldurchmesser von 13 Meter. Das mit 30 Grad ansteigende Amphitheater für 4000 Besucher ist in acht keilförmige Gruppen zerlegt … zu beiden Seiten des Mittelbaus werden Musiktribünen für 60 Musiker eingebaut.“ Die Eröffnung des Zirkusbaus am 10. Mai 1919 feiert Frieda Sembach-Krone, die Tochter von Carl Krone, in ihren Aufzeichnungen: „Es ist der bisher größte Tag in der Geschichte des Circus Krone.“

Die Vorgeschichte des Circus Krone beginnt natürlich viel früher. Carl Krone (1870 bis 1943) wächst in Osnabrück auf, tritt schon mit vier Jahren in der väterlichen „Menagerie Continental“ auf, die sich 1886 den Elefanten Pluto anschafft, zwei Jahre später vier Löwen. Pascha, einer aus dem Quartett, schreibt 1892 zusammen mit dem Schimmel Soliman Zirkusgeschichte: Fünf Monate trainiert Carl Krone mit den beiden Tieren den „Löwenritt“, bei dem die Raubkatze auf dem Rücken des Pferdes sitzt. Aufgeführt wird die Nummer erstmals in einem Zentralkäfig, zu dem Laufgitter aus den Löwenkäfigen führen. 1898 tituliert Krone sein Unternehmen als „Europas größten Menagerei-Circus“, das für den Transport seiner Käfig- und Zeltbauten einen Sonderzug mit 13 Eisenbahnwaggons benötigt.

Tour durch ganz Europa

„Monsieur Charles“, wie sich Carl Krone mittlerweile nennt, heiratet 1902 Ida Ahlers, die als „Miss Charles“ eine Nummer mit 24 Berberlöwen vorführt. Das Unternehmen „Circus Charles“ tourt mit einer eigenen Zirkuskapelle ab 1905 durch ganz Europa, präsentiert unter anderem 25 Indianer aus den USA und landet zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Wien. Dort requiriert das Militär 50 Krone-Pferde; angesichts der Kriegshysterie wird der Name von „Circus Charles“ in Circus Krone geändert. Bei Kriegsende landet Carl Krone in Magdeburg, aber er will nach München: Dort wird sein erster fester Zirkusbau am 10. Mai 1919 eröffnet.

Volles Haus zur Eröffnung, ausverkaufte Vorstellungen bis zum November 1919 – der Münchner Einstand in einem festen Gebäude könnte nicht besser sein. Der „Bretterzirkus“ nimmt feste Gestalt an: Es werden steinerne Umfassungsmauern hochgezogen, ein massiver Vorbau erhält eine Kassenhalle und ein Foyer. Die Stühle für das Publikum werden fest installiert, an den Grundstücksrändern entstehen gemauerte Stallungen, später wird die Villa der Familie Krone gleich neben der Eingangsfront errichtet.

Die erste große Tournee führt Krone mit zwei Sonderzügen nach Verona. Carl Krone hat mit seinen Auslandstourneen (sie werden im Winter jeweils durch Vorstellungen in München unterbrochen) großen Erfolg, während andere Zirkusunternehmen unter der Rezession leiden.

Zwischen 1924 und 1926 experimentiert die Zirkuswelt mit der Drei-Manegen-Variante, die bis zu 8000 Zuschauer pro Vorstellung in die Zelte lockt. Krone geht wirtschaftlich gestärkt aus dieser Experimentierphase hervor und besteht die Auseinandersetzung mit dem größten Konkurrenten, dem Zirkus Sarrasani, mit Bravour: „Krone war zwischen den beiden Weltkriegen stets der finanziell erfolgreichere. Für 1930 wird sein Kapital auf 25 Millionen Goldmark geschätzt“, schreiben die Zirkushistoriker Ernst Günther und Dietmar Winkler.

Zirkusstadt in sechs Stunden aufgebaut

Weltwirtschaftskrise, Inflation, Massenarbeitslosigkeit – sie gehen nicht spurlos am Circus Krone vorüber. Der Zirkusdirektor organisiert deshalb 1931 eine Blitztournee, die mit 1000 Mann/Frau Personal und 800 Tieren durch ganz Deutschland führt. Eine über diese Tournee verfasste Broschüre gibt interessante Einblicke in die Zirkuswelt: So verhandelt Krone mit der Reichsbahn und den Autobusgesellschaften über ein dichtes Netz von Sonderverbindungen, um die Besucher an- und wieder zurück zu befördern. Behindern Wassergräben die Aufbauarbeiten für die Zirkuszelte, baut Krone mal schnell ein paar Brücken. Millionen Flugblätter werden gedruckt, jede Scheune mit Zirkusplakaten zugepflastert, 600 Arbeiter bauen die Zirkusstadt in sechs Stunden auf und wieder ab. Pro Tag verschlingen die Tiere utner anderem 60 Zentner Heu, 24 Zentner Hafer und 800 Pfund Pferdefleisch. Dampfmaschinen, Dieselmotoren und Dynamos sorgen dafür, dass 10 000 Glühbirnen leuchten. Zum reisenden Tierpark zählen unter anderem Panther, Nilpferd, Strauße, Flamingos, Seelöwen, Schildkröten und Ameisenbären.

Nazis im Kronebau

Seine Gastspiele führen Krone durch ganz Europa – in München dagegen gewinnt der Bau am Marsfeld immer mehr als Versammlungsort an Bedeutung: Der bekannteste Gastredner dürfte Anfang der Zwanzigerjahre Adolf Hitler gewesen sein. Rund 50 Mal wird der Zirkusbau bis 1945 an die NSDAP und andere Parteien vermietet, doch der Auftritt am 3. Februar 1921 ist ein ganz besonderer: Hitler hat ihn in Mein Kampf detailliert geschildert. Auch das Plakat, das auf die Veranstaltung im Circus Krone aufmerksam macht, ist in Mein Kampf zu finden. Über die insgesamt drei Auftritte Hitlers im Krone-Bau und die NSDAP-Veranstaltungen berichten unter anderen Bert Brecht, Lion Feuchtwanger und Oskar Maria Graf. Letzterer schreibt in seinen Lebenserinnerungen Gelächter von außen: „In diese Circus-Krone-Kundgebungen konnte jeder hingehen und durch Zwischenrufe wie ‚Raus mit dö Saujuden‘, ‚Aufhänga dö ganze Regierungsbagasch‘ seinem Zorn freien Lauf lassen.“

Die Herrschaft der Nationalsozialisten fordert ihren Tribut: Die deutschen Zirkusse werden gleichgeschaltet. Direktor Krone kann unter anderem seinen jüdischen Mitarbeiter Carl Lichtenthal, den „Löwenbändiger Siegfried“, lange Zeit schützen. Im Entnazifizierungsverfahren von Carl Krone (er war Mitglied der NSDAP gewesen) sagt Lichtenthal 1947 aus: Herr und Frau Krone haben „nach der Machtergreifung durch die NSDAP ihr Möglichstes getan, mich sowie andere Juden in ihrem Dienst behalten zu können, was ihnen noch bis März 1937 geglückt ist“. Im Zweiten Weltkrieg zieht Krone anfangs noch durch ganz Europa, 1944 stellt er jedoch die Tourneen ein, der Circus-Krone-Bau wird allerdings weiter bespielt. Als sich die Luftangriffe verstärken, zieht Krone in sein Familiengut Weßling westlich von München. 40 Raubtiere in ihren Käfigwagen, 100 Pferde, Lamas, Kamele aber auch etliche Mitglieder aus der Zirkusfamilien finden eine neue Heimat. Die Krone-Elefanten bekommen in einer Bad Reichenhaller Reithalle ein neues Domizil. Ein Luftangriff am 17. Dezember 1944 legt den Münchner Zirkusbau in Schutt und Asche; Menschen und (fast alle) Tiere kommen nicht zu Schaden, die Krone-Villa wird teilweise zerstört.

Tochter Frieda übernimmt

Leiterin von Circus Krone am Ende des Zweiten Weltkriegs ist Frieda Krone, die Tochter des Zirkusgründers. Ihr Ehemann Carl Sembach widmet sich dem Wiederaufbau des völlig zerstörten Zirkusgebäudes. Es gibt keine Bretter, keine Nägel, keine Dachpappe. Dann entdecken der Münchner Zimmermeister Anton Goldes und Sembach bei einem Schrotthändler ... (Ina Kuegler)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in der Ausgabe März/April von UNSER BAYERN, das der BSZ Nr. 9 vom
1. März 2019 beiliegt oder Sie bestellen das Heft in unserem Shop.

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Soll man Krankenkassen die Kostenerstattung von Homöopathie verbieten?

Unser Pro und Contra jede Woche neu
Diskutieren Sie mit!
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2019

Nächster Erscheinungstermin:
29.November 2019

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 30.11.2018 (PDF, 37 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.