Wirtschaft

Zuckerrübenbauern aus der Region um Kürnach geben ihr altes Saatgut mit verbotenen Neonicotinoide zurück Viele andere EU-Länder haben Notfallzulassungen für die im Mai 2018 verbotenen Bienenschädlinge Neonicotinoide erlassen. (Foto: Nicolas Armer/dpa)

04.03.2019

Bauern sind sauer, Umweltschützer auch

Grund für diese seltene Einigkeit sind 2018 verbotene Insektizide. Durch die Hintertür sind sie noch da. Das ruft auch die EU wieder auf den Plan

Kleine bunte Kügelchen - sie sehen unschuldig aus, und doch sorgen sie bei Umweltschützen wie bei Bauern für Unmut. Die Kügelchen enthalten mit Insektiziden gebeiztes Saatgut. In Deutschland gelten sie jetzt als Sondermüll, in anderen EU-Ländern gelangen sie hingegen weiter aufs Feld.

Es geht um drei sogenannte Neonikotinoide (kurz Neoniks genannt), die im Mai 2018 mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit von der EU verboten worden sind. Seither dürfen sie im Freiland nicht mehr benutzt werden. Die Neoniks gelten als schädlich für Bienen. Doch einige Länder umgehen das Verbot: Sie haben sogenannte Notfallzulassungen erlassen. Mit ihnen können die Bauern das behandelte Saatgut weiter verwenden. Grund für den Ärger der Umweltschützer. In Deutschland gibt es keine Notfallzulassung. Und die Bauern klagen.

Kürnach (Landkreis Würzburg) an einem Morgen im März: Die Zuckerrübenbauern der Umgebung haben sich versammelt, um neues Saatgut zu erhalten - und altes zu entsorgen. Das Saatgut in Form der bunten Kügelchen ist übrig vom vergangenen Jahr. Jetzt landet es in einer großen Box - fertig um abtransportiert und entsorgt zu werden. Ähnlich wie in Kürnach soll es in ganz Deutschland geschehen.

Schaden von 3,5 Millionen Euro

"Für die 15 000 Anbauer in Süddeutschland entsteht ein Schaden von 3,5 Millionen Euro", sagt Fred Zeller, Geschäftsführer beim Verband Süddeutscher Zuckerrübenanbauer. Bundesweit schätzt er den Schaden auf 6,5 Millionen Euro. Hinzu kämen Folgekosten, weil jetzt andere Pflanzenschutzmittel nötig sein und Ertragseinbußen drohten.

Die Bauern in Kürnach sind wütend. Einige verschränken die Arme vor der Brust, andere reden sich in Rage. Sie fühlen sich von der Politik benachteiligt und von der Öffentlichkeit missverstanden. Es fallen Sätze wie: "Wir machen doch schon so viel für Artenvielfalt" und "Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst." Oder auch: "Die EU macht ein Korsett und die deutsche Politik schnürt es noch enger." Auch ihre Produkte sehen sie im Fokus öffentlicher Kritik: Zucker gleich Gift, Fleisch gilt als unethisch. "Werde ich denn nicht mehr gebraucht?", fragt der 55-jährige Landwirt Alfons Konrad.

Das Verbot für die Neonikotinoide halten die Landwirte für ungerechtfertigt. Zuckerrüben blühten nicht und würden daher nicht von Bienen angeflogen, argumentieren sie. Auch die Folgekulturen - meist Getreide - nicht.

Ein Risiko in Folgekulturen sei nicht ausgeschlossen, meint hingegen unter anderem das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Ministerin Julia Klöckner (CDU) befürwortet das Verbot. Auf einer Rede am 19. Februar in Hannover bezeichnete sie die Notfallzulassungen in anderen Staaten als "nicht akzeptabel". Das BMEL habe die EU-Kommission aufgefordert, die Zulassungen kritisch zu prüfen und ungerechtfertigt erteilte Genehmigungen zu sanktionieren.

Notfallzulassungen werden überstrapaziert und ausgenutzt

Die Möglichkeit für die Ausnahmen sieht eine EU-Verordnung von 2009 vor. Demnach dürfen Staaten ein verbotenes Pflanzenschutzmittel für maximal 120 Tage zulassen, wenn es sich "angesichts einer anders nicht abzuwehrenden Gefahr als notwendig erweist". Für die drei Neoniks haben das dem Süddeutschen Zuckerübenverband zufolge 13 Länder getan; Quellen der Europäischen Kommission bestätigen fünf Länder (Belgien, Polen, Slowakei, Rumänien und Ungarn). Die Mitgliedsstaaten sind eigentlich verpflichtet, die Zulassungen zu melden. Doch mit Sicherheit weiß die Kommission offenbar nicht, wie viele Staaten wirklich davon Gebrauch machen.

"Die Notfallzulassungen werden überstrapaziert und ausgenutzt", sagt Christine Vogt, Referentin für Landwirtschaft am Umweltinstitut München. Viele Länder erteilten sie immer wieder. Oft auch schon vor der Saison. Die Beschwerden bei der EU mehren sich offenbar. Ende Februar hätte eine Nichtregierungsorganisation an die Europäische Kommission geschrieben, bestätigt eine EU-Sprecherin. Auch die europäischen Grünen haben sich an die Kommission gewandt.

Erst im Juli hatte die Kommission vier Staaten (Bulgarien, Ungarn, Litauen, Rumänien) gerügt, weil deren Notfallzulassungen nach einer Untersuchung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) nicht gerechtfertigt waren. Die drei Neoniks (Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid) sind schon seit 2013 für blühende Pflanzen verboten, seit 2018 für alle Pflanzen im Freien.

Bisher lassen sich die Verstöße aber offenbar kaum sanktionieren. Aus dem Umfeld der Kommission heißt es, zwei der Staaten wollten die Mittel trotz Rüge diese Jahr erneut genehmigen. "Die Kommission bereitet einen Entscheidungsentwurf vor, der Mitgliedschaften davon abhalten würde, nichtgerechtfertigte Notfallzulassungen zu wiederholen", sagte die EU-Sprecherin. Generell habe die Kommission vor, die Aufsicht über Notfallzulassungen zu verstärken.

Die Bauern in Kürnach erfreut die Aussicht wenig. Ihr Saatgut ist jetzt bereits im Sondermüll, das der Nachbarländer - so vermuten sie - schon auf dem Acker, wenn die Maßnahmen der EU greifen.
Im Biolandbau geht es übrigens auch ohne Neonikotinoide. Das funktioniert nach Darstellung von Biobauern vor allem, weil sie die Früchte häufiger wechseln und nur alle vier oder fünf Jahre Zuckerrüben anbauen.
(Vanessa Köneke, dpa)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Soll es einen EU-weiten verbindlichen Mindestlohn geben?

Unser Pro und Contra jede Woche neu
Diskutieren Sie mit!
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2019

Nächster Erscheinungstermin:
29.November 2019

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 30.11.2018 (PDF, 37 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.