Wirtschaft

Die Bar im Münchner Club "Harry Klein" ist menschenleer. Aufgrund der aktuellen Corona-Krise sind Clubs und Bars geschlossen. (Foto: dpa/Sven Hoppe)

13.05.2020

Clubs und Bars im freien Fall

Corona-Krise: Betreiber und Verbände sehen die Branche existenziell bedroht und hoffen auf mehr schnelle Hilfe

"Bis auf Weiteres geschlossen" steht auf dem Zettel an der massiven Eingangstür, die in den Technoclub "Harry Klein" in der Münchner Innenstadt führt. Wo sonst Menschen tanzen, anstoßen und ins Gespräch kommen, herrscht seit Mitte März wegen der Ausbreitung des Coronavirus gähnende Leere. "Am meisten fehlt mir, die Musik zu hören. Wenn man den Bass fühlen kann, und zu sehen, was das mit den Menschen macht", sagt Betreiber David Süß.

Während Restaurants im Freistaat demnächst unter Auflagen wieder öffnen dürfen, ist für auf Getränkeausschank ausgerichtete Lokale bislang kein Ende der Corona-Zwangspause in Sicht. Die Not von Clubs, Bars und Kneipen ist groß. Die Hilfszahlungen der Staatsregierung halten Betreiber, Mitarbeiter und Verbände für dürftig. Im ganzen Land kämpfen Zehntausende Gastronomen um ihr Überleben.

Das "Harry Klein" ist laut Statistik des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga eine von 320 Diskotheken im Freistaat, denen momentan die Perspektive einer nahen Wiederöffnung fehlt. Dieses Schicksal teilen demnach auch rund 3700 Kneipen, 560 Bars und 900 "sonstige getränkegeprägte Gastronomiebetriebe". Etwa 37.000 Menschen sind landesweit in den genannten Lokalen beschäftigt.

Reicht nur für zweieinhalb Monate

Mit den Gästen bleibe der komplette Umsatz des normalen Tagesgeschäfts weg, sagt David Süß vom "Harry Klein". Seine zwölf Festangestellten hat er in Kurzarbeit geschickt, Dutzende Minijobber kann er aktuell überhaupt nicht bezahlen. Zwar habe es von der Landesregierung 30.000 Euro Soforthilfe gegeben, wegen der hohen Mietpreise für Club und Büro reiche das aber nur für zweieinhalb Monate.

Hat die Staatsregierung die Trinklokale vergessen? Nein, heißt es dazu vonseiten des Wirtschaftsministeriums - eine Wiederöffnung von Clubs, Bars und Kneipen könne man aber aktuell einfach nicht verantworten. "Wir müssen sehr vorsichtig vorgehen. Die derzeitige Lage lässt eine Öffnung noch nicht zu", sagt eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage.

Daniel Hahn betreibt im Münchner Schlachthofviertel das Kulturzentrum "Bahnwärter Thiel". Normalerweise erwartet die Besucher hier ein Potpourri aus Clubbetrieb, Theater und Ausstellungen - wegen Corona ist aber seit Wochen das Programm auf Eis gelegt. Auch Hahns zweites Kulturprojekt, das als Bar und Kulturbetrieb genutzte Schiff "Alte Utting", läuft seit Wochen nur auf Sparflamme.

Fast hundertprozentiger Ausfall

"Wir haben wirklich kaum Einnahmen mehr, fast hundertprozentigen Ausfall. Und das jetzt zu einer Jahreszeit, die sonst die schwächeren Monate mitträgt", sagt Hahn. Die bewilligten Soforthilfen für die rund 300 Aushilfen, Werkstudenten und Festangestellten im Team beider Betriebe seien mit Stand Mitte Mai noch nicht angekommen.

Einzelschicksale seien das nicht, sagen beide Betreiber. Vielmehr befinde sich die gesamte Szene wegen der Pandemie im freien Fall. Das gelte aber nicht nur für die Betreiber und ihre Mitarbeiter, sondern auch für selbstständige Musiker und Künstler, die die Bühnen der Betriebe bespielten, betont Carola Kupfer, Präsidentin des Bayerischen Landesverbands der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK). "Es ist für die ganze Branche ein Alptraum."

Betreiber und Verbände fordern über die Soforthilfen hinausgehende direkte Hilfszahlungen in Form eines speziellen Rettungsfonds für die Branche. Andernfalls hätten viele Trinklokale kaum eine Chance, die Krise zu überstehen, heißt es in einer Mitteilung des Dehoga. Auch Pachtnachlässe und weitere Hilfszahlungen müssten erwogen werden.

Einfach überleben

"Wir müssten entschädigt werden, und zwar nicht über Kredite, die wir zurückzahlen müssen. Wir wollen einfach leben und überleben", sagt David Süß. Er kritisiert, dass Einzelselbstständige und Kulturschaffende beispielsweise im Vergleich zur Automobilindustrie viel beharrlicher um staatliche Unterstützung kämpfen müsse.

Der Staatsregierung sei der Hilfsbedarf der Branche durch die besonders langen Schließungen bewusst, betont die Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. "Sowohl die Bundesregierung als auch die Bayerische Staatsregierung denken hier derzeit intensiv über mögliche Programme nach." Das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst verweist dazu außerdem auf ein von Markus Söder angekündigtes erweitertes Kulturhilfsprogramm.

Eine sofortige Wiederöffnung von Clubs, Bars und Co. hält David Süß trotz der finanziellen Sorgen für keine Option. "So lange die Infektionslage so ist, wie sie ist, kann man einen Club nicht sinnvoll betreiben", sagt er und rechnet vor: Normalerweise feiern im "Harry Klein" bis zu 267 Gäste auf 130 Quadratmetern - mit Berücksichtigung der Abstandsregelung von eineinhalb Metern dürften es im Augenblick nur 13 Gäste sein. "Das würde überhaupt keinen Sinn machen."

Livestreams

Was machen die Veranstalter, um in der Corona-Krise präsent zu bleiben? Um den Künstlern wenigstens virtuell eine Bühne zu geben, produziert Daniel Hahn mit seinem Team Livestreams. Auch im "Harry Klein" haben die Mitarbeiter ein technisches Set für Online-Streams installiert. Als einer von 40 Clubs in Bayern gehört der Technoclub zu der Plattform "United we stream" und überträgt regelmäßig Sets im Netz. Einnahmen werden solidarisch verteilt.

Die Gage für die Künstler falle aber im Vergleich zum normalen Tagesgeschäft sehr niedrig aus. Außerdem sei ein Stream nicht mit dem Gefühl der reellen Begegnung von Künstlern und Publikum zu vergleichen. David Süß steht auf der seit Wochen leeren Tanzfläche seines "Harry Kleins" und resümiert: "Das ist einfach nicht das, was wir machen wollen. Ich möchte, dass die Leute hier tanzen und hier Spaß haben. Ein Stream zuhause kann das niemals ersetzen."
(Josefine Kaukemüller, dpa)

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Kommentare (1)

  1. Schnecke vor 3 Wochen
    Hallo,
    ich bin ein Kneipenbesitzer in Franken und betreibe diese seit 10 Jahren. In meine Kneipe gehen bis zu 100 Gäste. Seit Mitte März bin auch ich „kaltgestellt“.
    Leider sehe ich für unsere Kneipenbranche auch in den nächsten Monaten keine Sicht diese eröffnen zu können. Die Hygieneregeln wären ja noch irgendwie machbar, die Abstandsregeln nicht. Wenn ich aufmachen dürfte, können in meine Kneipe 5 Leute. Das ist nicht durchführbar.
    Ich kann auch keine Essen außer Haus verkaufen, da ich nur Getränke verkaufe.
    Ich habe nichts von der 7% MwSt. Regelung, da diese nur auf Essen gilt.
    Die Verpächter bestehen auf volle Pachtzahlung.
    Die Soforthilfe habe ich erhalten, allerdings reicht diese nur noch bis Ende Juni.
    Wir brauchen dringend weitere Hilfen !!!
    Mir ist völlig bewusst das solange es Mindestabstandsregeln gibt ich meine Kneipe nicht öffnen kann. Allerdings hat das natürlich auch Grenzen. Das mir zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen kann wie dies weitergehen soll, verstehe ich. Um uns alle aber am „Leben“ zu erhalten und zumindest die Geschäftskosten gedeckt zu haben, muss dringenst gehandelt werden.
    Ich hoffe vieler meiner Kolleginnen und Kollegen können durchhalten, denn die Gastronomie besteht nicht nur aus Hotels, Restaurants und Biergärten. Bars, Diskotheken und Kneipen gehören hier auch dazu. Lasst uns nicht im Stich.

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