Wirtschaft

Bis eine ländliche Gemeinde mit Glasfaser erschlossen ist, dauert es mitunter bis zu sieben Jahre. (Foto: M-Net)

19.03.2021

"Der Glasfaserausbau dauert viel zu lang"

Rudolf Schleyer und Gudrun Aschenbrenner über die Digitalisierung in den Kommunen

Die Corona-Pandemie treibt die Digitalisierung voran. Das spüren auch die Kommunen. Welche Probleme dabei entstehen und wie man sie überwinden kann, illustrieren Rudolf Schleyer, Vorstandsvorsitzender, und Gudrun Aschenbrenner, Mitglied des Vorstands der AKDB.

BSZ: Herr Schleyer, wie läuft es mit der Digitalisierung in den Kommunen unter Corona-Bedingungen?
Rudolf Schleyer: Es läuft alles stabil. Die Kommunen haben keine Probleme mit den Systemen. Aber sie haben durchaus neue Anforderungen, etwa beim Homeoffice.
BSZ: Das heißt?
Schleyer: Am Anfang der Pandemie haben zum Beispiel vielfach die Amtsleitungen nicht mehr gereicht und die Provider waren überfordert. Denn Leitungen müssen ja physikalisch bereitgestellt werden. Aber das ist jetzt größtenteils kein Problem mehr.

BSZ: Somit reichen auch die Datenvolumina aus, die über die Leitungen geschickt werden können?
Schleyer: Das hat sich deutlich verbessert. Das Breitband-Förderprogramm des Freistaats hat viel gebracht. Die weißen Flecken sind weg. Das heißt aber nicht, dass es nicht noch deutlichen Nachholbedarf gibt.

BSZ: Inwiefern?
Schleyer: Statt auf Glasfaser setzt man hierzulande ja auf das sogenannte Vectoring. Doch dieses technische Verfahren, das es ermöglicht, in den alten Kupferkabeln mehr Datenvolumen zu transportieren, hat dennoch Begrenzungen. Da sind Länder wie Litauen oder Spanien schon weiter, weil sie gleich auf Glasfaser gesetzt haben. Somit sind auch wesentlich mehr Haushalte an die schnellen Datenleitungen angeschlossen als bei uns.

BSZ: Können Sie das etwas konkretisieren?
Schleyer: In Deutschland haben wir fünf Prozent Glasfaser bei den Festnetzanschlüssen, in Spanien sind es zwei Drittel. Das bedeutet, dass wir in Deutschland in diesem Punkt richtig schlecht sind. Wie begrenzt Vectoring ist, zeigt sich aktuell in der Pandemie ganz deutlich. Wenn in einem Straßenzug alle Homeoffice machen und gleichzeitig online sind, nimmt sofort die Datengeschwindigkeit ab.

BSZ: Müsste da nicht der Staat als einstiger Eigner der Telekom, die ja das Vectoring propagiert, Glasfaser vorschreiben?
Schleyer: Zumindest sollte der Staat darüber nachdenken, wie lange er es seinem einstigen Staatsbetrieb noch zugesteht, Gewinne aus alten Kupferkabeln zu ziehen, anstatt in Glasfaser zu investieren. Darüber hinaus dauert der Glasfaserausbau viel zu lang.

BSZ: Warum?
Schleyer: Weil es in einer ländlichen Gemeinde schon recht lange dauern kann, bis die Nachfrage gebündelt, ein investitionswilliger Provider gefunden und die Bauarbeiten begonnen haben. Da gehen insgesamt schon mal sieben Jahre ins Land, bis die Glasfaseranschlüsse in Haushalten und Gewerbebetrieben genutzt werden können.
Gudrun Aschenbrenner: Man könnte ja auch öfter unkonventionelle Wege gehen und Glasfaserleitungen wie in europäischen Nachbarländern oberirdisch verlegen. Vereinzelte Projekte mit diesem Ansatz gibt es ja, zum Beispiel in Feldberg in Baden-Württemberg. Wenn man dann zu einem späteren Zeitpunkt sowieso die Straße aufreißen muss, kann die Leitung ja in die Erde wandern.

BSZ: Und vor diesem Hintergrund sollen elektronische Verwaltungsleistungen vorankommen?
Schleyer: Man muss unterscheiden. Klassische E-Government-Dienste für Bürger und Unternehmen benötigen keine große Bandbreite, die Datenübertragung ist schlank und minimal. Hier verzeichnen wir, sicherlich auch coronagetrieben, ein unglaublich dynamisches Wachstum der Nutzungszahlen. Verglichen mit den ersten beiden Monaten letzten Jahres liegen wir aktuell bei 45 Prozent mehr Online-Transaktionen, das ist gewaltig. Aber es ist schon eine Herausforderung, große Player wie beispielsweise ein ganzes Landratsamt in unser AKDB-Rechenzentrum einzubinden. Da gibt es neben der Leitungshürde auch noch die Preishürde. Die Verantwortlichen müssen dann entscheiden, ob es für sie kostengünstiger ist, ein eigenes Rechenzentrum zu betreiben oder unter das Dach der AKDB zu schlüpfen. Ein ganzes Landratsamt zu hosten kann pro Jahr bei den Verbindungskosten immerhin mit einem sechsstelligen Betrag zu Buche schlagen.
Aschenbrenner: Aber die Verwaltung kann von einer besseren Effizienz profitieren. Denn sie muss sich nicht mehr um die IT-Details kümmern.

BSZ: Das macht dann der Roboter, den sie vor Kurzem angekündigt haben?
Aschenbrenner: Nein, der testet lediglich, ob die elektronischen Dienste immer verfügbar sind und meldet sofort einem Verantwortlichen in einer Gemeinde, wenn zum Beispiel die Homepage der Gemeinde nicht erreichbar ist. Doch Automatisierung kann noch mehr.

BSZ: Was denn?
Aschenbrenner: Sie kann dem Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst entgegenwirken. Denn Standardprozesse wie Umzug, Mülltonne bestellen oder Hund anmelden können komplett online abgewickelt werden. Da muss kein Verwaltungsmitarbeiter seine kostbare Zeit damit verschwenden. Er kann sich um wichtigere Dinge in der Verwaltung kümmern. Denn die beschriebenen Standardprozesse laufen von der Anmeldung über die Verbescheidung bis hin zur Bezahlung durchgehend elektronisch. Aber viele Bürgerinnen und Bürger wissen davon nichts.

BSZ: Warum?
Aschenbrenner: Weil es viele Kommunen versäumen, ihren Bürgerinnen und Bürgern ihre Online-Dienste bekannt zu machen. Dabei wäre das jetzt wichtiger denn je, denn sie investieren mit Blick auf das Onlinezugangsgesetz derzeit kräftig – auch dank Förderung des Freistaats – in Online-Dienste. Das Angebot auf kommunalen Webseiten wächst also stark an, das muss man auch aktiv bewerben. Die AKDB unterstützt ihre Kunden dabei ganz aktiv mit kostenlosen Vorlagen für Print und Online.

BSZ: Wie sieht es denn angesichts steigender Digitalisierung mit der Internetsicherheit aus?
Schleyer: Die Bedrohungslage war noch nie so stark wie jetzt. In den letzten zwei bis drei Jahren gab es einen exponentiellen Anstieg. Gerade bei einem wirtschaftlichen oder politischen Spannungsfall auf internationaler Ebene kommt es durch professionelle Kräfte zu Cyberangriffen auf unsere kritische Infrastruktur, zum Beispiel auf Krankenhäuser.

BSZ: Wie schützen Sie die Kommunen?
Schleyer: Indem wir permanent alles im Auge haben. Auf Techniktagen schulen wir die kommunalen Mitarbeiter und durch Penetrationstests lassen wir unsere eigenen Systeme überprüfen.

BSZ: Das heißt, Sie engagieren Hacker, damit diese versuchen, in die AKDB-Systeme einzudringen?
Schleyer: Ja, sie erhalten die Angriffserlaubnis, um uns dann wertvolle Hinweise zu geben, wo wir noch besser werden müssen. Aber generell gilt: Was heute sicher ist, kann morgen schon völlig offen sein. In Sachen Cybersecurity sind wir permanent gefordert.

BSZ: Künstliche Intelligenz ist in aller Munde, auch bei der AKDB?
Aschenbrenner: Selbstverständlich. Künstliche Intelligenz, kurz KI, kann auch die Kommunen und ihre personellen Ressourcen entlasten. Denn Einsatzplanung fürs Schneeräumen oder Straßenzustandserfassung kann KI in Kombination mit Sensorik leisten. Wir sind an diesem Thema dran. Auch Urlaubsgästen kann eine Kommune via KI viel bieten. Denn nicht jeder Gast hat die gleichen Interessen. So kann die KI gezielt individuelle Angebote machen. Oder in Zeiten von Corona kann die KI Besucherinnen und Besucher vor Überfüllung in bestimmten Regionen, etwa dem Tegernseer Tal, warnen. Die KI kann auch Plausibilitätsprüfungen durchführen und dem jeweiligen Sachbearbeiter Hinweise geben, sich bestimmte Punkte genauer anzusehen.

BSZ: Aber Entscheidungen trifft die KI noch nicht?
Aschenbrenner: So lange wir Menschen das nicht zulassen, wird das nie der Fall sein. KI in unserem Sinne kann bei Entscheidungen nur unterstützend wirken.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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