Viele Politiker rühmen Flüchtlinge als neue Fachkräfte. Als erste Voraussetzung fordert die Wirtschaft aber Deutschkenntnisse. Doch woher sollen die Deutschlehrer für eine wachsende Zahl von Migrantenschülern mit Bleiberecht kommen? Darüber sprachen wir mit Bayerns Kultusstaatssekretär Georg Eisenreich.
BSZ: Herr Eisenreich, Integration von täglich neuen Flüchtlingen, alte Gastarbeiterslangs, Computersprache, globalisiertes Denglisch, Fachchinesisch und Bürokratendeutsch – muss man sich Sorgen um die deutsche Sprache machen?Eisenreich: Gesellschaftliche Entwicklungen wirken sich auch auf die Sprache aus. Als Vorbilder werden unsere bayerischen Lehrkräfte dafür in ihrer Ausbildung sensibilisiert. Wir alle – Schule, Staat und jeder einzelne Bürger – müssen negativen Entwicklungen selbstbewusst entgegentreten. Dann habe ich keine Sorge um den Erhalt unserer schönen deutschen Sprache – und unserer Mundarten.

BSZ: Alle reden von Integration der Flüchtlinge, Chancen für die Wirt-schaft und Verjüngung unserer alternden Gesellschaft. Aber als Voraussetzung nennen alle das Erlernen der deutschen Sprache. Können das die Schulen denn bewältigen? Eisenreich: Es ist richtig, dass die deutsche Sprache wie unsere Grundwerte Voraussetzung und Schlüssel für gelingende Integration und gute Perspektiven in unserer Gesellschaft sind. Junge Asylbewerber und Flüchtlinge mit Bleibeperspektive in Bayern werden bei der Integration nachhaltig unterstützt. Unsere Schulen und Lehrkräfte leisten hier bereits enorm viel.
BSZ: Was zum Beispiel?Eisenreich: Derzeit haben wir rund 530 Übergangsklassen an Grund- und Mittelschulen, in denen Schüler ohne ausreichende Deutschkenntnisse vor allem darin unter-richtet werden. Dazu kommen Hunderte von Sprachförderklassen. An unseren Berufsschulen bestehen zurzeit rund 450 Berufsintegrationsklassen. Bei diesem deutschlandweit beachteten Modell liegt der Schwerpunkt im ersten Jahr auf der deutschen Sprache. Im zweiten Jahr erhalten die jungen Asylbewerber und Flüchtlinge zusätzlich auch eine Berufsorientierung.
BSZ: Das wird aber teuer! Woher kommt das Geld?Eisenreich: Ja, das kostet viel! Wir müssen 2016 mit deutlich mehr Lehrkräften und Geld an den Schulen die Maßnahmen zur Integration von jungen Migranten ausweiten: Wenn der Landtag dem Nachtragshaushalt zustimmt, wird der Freistaat 2016 rund 160 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung stellen. Darin sind 1079 Lehrerplanstellen enthalten und mehrere hundert Beschäftigungs-Möglichkeiten für weitere Lehrkräfte.
BSZ: Woher nehmen? Stehen denn so viele ausgebildete Lehrer auf der Straße?Eisenreich: Auf die momentane Lage, die alles andere als alltäglich ist, müssen wir flexibel reagieren. In unsere Überlegungen beziehen wir deshalb beispielsweise Lehrkräfte für Realschulen und Gymnasien ein, die aufgrund des derzeit geringen Bedarfs kein Einstellungsangebot erhalten haben.
BSZ: Erfordert aber nicht Deutschunterricht für ausländische Schüler andere Lehrmethoden als für bayerische mit Dialekt? In allen Fächern und jeder Schulart. Können das alle unsere Lehrkräfte?Eisenreich: Die bringen eine fundierte didaktische und pädagogische Ausbildung mit, viele zudem Berufserfahrung. Dies ist eine solide Basis für den Einstieg in das Unterrichten von Deutsch als Zweitsprache. Wir stellen für unsere Lehrkräfte die entsprechende Fortbildung bereit, um sie beim Unterrichten von Schülern mit keinen oder geringen Deutschkenntnissen zu unterstützen. Sie können sich mit Studienangeboten für „Deutsch als Zweitsprache“ auch weiter qualifizieren.
BSZ: Von Landräten und Wirtschaftsverbänden hört man, dass viele Migranten an Deutsch- und Integra-tionskursen kein Interesse haben. Soll man die zur Pflicht machen?Eisenreich: Integration setzt den Willen voraus, integriert zu werden. Das ist unerlässlich, um Parallelgesellschaften und Gettos zu vermeiden. Das müssen wir einfordern!
BSZ: Viele Flüchtlinge verstehen „nix Deutsch“ und „nix Englisch“, möchten aber studieren. Wie kann man die vorbereiten, damit sie nicht in Hochschulen sitzen und zwei Jahre kein Wort verstehen? Erst recht kein Wirtschafts-, Juristen- oder Techniker-Deutsch und notwendiges Englisch?Eisenreich: Wer an unseren Hochschulen studieren möchte, muss Voraussetzungen erfüllen. Das gilt auch für Asylbewerber und Flüchtlinge. Zur Berechtigung gehören über fachliche Qualifikationen hinaus auch die für das jeweilige Studium erforderlichen Sprachkenntnisse. Dies soll Frustrationen und Scheitern verhindern. Wer noch keine Berechtigung hat, kann fehlende Sprachkenntnisse in Bayern am Studienkolleg erwerben, auch in Sommerkursen, an Sprachschulen oder Kursen zur Studienvorbereitung.
BSZ: Reichen denn diese Einrichtungen für die vielen jungen Flüchtlingen mit sehr ambitionierten Berufszielen aus?Eisenreich: Nein. Wir rechnen mit steigender Nachfrage an sprachlichen Vorbereitungskursen. In Bayern gibt es bereits viele Angebote und Initiativen – zum Teil in Zusammenarbeit mit Fördervereinen, kirchlichen Verbänden oder ehrenamtlich Tätigen –, um hochqualifizierte Flüchtlinge möglichst schnell in Studium und Beruf zu integrieren. Dazu zählen auch studentische Buddy-Programme und Lerntandems: Dieser persönliche Austausch mit Gleichaltrigen ist für ausländische Studierende oft besonders hilfreich.
BSZ: Vielleicht ja sogar für das Deutsch der deutschen Studenten! Von der Wirtschaft, Hochschulen und Zeitungsverlagen wird beklagt, dass Abiturienten eher Literaturkritik beherrschen, als eigene verständliche Texte zu schreiben, die man für Studium und Beruf brauchen kann. Lehren die Gymnasien Germanistik statt Deutsch fürs Leben?Eisenreich: Nein. Ein zentrales Anliegen im Lehrplan für den Deutsch-unterricht ist Förderung der Schreibkompetenz. Wir legen Wert darauf, dass Schüler lernen, verständliche und in sich schlüssige Texte zu schreiben. Da hat informierendes und argumentierendes Schreiben einen wichtigen Stellenwert; Berichte und Kommentare gehören zum Repertoire eines Gymnasiasten. Literarische Bildung ist nur eines von vielen Zielen des Deutschunterrichts am Gymnasium. Der soll darüber hinaus auch Anlässe bieten für gestalterisch-kreatives Schreiben.
BSZ: Von Deutschlehrern ist zu hören, dass man sich auf Literatur- und Text-Analysen konzentriere, weil dazu sicher eine Abituraufgabe dabei ist. Ist das Prüfungstaktik oder nur bequemes Hobby von Germanisten? Wer überprüft, ob Lehrpläne auch eingehalten werden?Eisenreich: Das wird von Fachbetreuern, Schulleitern und den Ministerialbeauftragten überprüft. Seit 2011 gibt es an Gymnasien verpflichtend eine schriftliche Abiturprüfung im Fach Deutsch. Die Abiturienten können dabei aus verschiedenen Aufgabenformaten wählen und eigene Schwerpunkte setzen – darunter stets solche, die keine literarischen Analysen verlangen. Ein Beispiel: Sie hatten 2015 die Möglichkeit, für eine Tageszeitung einen Kommentar zu Chancen und Risiken des Videoportals YouTube zu schreiben.
BSZ: Das sollten die aber dann auch in der Mittel- und Oberstufe bereits geübt haben, was offenbar nicht überall geschieht?Eisenreich: Da sind alle Schreibformate, literarische wie auf Sachtexte bezogene, verbindliche Schulaufgabeninhalte und sie müssen auch geübt werden. Dies soll die Kompetenzen im Analysieren, Argumentieren, Informieren, aber auch im freieren, gestaltenden Schreiben in der Muttersprache fördern.
BSZ: Die meisten Chancen auf Integration von Migranten bieten Handwerk, Gastronomie und mittelständische Unternehmen. Wie kann man denen mit Sprachförderung helfen? Müsste nicht jeder deutsche Akademiker mit didaktischer Hilfestellung auch Deutsch für Ausländer unterrichten können?Eisenreich: Mit der bundesweit bislang einmaligen Initiative „Integration durch Ausbildung und Arbeit“ haben sich die Staatsregierung, die Spitzenverbände der Wirtschaft und die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit gemeinsam das Ziel gesetzt, bis Ende 2016 rund 20.000 Flüchtlingen einen Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz anzubieten. Bis Ende 2019 sollen 60.000 Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert sein. Dafür starten die Partner Bildungs- und Qualifikations-Projekte – in Bayern künftig flächendeckend! Dabei ist ein wesentlicher Bestandteil die Sprachförderung.
BSZ: Auch ältere Migranten und viele Einheimische sprechen „gebroche-nes“, schlechtes oder nur „Kürzel-Deutsch“ für E-Mails, Twittern und Simsen. Dazu kommt ein rein modisches „Angeber-Denglisch“. Ist die deutsche Sprache noch vor all dem Kauderwelsch retten?Eisenreich: Wir versuchen es ja! Neben Staat und Schule sind vor allem Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehanstalten als sprachliche Vorbilder gefordert. Aber es ist die Aufgabe von uns allen, die deutsche Sprache bewusst zu gebrauchen und als Kulturgut zu pflegen.
(
Interview: Hannes Burger)
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!