Wirtschaft

Das deutsche Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace hat beim zweiten Testflug seiner Trägerrakete erfolgreich fünf Satelliten in die Erdumlaufbahn gebracht. (Foto: Isar Aerospace)

06.09.2026

Erfolg für Isar Aerospace: Deutsche Rakete erreicht Orbit

Es ist ein großer Schritt für Europas Raumfahrtindustrie: Ein erst 2018 gegründetes bayerisches Start-up schießt beim zweiten Test eine Rakete ins All und bringt Satelliten in die Erdumlaufbahn

Das deutsche Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace hat beim zweiten Testflug seiner Trägerrakete erfolgreich fünf Satelliten in die Erdumlaufbahn gebracht. Die Rakete hob am Samstag um 22.12 Uhr vom norwegischen Weltraumbahnhof Andoya, wie auf einem Livestream zu sehen war. Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Norwegens Regierungschef Jonas Gahr Store gratulierten, Merz wählte große Worte: "Das ist der Beginn einer neuen Ära." Die Spectrum-Raketen drei bis sieben sind nach Worten von Isar-Aerospace-Chef Daniel Metzler bereits im Bau. "Europa kann schnell sein und liefern."

Großer Erfolg für ein Jungunternehmen

Beim ersten Testflug im März 2025 waren nur 30 Sekunden bis zum Absturz vergangen. Das in Ottobrunn bei München ansässige Unternehmen feierte damit nach monatelangen Verzögerungen und viermaliger Verschiebung des zweiten Testflugs einen großen Erfolg.
Nach Angaben der Moderatoren bei der Live-Übertragung erreichte die 28 Tonnen schwere Rakete knapp vier Minuten nach dem Start eine Flughöhe von etwa 100 Kilometern über dem Erdboden - die sogenannte Karman-Linie, die die gedachte Grenze zum Weltall markiert. Auch der weitere Flug der Rakete in den Orbit verlief demnach reibungslos, bis die Spectrum die wissenschaftlichen Satelliten mehrerer Universitäten in erdnahen Umlaufbahnen gut 500 Kilometer über dem Erdboden aussetzte. 

Bei der Live-Übertragung war das Abstoßen der ersten Stufe zu sehen. "Das erste Mal gelingt ein solcher Flug vom europäischen Kontinent aus in die Erdumlaufbahn", teilte Kanzler Merz in der Nacht mit. Das Unternehmen selbst nannte den erfolgreichen Flug in einer Pressemitteilung einen "Wendepunkt für Europa". 

"Wir haben in wenigen Jahren erreicht, wofür die europäische Raumfahrtindustrie zuvor Jahrzehnte gebraucht hat", erklärte Metzler. "Europa hat jetzt souveränen Zugang zum Weltraum."

Ursprünglich hätte die Spectrum-Rakete bereits im Januar abheben sollen. Doch der erste Termin wurde wegen eines defekten Ventils verschoben, beim zweiten Anlauf im März kam ein norwegischer Fischer dazwischen, der mit seinem Boot die Sicherheitszone in den Gewässern vor der Startbasis nicht rechtzeitig verlassen hatte. Im April wurden die Startvorbereitungen wegen eines leckenden Druckbehälters abgebrochen, im Juni gab es erneut ein Problem. 

Isar Aerospace will in diesem und im nächsten Jahr weitere Starts in Norwegen folgen lassen. Ab Anfang 2028 sollen die Spectrum-Raketen auch von einer geplanten zweiten Startbasis in Kanada abheben, im Gespräch sind nach Angaben von Isar Aerospace-Missionschef Alexandre Dalloneau auch Starts vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana. 

Die Spectrum soll nach der Serienreife sogenannte zivile und militärische Satelliten in erdnahe Umlaufbahnen bringen, geplant ist die Produktion von 40 Raketen im Jahr. Kanzler Merz' überschwänglicher Glückwunsch erklärt sich auch daraus, dass sowohl die Bundesregierung als auch die EU und andere europäische Staaten ein strategisches Interesse am Erfolg des Unternehmens mit seinen guten 400 Mitarbeitern haben. 

Abhängigkeit von US-Technik und SpaceX soll schwinden

Grund ist die derzeitige weitgehende Unfähigkeit Europas, Satelliten mit eigener Technik ins All zu schießen. Seit langem wird die große Mehrheit der europäischen Satelliten von SpaceX ins All befördert. Das ist bei europäischen Raumfahrtunternehmen unpopulär, weil die Auftraggeber in den USA die technischen Spezifikationen ihrer Satelliten offenlegen müssen. Nach Angaben von Isar Aerospace starteten die USA im vergangenen Jahr 198 Raketen, Europa lediglich acht. 

"Strategischer Zugang zum Weltraum und nicht abhängig zu sein von einem Monopol, ist offen gesprochen extrem wichtig für unsere Sicherheit, für unsere Wirtschaft, für unsere strategische Autonomie", sagte Metzler am Sonntagmorgen. In die Schar der Gratulanten reihten sich Wissenschaftsministerin Dorothee Bär und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU) ein.

Isar Aerospace hat nach Firmenangaben bislang über eine halbe Milliarde Euro Investorengelder eingeworben. Zuletzt hatte das Jungunternehmen einen Vertrag über 200 Millionen Euro mit der Europäischen Weltraumbehörde ESA unterzeichnet - Teil eines ESA-Programms, das die Entwicklung europäischer Trägerraketen beschleunigen soll.

Rund 60 Prozent der Anfragen an Isar Aerospace kommen mittlerweile aus dem militärischen Bereich, wie Vorstandschef Metzler im Frühjahr berichtet hatte. Laut Unternehmen ist Isar Aerospace jetzt schon mit Aufträgen über mehrere hundert Millionen Dollar bis zum Jahr 2028 ausgebucht, obwohl die Rakete nicht serienreif ist. Kanzler Merz hatte das Gelände in Andoya am 13. März gemeinsam mit dem norwegischen Regierungschef Store besucht.

Größere Höhen im All wird die bayerische Spectrum-Rakete jedoch auch dann nicht ansteuern können, wenn sie eines Tages die Serienreife erreicht. Daran arbeitet die französisch-deutsche ArianeGroup, die in diesem Jahr insgesamt sieben bis acht Raketen des jahrelang verzögerten Typs Ariane 6 starten lassen will. Bisher gab es nach Zählung des Fachportals "European Spaceflight" vier Ariane-Starts in diesem Jahr. Anders als die Spectrum ist die Ariane eine große Trägerrakete, die weit schwerere Nutzlast auch in geostationäre Umlaufbahnen knapp 36.000 Kilometer über dem Erdboden befördern kann.
(Carsten Hoefer und Julia Cebella, dpa)

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