Wirtschaft

Die Teilzeitquote ist besonders im ländlich geprägten Bayern sehr hoch.(Foto: picture alliance/Westend61, Inga Erhan)

28.01.2026

Einschränkung der Teilzeit: So stehen Bayerns Parteien und Verbände zu der Forderung der Mittelstandsunion

In Bayern teilt man den Standpunkt der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) nicht unbedingt

Die Deutschen arbeiteten zu wenig, sagt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) meint, schon eine Stunde mehr pro Woche würde viel bringen. Beide hatten darüber hinaus schon des Öfteren auf die Schweiz verwiesen, wo angeblich 200 Stunden mehr pro Jahr und Arbeitnehmer gearbeitet werde als hierzulande.

Den Ball griff die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) dankbar auf und attackierte die Teilzeitbeschäftigung. Der Wirtschaftsflügel der Union will den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken, wie aus einem Antrag der Partei-Unterorganisation an den CDU-Bundesparteitag im Februar hervorgeht. Es soll ihn nur noch geben, wenn besondere Gründe vorliegen. Dazu zählt die MIT die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen und berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung.

Teilzeit am Land besonders beliebt

Die Teilzeitquote ist besonders im ländlich geprägten Bayern sehr hoch. Jede zweite Frau arbeitet nur stundenweise, bei den Männer ist es rund ein Achtel. Ein großes Reservoir an Arbeitskraft, keine Frage - besonders in Zeiten des Fachkräftemangels und der Tatsache, dass gerade der Renteneintritt der geburtenstarken Boomer-Generation begonnen hat und sich noch bis zum Ende des Jahrzehnts fortsetzen wird. Besonders ausgeprägt ist Teilzeit in Pflegeberufen und in der Dienstleistungsbranche – in der Industrie und im Baugewerbe weniger.

Doch die Mittelstands- und Wirtschaftsunion erhält Widerspruch. Dass der Koalitionspartner SPD auf die Barrikaden ging - geschenkt. Aber auch aus den eigenen Reihen erhebt sich Protest. „Politik darf nicht schlecht über Menschen sprechen, sondern muss die eigenen Hausaufgaben erledigen“, sagt Bayerns Arbeits- und Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU). „Es liegt mir vollkommen fern, pauschal Bürgerinnen und Bürger zu kritisieren. Meine Perspektive ist, dass die Menschen in Bayern in der ganz großen Mehrheit leistungsbereit sind - sie betreuen Kinder, pflegen Angehörige und sind dann noch im Ehrenamt aktiv. Für die Wirtschaft und die Mitarbeitenden ist die Teilzeit ein wichtiges Element der Arbeitswelt.“ Politik müsse Arbeit möglich machen, so die Ministerin - und schiebt noch hinterher, dass sie natürlich die Wochenarbeitszeit „flexibilisieren“ will, also weg vom starren Acht-Stunden-Tag. Jede und jeder, die oder der mehr arbeiten will oder muss, soll mehr arbeiten können.

DGB Bayern: Persönliche Entscheidung

Noch rigoroser fällt die Ablehnung beim DGB Bayern aus. „Ob Menschen in Vollzeit oder Teilzeit arbeiten, ist eine persönliche Entscheidung – und sie muss es auch bleiben“, so Gewerkschaftssprecher Herbert Hartinger. In der Praxis sei Teilzeitarbeit jedoch häufig keine freiwillige Wahl, sondern das Ergebnis äußerer Einflüsse wie familiärer Verpflichtungen, Pflegeaufgaben, gesundheitlicher Belastungen oder fehlender Betreuungsangebote. Statt diese Realität anzuerkennen, stelle der CDU-Wirtschaftsflügel Beschäftigte als bequem oder arbeitsscheu dar. „Eine Einschränkung des Teilzeitrechts würde nicht mehr Arbeitskraft mobilisieren, sondern im Gegenteil dazu führen, dass sich noch mehr Menschen ganz aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen“, bilanziert man beim DGB.

Und selbst die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft stellt sich nicht unbedingt uneingeschränkt hinter den MIT-Vorschlag, sondern präferiert einen Mittelweg. „Die Betriebe haben ein großes Interesse daran, qualifizierte und engagierte Mitarbeitende zu halten, auch wenn sich deren Lebensumstände verändern und sie nicht Vollzeit arbeiten können – und regeln dies in der Regel einvernehmlich. Daher kommen bayerische Unternehmen ihren Beschäftigten bei dem Wunsch nach Reduzierung der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit in der Regel freiwillig entgegen“, sagt vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. Den Rechtsanspruch auf Teilzeit habe man dagegen schon immer abgelehnt. Deren Anteil sei aber schon vorher gestiegen.

Arbeitsrecht soll flexibler werden

Genau wie die bayerische Arbeitsministerin plädiert auch die vbw für eine Flexibilisierung des Arbeitsrechts und insbesondere des Arbeitszeitrechts ein – also hin zu einer stärkeren Orientierung an der Wochenarbeitszeit und weniger an der täglichen Stundenzahl. Hier müssten „hindernde Regelungen“ auf den Prüfstand, befindet Brossardt. „Ob der Vorschlag der Mittelstandsunion einen positiven Einfluss auf die Fachkräftesicherung in der Praxis hätte, lässt sich aus heutiger Perspektive nur schwer einschätzen“, befindet der vbw-Hauptgeschäftsführer.

Das Problem: Teilzeit kann sich finanziell durchaus lohnen, wie das Münchner ifo-Institut vorgerechnet hat. Als Beispiel dient den Wirtschaftswissenschaftlern ein Familienvater, der als Alleinverdiener bisher 5000 Euro brutto monatlich verdient hat und nun in eine Teilzeitstelle mit 3000 Euro monatlich gewechselt ist. Das liege laut ifo zum einen am nun günstigeren Steuersatz, zum anderen, entscheidenden Teil aber am nun fällig werdenden Anspruch an staatlichen Zuschüssen, beispielsweise bei der Miete oder dem Kinderzuschlag.
(André Paul)

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