Wirtschaft

Siemens-Chef Kaeser hat der Klimaaktivistin Neubauer eine Rolle im künftigen Unternehmen Siemens Energy angeboten. (Foto: dpa/Soeren Stache)

12.01.2020

Klimadebatte um Kohlebergwerk 

Neubauer will Siemens-Posten nicht

Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer will den angebotenen Sitz im Aufsichtsgremium des künftigen Unternehmens Siemens Energy nicht haben. Sie machte Siemens-Chef Joe Kaeser aber den Vorschlag, den Posten einem Wissenschaftler zu geben, was Kaeser wiederum ablehnte.

Hintergrund des Dialogs zwischen den beiden ist die Lieferung einer Zugsignalanlage für ein umstrittenes Kohlebergwerk in Australien. Nach Kritik von Klimaschützern überprüft Siemens diese Investition und will am Montag bekanntgeben, ob es daran festhält.

Die Adani Group will in Australien eines der größten Kohlebergwerke der Welt aufbauen, das aus fünf Untertageminen und sechs Tagebaustätten bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr fördern soll. Das Projekt wird von Umweltschützern seit Jahren bekämpft.

Kaeser hatte Neubauer am Freitag bei einem Gespräch über das Vorhaben einen Sitz in einem Aufsichtsgremium von Siemens Energy angeboten. Ob es der Aufsichtsrat oder ein anderes Gremium sei, könne Neubauer selbst entscheiden, sagte er. Siemens will sein Energiegeschäft im Frühjahr als Siemens Energy abspalten und voraussichtlich im September an die Börse bringen.

Kaeser bedauert

"Ich werde das Angebot persönlich nicht annehmen können, habe aber Siemens darum gebeten, das Angebot an einen Vertreter oder Vertreterin der Scientists for Future weiterzugeben", sagte Neubauer der Deutschen Presse-Agentur. Bei Scientists for Future sind Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen organisiert, die die Klimaschutz-Bewegung Fridays for Future unterstützen.

Kaeser bedauerte am Sonntag Neubauers Entscheidung, respektierte diese zugleich. Er wolle den Posten aber keinem Experten geben. Der Vorschlag Neubauers, diesen Sitz an einen Experten abzutreten, sei "gut gemeint", teilte Kaeser am Sonntag mit. "Aber Experten und Wissenschaftler haben wir schon genug."

"Die Lösung unserer Umweltprobleme braucht Führungspersönlichkeiten, die zusammen zielkonfliktäre Systeme verstehen und auflösen", fügte er hinzu. So habe es beim Klimagipfel in Madrid genügend Experten gegeben, "aber viel zu wenig von diesem Leadership. Das Ergebnis spricht für sich selbst".

Neubauer hatte zu ihrer Entscheidung erklärt, sie kenne das Aktienrecht. "Mit dem Posten wäre ich den Interessen des Unternehmens verpflichtet und könnte Siemens dann nicht mehr unabhängig kommentieren. Das ist nicht mit meiner Rolle als Klimaaktivistin zu vereinbaren." Sie sei dem Pariser Klimaabkommen und dem 1,5-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung verpflichtet. "Am Beispiel Joe Kaeser sieht man diese Tage, dass diese unabhängige Rolle dringend gebraucht wird."

Im Aufsichtsrat mitwirken

Kaeser meinte, Neubauer hätte im Aufsichtsrat an der Lösung der Klimaproblematik mitwirken können "und dabei auch Einblicke in komplexe unternehmerische Zusammenhänge bekommen". Siemens habe ebenso das Ziel, den Klimawandel zu bekämpfen. "Meine Tür steht weiterhin offen", sagte Kaeser mit Blick auf die Diskussion mit Neubauer.

Bei der Kritik an dem Projekt in Australien geht es neben dem Klimaschutz auch um den Verbrauch von Wasser, die Zerstörung von Lebensraum und den Transport der Kohle über das Great Barrier Reef, das größte Korallenriff der Welt.

"Ich kann bestätigen, dass Joe Kaeser über die desaströsen Konsequenzen der Kohleförderung durch die Adani Mine Bescheid weiß", sagte die 23-Jährige. Er wisse, dass die Emissionen durch die Kohle aus der Mine im schlimmsten Fall das Ziel gefährdeten, die Klimaerhitzung auf zwei Grad zu begrenzen, und die direkten Auswirkungen der Adani Mine für die Umwelt zerstörerisch seien.

Es war ein Fehler

"Er hat im Gespräch zugegeben, dass es ein Fehler war, den Vertrag mit Adani zu unterschreiben", sagte Neubauer. "Ein CEO wie Kaeser macht dann nicht den zweiten Fehler und hält an einem so katastrophalen Handel fest - sondern revidiert den Fehler."

Kaeser hatte am Freitag gesagt, die Entscheidung sei nicht einfach. Es gebe unterschiedliche Interessenlagen - von Aktionären, Kunden und auch der Gesellschaft. Er zeigte sich dem eigenen Unternehmen gegenüber auch kritisch: "Wir sehen, dass wir auch indirekte Beteiligungen bei kritischen Projekten besser verstehen und frühzeitig erkennen müssen." Besondere Brisanz hatte das Thema zuletzt auch durch die riesigen Buschbrände in Australien bekommen.

Siemens habe für das Adani-Projekt eine Schlüsselrolle, sagte Neubauer. Zwei Firmen, die für den Auftrag auch in Frage kämen, hätten schon abgesagt. "Unabhängig davon liegt es an Siemens zu beweisen, dass sie ihr Klimaschutzengagement ernst meinen", betonte sie.
(Teresa Dapp und Bernd Röder, dpa)

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