Wirtschaft

Rund 6,8 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland in Minijobs. Über die Zukunft der geringfügigen Beschäftigung wird politisch zunehmend gestritten. (Foto: dpa/Sven Simon, Frank Hoermann)

24.06.2026

Minijobs auf dem Prüfstand – Streit über Ende der Sonderregel

SPD, Grüne und Linke wollen die geringfügige Beschäftigung abschaffen, die AfD sie ausweiten. Besonders Handel und Gastronomie fürchten negative Folgen – Arbeitsmarktexperten sehen Minijobs dagegen kritisch

Fast sieben Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen, die allermeisten mit deutschem Pass: Minijobs galten jahrelang als Brücke in eine dauerhafte Beschäftigung. Doch nicht nur Wissenschaftler sehen das einstige Erfolgsmodell inzwischen viel kritischer. Auch aus der Politik kommt fast unisono Skepsis. Nach den Vorschlägen der Rentenkommission sollen Minijobs in die gesetzliche Rente einbezogen werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was genau ist eigentlich ein Minijob? Ein Minijob ist eine sogenannte geringfügige Beschäftigung von meist nur wenigen Stunden pro Woche oder aber von nicht mehr als drei Monaten am Stück pro Jahr. Der Verdienst ist auf derzeit 603 Euro pro Monat oder 7.236 Euro pro Jahr limitiert. Der Arbeitnehmer zahlt keine Sozialabgaben, der Arbeitgeber lediglich eine Pauschale von etwas über 30 Prozent, darunter 15 Prozent Rentenversicherung und 13 Prozent Krankenversicherung. Im Vergleich zu einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zahlt der Arbeitgeber eher mehr Abgaben – der Arbeitnehmer dagegen gar keine.

Welchen Vorteil hat dann der Arbeitgeber, wenn er Minijobber beschäftigt? Arbeitgeber können viel flexibler reagieren und zum Beispiel saisonale Lücken schließen, ohne einen Mitarbeiter das ganze Jahr beschäftigen zu müssen. Die Abwicklung über die Minijobzentrale gilt als stark vereinfacht und somit unkompliziert.

Welche Branchen sind betroffen? Die größten Gruppen der Minijobber in Deutschland arbeiten in den Bereichen Handel und Gastronomie. Dort ist auch der Aufschrei über die Reformpläne am größten. „Die Vorschläge der Rentenkommission gehen an der betrieblichen Realität vorbei und wären für das Gastgewerbe eine Katastrophe“, heißt es etwa vom Hotel- und Gaststättenverband in Bayern. Insgesamt sind in der aktuellen Debatte Arbeitgebervertreter eher gegen die Abschaffung, Gewerkschaften eher dafür. CSU-Chef Markus Söder (CSU) hatte sich vorsichtig geäußert: Minijobs seien ein sensibles Thema, es dürfe nicht voreilig Porzellan zerschlagen werden.

Die größten Gruppen der Minijobber arbeiten in den Bereichen Handel und Gastronomie

Wie viele Minijobber gibt es derzeit in Deutschland? Laut Minijobzentrale sind derzeit 6.554.876 Menschen in Deutschland als geringfügig beschäftigt im Gewerbe registriert. Hinzu kommen 252.372 in Privathaushalten, die noch einmal erleichterten Regelungen unterliegen. Fast zwei Drittel der gewerblichen Minijobber sind zwischen 24 und 64 Jahre alt. Frauen sind mit 55,9 Prozent klar in der Überzahl, 18,3 Prozent sind Ausländer. Für alle Minijobber zusammen wurden im ersten Quartal Beiträge in Höhe von 1,3 Milliarden Euro für die Rentenversicherung und 1,02 Milliarden Euro für die Krankenversicherung eingezahlt.

Was sagen die Arbeitsmarktexperten? Aus Sicht der Bundesagentur für Arbeit sind Minijobs ein Problem; denn sie verführen geradezu dazu, eben keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung einzugehen – besonders bei den Gruppen in der Bevölkerung, die noch Luft nach oben hätten. Deutschland sei etwa eines der Länder in Europa, die im Bereich der Erwerbsbeteiligung von Frauen am oberen Rand liegen, sagt die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles (SPD).

Die Zahl der von Frauen geleisteten Arbeitsstunden sei in Deutschland aber eine der niedrigsten auf dem gesamten Kontinent. Die Möglichkeit eines Minijobs sei – ähnlich wie das Ehegattensplitting – ein staatlicher Anreiz, nur wenige Stunden zu arbeiten. Der Arbeitsmarktforscher Ulrich Walwei vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hatte sich schon 2021 in einer Stellungnahme für den Bundestag kritisch zu Minijobs geäußert. Sie würden ein hohes Niedriglohnrisiko und eine hohe Armutsgefährdungsquote aufweisen. Es gebe Hinweise auf einen erheblichen Verdrängungseffekt aus der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Und: Das häufig vorgebrachte Pro-Argument, Minijobs könnten als Brücke in den sozialversicherungspflichtigen Arbeitsmarkt dienen, ziehe nur sehr bedingt.

Wie stehen die politischen Parteien zu Minijobs? Die AfD will die Möglichkeit von Minijobs ausweiten, SPD, Linke und Grüne sind für die Abschaffung. Aus der Union hatte es unterschiedliche Stimmen gegeben, aber auch dort waren die Rufe nach einer Abschaffung zuletzt immer lauter geworden. (dpa)

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche
X
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Beilagen

Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, sagt über die Deutschen: "Unser Mindset hat sich nicht weiterentwickelt – es ist in einer Art Biedermeier-Modus stehen geblieben."

> Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung ist online

Die Suche nach dem sichersten Ort für unseren Atommüll ist eine staatliche Jahrhundertaufgabe. Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung stellt vier Menschen vor, die diese Mission bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung mit ihre

> Änderung der Gemeindeordnung

Liebe Leserinnen und Leser des Kommunalen Taschenbuchs, die Gemeindeordnung des Freistaats Bayern hat sich am 23. Dezember 2025 nach Redaktionsschluss (14. November 2025) nochmals geändert. Die entsprechenden Seiten können Sie hier herunterladen.

Jahresbeilage 2025

Nächster Erscheinungstermin:
28. November 2026

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 28.11.2025 (PDF, 16,5 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Das kunst- und kulturhistorische Online-Magazin der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Unser Bayern - Nachbestellen

Aktuelle Einzelausgaben des Online-Magazins „Unser Bayern” können im ePaper der BSZ über den App-Store bzw. Google Play gekauft werden.