Wirtschaft

Ohne Lkw-Fahrer geht hierzulande nichts. (Foto: dpa, Christoph Reichwein)

26.06.2026

Nachfrage nach Putzfrauen und Lkw-Fahrern

Neue Studie der bayerischen Wirtschaft sieht weiter Fachkräftemangel bis 2035

In Bayern fehlen auch die nächsten zehn Jahre Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt, so das Ergebnis einer neuen Studie „Regionale Arbeitslandschaften“ der Prognos AG im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). Zwar sei die „Fachkräftelücke“ kleiner als erwartet, doch fehlten 2035 rund 290.000 Personen, um die Nachfrage an Arbeitskräften zu decken. Zentraler Treiber des Fachkräftemangels sei die demografische Entwicklung, will heißen die Alterung der Bevölkerung. Zur Behebung des Kräftemangels schlägt der Wirtschaftsverband ein Bündel an Maßnahmen vor, von der heimischen Bildungsoffensive bis zur Anwerbung von Menschen aus dem Ausland. Auch die Arbeitszeit soll flexibler werden. Nötig sei eine Wochenarbeitszeit von 48 Stunden, so vbw-Geschäftsführer Bertram Brossardt.

Wenig attraktiv und schlecht bezahlt

Der so konstatierte Fachkräftemangel verteilt sich allerdings unterschiedlich auf die verschiedenen Berufsgruppen. So sieht die Prognose für 2035 etwa ein Überangebot von 15.000 Arbeitskräften im Bereich von Werbung, Marketing oder Medienberufen, während dagegen bei den Reinigungsberufen 43.000 und beim „Führen von Fahrzeugen und Transportgeräten“ 51.000 Arbeitskräfte fehlen würden. Vielleicht müssen sich also Journalisten zu Putzfrauen oder Lkw-Fahrern umschulen lassen. Klar ist, dass der fehlende Zuspruch zu diesen Berufen auch mit Attraktivität und Bezahlung zu tun hat. Ein Überangebot an Arbeitskräften soll es auch in „Informatik und andere ITK-Berufe“ (11.000) und bei Technischen Entwicklern und Konstrukteuren (13.000) geben. Nicht gedeckt werden könnte die Nachfrage bei Erziehung und hauswirtschaftlichen Berufen (hier fehlen 42.000 Fachkräfte) oder bei medizinischen Gesundheitsberufen (-31.000).

So wie unterschiedlich auf Berufsgruppen verteilt ist auch die regionale Streuung des konstatierten Fachkräftemangels. Mit Blick auf ganz Bayern zeigt sich beim Arbeitskräfteangebot ein Nord-Süd-Gefälle, also ein besonders starker Rückgang des Angebots in den ländlichen Regionen Ober-, Mittel- und Unterfrankens sowie der Oberpfalz. Gleichzeitig steige das Arbeitskräfteangebot in den Ballungszentren wie etwa Nürnberg, Fürth und Bamberg genauso wie in der Landeshauptstadt München und den angrenzenden Regionen wie Dachau. „Ein echtes Überangebot sehen wir aber in keinem der Landkreise und in keiner kreisfreien Stadt“, so Brossardt und ergänzt: „Bei der Nachfrage zeigt sich ein differenzierteres Bild, denn hier ist die wirtschaftliche Struktur vor Ort ausschlaggebend. Teilweise ist das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage fast ausgeglichen, in manchen Landkreisen wird aber bis 2035 etwa jede achte Stelle unbesetzt bleiben.“ 

So geht die Prognose davon aus, dass in Oberbayern die Fachkräftelücke in zehn Jahren 80.000 Personen beträgt. Damit ist Oberbayern die vom Fachkräftemangel am stärksten betroffene Region in Bayern. In 25 von 36 Berufshauptgruppen werden Engpässe auftreten. Der Grund: Zahlreiche Beschäftigte gehen in Rente, gleichzeitig sinkt die Geburtenrate. Der Arbeitskräftemangel manifestiert sich 2035 in Oberbayern im Landkreis Garmisch-Partenkirchen am stärksten, wo die Nachfrage nach insgesamt 36.600 Arbeitskräften um rund 6,8 Prozent über dem Angebot liegen wird. In der Stadt Ingolstadt wird die Nachfrage mit 107.000 Arbeitskräften das Angebot um 0,7 Prozent übersteigen. Grund für diese vergleichsweise günstige Entwicklung ist der relativ geringe Rückgang des Arbeitskräfteangebots.

Unterfranken am stärksten betroffen

Mit am stärksten betroffen vom Arbeitskräftemangel ist der Prognose nach auch Unterfranken. Hier geht das Angebot stärker zurück als die Nachfrage, sodass die Fachkräftelücke in der Region von 27.750 Personen im Jahr 2025 auf knapp 45.000 Personen im Jahr 2035 wachsen wird. Besonders dynamisch wird sich die Lage ab 2028 entwickeln. „Damit ist Unterfranken nach Oberbayern die am stärksten betroffene Region in Bayern. In 27 von 36 Berufshauptgruppen werden Engpässe auftreten“, schildert Brossardt die Lage. So sinkt das Arbeitskräfteangebot am stärksten in den Landkreisen Rhön-Grabfeld mit einem Minus von 10,4 Prozent sowie Main-Spessart mit einem Minus von 10,1 Prozent und Bad Kissingen mit einem Minus von 9,6 Prozent.

Gleichzeitig steigt das Arbeitskräfteangebot in den Ballungszentren, die günstigste Entwicklung findet sich in der Stadt Aschaffenburg mit einem Minus von 5,6 Prozent. Am günstigsten ist die Prognose für Niederbayern, hier wird bis 2035 eine stabile Entwicklung des Arbeitskräfte- und Fachkräftemangels auf vergleichsweise niedrigem Niveau erwartet. Die Fachkräftelücke in der Region wird sich sogar leicht reduzieren, von 21.750 Personen im vergangenen Jahr 2025 auf 20.200 Personen im Jahr 2035. Angebot und Nachfrage bleiben auf einem konstanten Level. Damit weist Niederbayern den geringsten Mangel unter allen Regionen in Bayern auf.

Arbeitszeit muss flexibler werden

Die Prognos AG arbeitet in der aktuellen Studie erstmalig neben dem oben genannten Basisszenario mit zwei zusätzlichen Szenarien, bei denen die Fachkräftelücke je nach wirtschaftlicher Entwicklung kleiner oder größer ausfällt. Geschäftsführer Brossardt: „In allen drei Szenarien wird das Arbeitskräfteangebot stärker zurückgehen als die Nachfrage. Im Negativszenario rechnen wir immer noch mit einer Fachkräftelücke von etwa 210.000 Personen.

Im Positivszenario, also im Fall einer wirtschaftlichen Erholung, rechnen wir mit 330.000 Personen, die den bayerischen Unternehmen fehlen. Das heißt: Verbessert sich die konjunkturelle Lage, steigt die Fachkräftenachfrage.“ Laut der aktuellen 16. Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts werde die Zahl der Bevölkerung bis 2035 spürbar schrumpfen. „Die Fachkräftesicherung wird langfristig eine zentrale Zukunftsaufgabe bleiben. Darum müssen wir alle Beschäftigtenpotenziale heben, etwa indem wir die Erwerbsbeteiligung von Älteren und Teilzeitkräften erhöhen. Gleichzeitig müssen wir die Arbeitszeitpotenziale heben, indem wir die Arbeitszeit flexibilisieren“, so Brossardt.
(Rudolf Stumberger)

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