Bayerns Wirtschaft ist weltmarktorientiert. Da es aufgrund geopolitischer Schwierigkeiten immer herausfordernder wird, in den für den Freistaat wichtigen Märkten USA und China zu reüssieren, ist Diversifikation gefragt. Namibia im Südwesten Afrikas könnte ein interessanter Markt für Bayern werden.
„Die Menschlichkeit hat mich gepackt“, sagt Max Schlereth, Honorarkonsul der Republik Namibia in Bayern, der Staatszeitung. Das riesige Land im Südwesten Afrikas mit seinen nur etwas über drei Millionen Einwohnern bietet ihm zufolge enormes Geschäftspotenzial für bayerische Unternehmen. In den Sektoren grüner Wasserstoff, Energieinfrastruktur, Transport und Logistik, Wassermanagement und Nachhaltigkeit, Gesundheitswesen, Agrarverarbeitung, bezahlbarer Wohnraum und Tourismus böten sich viele Chancen.
Delegationsreise geplant
Um diese auszuloten, ruft der Münchner Unternehmer Schlereth, der geschäftsführender Mehrheitsgesellschafter der Derag Unternehmensgruppe (Immobilienunternehmen und Hotelkette Derag Livinghotels) ist, bayerische Unternehmen, Vertreter aus Wissenschaft und Institutionen auf, an der kommenden „BY-NAM Trade Mission 2026“ nach Namibia teilzunehmen. Die Delegationsreise soll vom 14. bis 18. September stattfinden und Investitions- und Partnerschaftsmöglichkeiten den Weg ebnen. Allerdings ist bisher keine Teilnahme von Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) an dieser Reise geplant, so die Auskunft eines Ministeriumssprechers an die Staatszeitung.
Namibia will Schlereth zufolge bis 2030 die Produktion von grünem Wasserstoff deutlich ausbauen und eine entsprechende Sonderwirtschaftszone einrichten. „Wir haben viel Sonne und hohe Windgeschwindigkeiten. Diese können den für die Elektrolyse nötigen Ökostrom liefern“, sagt Caroline Andjaba, Büroleiterin des namibischen Honorarkonsulats in München und Gattin von Martin Andjaba, ehemaliger Botschafter der Republik Namibia in Deutschland. Somit könne das Land auch den nötigen Rohstoff für das bayerische Wasserstoffanwenderzentrum in Pfeffenhausen (Landkreis Landshut) liefern. Es sei am Aufbau langfristiger Lieferbeziehungen sehr interessiert. „Außerdem verfügt es über Öl und Gas“, betont Andjaba. Damit könne Namibia ein verlässlicher Energielieferant werden – ohne Lieferkettenrisiko wie aktuell wegen des Iran-Krieges.
Grüner Wasserstoff
„Das Geschäftspotenzial für bayerische Unternehmen lässt sich nicht pauschal beziffern, da es stark von der jeweiligen Branche und der Ausrichtung des bayerischen Unternehmens abhängt“, sagt der Sprecher des bayerischen Wirtschaftsministeriums. Der namibische Binnenmarkt umfasst ihm zufolge circa 2,6 Millionen Einwohner, was den Absatzmarkt für Konsumgüter stark begrenzt. Das Land biete jedoch exzellente Voraussetzungen für den Ausbau erneuerbarer Energien und die Produktion von grünem Wasserstoff und Ammoniak. Perspektivisch werde dadurch die Ansiedlung energieintensiver Industrien wie die Produktion von grünem Stahl interessant. Hier gebe es bereits einige grüne Wasserstoffprojekte mit deutscher Beteiligung.
Das hat man zum Beispiel bei der von Robert Hopperdietzel gegründeten HopHydro Energy (Pty) Ltd. in Namibias Hauptstadt Windhoek schon erkannt. Der an der Universität Erlangen-Nürnberg promovierte Diplom-Ingenieur entwickelt mit der HopHydro grüne Wasserstoffprojekte in Namibia. So wird derzeit in Walvis Bay die Produktion von 500.000 Tonnen grünem Ammoniak pro Jahr aufgebaut. In der Region Erongo etabliert HopHydro derzeit eine grüne Grundlaststromversorgung mit 5 Gigawatt Leistung durch eine Kombination von erneuerbaren Energien (Wind und Sonne) mit Elektrolyseuren, Brennstoffzellen und Batteriespeichersystemen. Begonnen hat Hopperdietzel im Jahr 2010, als er die HopSol in Namibia gründete. Dieses Unternehmen entwickelte sich schnell zum Marktführer für Solarenergie in Namibia und errichtete die größten Solarparks des Landes.
Zu den bayerischen Pionieren in Namibia zählt auch die Bauer AG aus Schrobenhausen mit ihren Kompetenzen im Spezialtiefbau und Maschinenbau.
Gut ausgebaute Straßen
„Durch gut ausgebaute Häfen und Straßen positioniert sich Namibia auch zunehmend als Logistikdrehscheibe im südlichen Afrika“, sagt der Sprecher des bayerischen Wirtschaftsministeriums. Darüber hinaus verfüge Namibia über bedeutende Rohstoffvorkommen – insbesondere Uran, Diamanten, Kupfer, Zink und Gold – die für bayerische Unternehmen und Zulieferer im Bergbau und in der Weiterverarbeitung theoretisch von Interesse sein könnten. Bisher beläuft sich das bilaterale Handelsvolumen zwischen Bayern und Namibia auf 17,4 Millionen Euro (Stand 2025) und ist durchaus ausbaufähig.
Das hat laut Honorarkonsul Schlereth zum Beispiel schon Paulaner erkannt. Die Münchner Brauerei sei auf Expansionskurs und bereits in 80 Ländern aktiv. Paulaner denke langfristig und engagiere sich im Ausland nach einer ausführlichen Marktanalyse. Für den afrikanischen Raum (Südafrika und Namibia) arbeite Paulaner mit dem Partner Firebrand zusammen.
Namibia sei für Paulaner schon länger im Fokus und gelte als interessanter Markt, da dort Bedarf, Qualitätsbewusstsein und Aufgeschlossenheit für neue Produkte bestehe. Namibia biete eine stabile Demokratie, eine deutsche Community vor Ort und eine kulturelle Verbundenheit mit Deutschland. Ab September 2026 werde es Bier von Paulaner in größeren Supermärkten in der Region geben, und in Zukunft hat Paulaner auch vor, die Erlebnisse aus ihrem Markenkern, wie zum Beispiel die originale Oktoberfest-Experience aus München, den Menschen in der Region nahe zu bringen. Die ersten Container seien bereits unterwegs. Paulaner Regionaldirektor Alejandro Werner sagt: „Wir werden das Münchner Lebensgefühl und beste Qualität nach Namibia bringen.“
Doch nicht nur Unternehmen aus Bayern engagieren sich in Namibia. Der Motorradhersteller Baierkraft aus Eckernförde, der auch eine Niederlassung in Bayern unterhält, hat spezielle Maschinen entwickelt, die leicht zu reparieren sind und den Off-Road-Ansprüchen Namibias genügen. Torben Baier, der viele Jahre Projektmanager bei Audi war, hat Namibia zum primären afrikanischen Montagezentrum für seine Motorräder gemacht. „Das Ziel des Baierkraft-Engineeringteams war es immer, das ideale Motorrad für schwierige Regionen zu bauen. Ein Motorrad, das unter schweren Lasten, bei Hitze und Staub funktioniert, eine lange Lebensdauer hat und für viele Menschen in Namibia erschwinglich ist“, sagt Baier.
Die South Trade GmbH aus Hannover versorgt über den Großhandelsriesen Metro den Freistaat mit Rindfleisch aus Namibia. Das Premiumfleisch darf per Gesetz keine Wachstumshormone enthalten, betont Geschäftsführer Valentin Külbs. Dadurch unterscheide es sich deutlich von Rindfleisch aus den südamerikanischen Mercosur-Ländern. Namibia könne sich bei Qualität, Tierwohl und Aufzucht vom Rest der Welt absetzen, weil es über enorme Weideflächen verfügt. Die Tiere leben laut Külbs nur im Freien und fressen, was in der Natur wächst.
Auch der in Ulm ansässige Zementhersteller Schwenk hat im vergangenen Jahr ein Werk in Namibia eröffnet. In Otavi stellt das schwäbische Unternehmen, das auch mit vielen Baustoffwerken in Bayern vertreten ist, Zement für Namibia her.
Direktflüge ab München
Namibia dürfte aber auch für Reisende interessant sein. „Lufthansa bietet dreimal die Woche von München aus einen Direktflug nach Windhoek an“, sagt Tim Bendix Düysen, Marketingchef der Living Hotels. Er betont, dass Namibia die gleiche Uhrzeit wie Deutschland hat. Somit hätten auch Verlagerungen von Callcenter-Aufgaben nach Namibia beste Voraussetzungen. „Und viele sprechen Deutsch“, so Düysen. Das gekoppelt mit einer sehr hohen Rechtssicherheit macht Namibia seiner Ansicht nach zu einem perfekten Investitionsstandort für Deutschland. „Sie können dort mit Anwälten auf Deutsch verhandeln und ihr Geschäft aufbauen“, betont er.
Aber Namibia hat auch Herausforderungen. „Wir sind ein sehr trockenes Land und die Wasserversorgung, gerade in der Landwirtschaft, ist eine riesige Aufgabe, sodass wir Getreide züchten und Anbau betreiben können. Ohne Meerwasserentsalzungsanlagen läuft hier nichts“, sagt Honorarkonsulatsleiterin Andjaba. Auch die überdurchschnittlich vielen Arbeitslosen stellen ein Problem dar. Das liegt primär nicht an mangelnder Qualifikation, sondern an mangelnden Arbeitsplätzen, die es schlicht nicht in ausreichender Zahl gibt. Zudem gibt es auch keine duale Ausbildung wie in Deutschland. Dieses Ausbildungsangebot in Namibia zu etablieren, wäre ein Segen für das Land.
Andjaba betont auch, dass Namibia ein perfekter Firmenstandort ist, um die südafrikanischen Nachbarländer Angola, Botswana, Sambia, Simbabwe und nicht zuletzt Südafrika zu erschließen.
(Ralph Schweinfurth)
Info: BY-NAM Trade Mission 2026
Der Honorarkonsul von Namibia in Bayern leitet vom 14. bis 18. September 2026 eine Delegationsreise in das südafrikanische Land. Anmeldungen zur Teilnahme sind bis 15. Juli 2026 möglich.
E-Mail:
info@namibia-hc-munich.de
Telefon: 089/23701230
Informationen unter: https://www.namibia-hc-munich.de/by-nam-trade-mission
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