Wirtschaft

Jürgen Gros, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern, nimmt seine Kollegen bei den Volks- und Raiffeisenbanken in Schutz. (Foto: dpa/Carsten Hoefer)

20.11.2019

Neukunden abwehren

Wegen der Niedrigzinspolitik der EZB verlangen Banken Negativzinsen

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank hat nach Einschätzung des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB) paradoxe Folgen: Banken versuchen, mit Hilfe von Negativzinsen neue Kunden abzuwehren, die Geld anlegen wollen. GVB-Präsident Jürgen Gros nimmt seine Kollegen bei den Volks- und Raiffeisenbanken in Schutz: "Faktisch aber geht es darum, gegenüber Neukunden ein Signal zu setzen, deren Einlagen Kosten verursachen würden", sagte Gros der Deutschen Presse-Agentur.

Der aktuelle Anlass: Die Volks- und Raiffeisenbank im oberbayerischen Fürstenfeldbruck hat bundesweit Schlagzeilen gemacht, weil sie seit 1. Oktober Negativzinsen auf Tagesgeldkonten neuer Kunden erhebt, und zwar vom ersten Euro an. Nach Gros Angaben sollen damit keinesfalls die existierenden Kunden bestraft werden, im Gegenteil. "Unserem Kollegen in Fürstenfeldbruck ist wichtig, dass sie einen Schutz für die Bestandskunden erreichen", sagte der GVB-Präsident. Denn diese müssen keine Strafzinsen auf Tagesgeldkonten berappen. Üblich waren derlei Negativzinsen bisher nur bei größeren Sparguthaben über 100.000 Euro, hauptsächlich bei Geschäftskunden.

Massiver Passivüberhang

Gros erläuterte den Mechanismus, der hinter den Negativzinsen steht. "Volks-und Raiffeisenbanken verzeichnen in den vergangenen Jahren ein sehr großes Einlagenwachstum", sagte der Verbandschef. "Wir haben einen massiven Passivüberhang. Wenn eine Bank dieses Geld nicht in Krediten wieder ausreichen kann, muss sie es anlegen."

Die Anlagemöglichkeiten sind aber für Banken wegen der Niedrigzinspolitik ebenso wenig attraktiv wie für Privatkunden: "Die Anlagemöglichkeiten sind großenteils negativ verzinst, ob es Staatsanleihen sind, Unternehmensanleihen oder Einlagen bei der Europäischen Zentralbank zu einem Zinssatz von minus 0,5 Prozent, wenn sie die Freibeträge überschreiten", sagte Gros. "Sie haben als Bank lediglich die Wahl zwischen negativen Rentierlichkeiten."

Bestandskunden schützen

Und deswegen haben Banken kein Interesse an Kunden, die Einlagen bringen, im Gegenteil: "Es geht also darum, Geld von Neukunden abzuwehren und ausdrücklich die Bestandskunden zu schützen." Nach Gros' Angaben sind die Fürstenfeldbrucker Volksbanker sehr wahrscheinlich nicht die ersten, die bei neuen Tagesgeldkonten Negativzins auf kleine Guthaben verlangen: "Es gibt schon einige Banken, die das im Preis-Leistungs-Verzeichnis stehen haben."

Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) hat nach eigenen Angaben keinen Überblick, wie viele seiner Mitgliedsbanken derlei Regelungen bereits eingeführt haben. "Über Konditionen entscheidet in unserer dezentralen Bankengruppe immer jedes Haus eigenständig", erklärte eine Sprecherin.

Der Bundesverband rät den Kunden daher, ihre Anlagestrategie zu überprüfen, sich bei ihrer Bank beraten zu lassen und je nach Situation und Risikoneigung auch alternative Anlageformen wie Fonds in Betracht zu ziehen. "Denn Geld allein auf dem Tagesgeldkonto zu sparen ist bei dieser Zinssituation ohnehin nicht ideal", erklärte die Sprecherin in Berlin. Der Verband vertritt knapp 900 Genossenschaftsbanken in Deutschland.
(Carsten Hoefer, dpa)

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