Manchmal kann man nur den Kopf schütteln. Vergangenes Wochenende produzierten die PV-Anlagen in Deutschland einmal wieder so viel Ökostrom, dass dieser ins Ausland verschenkt werden musste, damit das heimische Stromnetz nicht zusammenbricht. Diese Stromabnahme lassen sich Energiekonzerne jenseits der Landesgrenze gut bezahlen, berichtete Bild. Zusätzlich zum Gratisstrom erhielten sie 48 Cent pro abgenommener Kilowattstunde. Denn am vergangenen Sonntag lag der negative Börsenpreis für Strom laut den EnergyCharts des in Freiburg ansässigen Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) bei diesen 48 Cent – in der Spitze.
Doch nicht nur Energieunternehmen im Ausland profitierten. Auch die deutschen Hersteller des überschüssigen Sonnenstroms kassierten. Sie erhielten bis zu 40 Cent je produzierter Kilowattstunde. Insgesamt wurden also 88 Cent pro Kilowattstunde für Strom gezahlt, den niemand nutzen konnte.
Vom Steuerzahler subventioniert
Damit die Absurdität noch ihre Spitze erreicht, muss man wissen, dass der von deutschen Steuerzahlern subventionierte PV-Strom zum Beispiel dankend von Österreich und der Schweiz abgenommen wird. Sie nutzen ihn für ihre Pumpspeicherwerke. Wenn in Deutschland dann wieder Strom gebraucht wird, können die ausländischen Pumpspeicherkraftwerksbetreiber ihn wieder für gutes Geld verkaufen.
Das zeigt laut einer Sprecherin des bayerischen Wirtschaftsministeriums, wie „wichtig, essenziell und entscheidend es ist, Flexibilitäts- und Speicherprojekte wie das Pumpspeicherprojekt Riedl voranzubringen.“ Dieses Projekt werde aktuell durch eine Klage des Bund Naturschutz blockiert.
„Bayern setzt sich bereits seit Langem bei der Bundesregierung für deutlich bessere und kluge Rahmenbedingungen ein. In diesem Zusammenhang brauchen wir endlich ein intelligentes Stromversorgungssystem“, sagt die Sprecherin der Staatszeitung. Dafür müssten einerseits bei den Verbrauchern endlich die intelligenten und damit steuerbaren Stromzähler schneller eingebaut werden. Andererseits müssten die Stromerzeugungsanlagen auf Basis erneuerbarer Energien stärker in den Markt integriert werden, um Anreize zu setzen, insbesondere in Zeiten hoher Nachfrage, Strom einzuspeisen. Dies kann aber nur geschehen, wenn es mehr Stromspeicher gibt.
Netzdienliche Speicher
Für Abhilfe sorgen bald die zum E.ON-Konzern aus Essen gehörende Bayernwerk Netz GmbH aus Regensburg und das Generalunternehmen Maxsolar aus Traunstein. Sie werden in Kürze in Wutzldorf (Landkreis Cham) den ersten netzdienlichen Speicher in Betrieb nehmen. Damit ist der Verteilnetzbetreiber Bayernwerk Netz GmbH Pionier in Deutschland. Mit einer Leistung von 5 Megawatt und einer Kapazität von 20 Megawattstunden wird der neue Speicher ans Mittelspannungsnetz angeschlossen. Er wird überschüssige Energie aus erneuerbaren Quellen wie Photovoltaik speichern und zeitversetzt wieder einspeisen.
Auch bei der N-Ergie Netz GmbH aus Nürnberg setzt man auf netzdienliche Großspeicher. Als einer der ersten Verteilnetzbetreiber Deutschlands hat sie den Betrieb eines solchen Großbatteriespeichers ausgeschrieben. Vor Kurzem erteilte der Verteilnetzbetreiber aus der Frankenmetropole den Zuschlag an Maxsolar aus Traunstein. Das oberbayerische Unternehmen wird in der zweiten Jahreshälfte bei Ansbach den ersten netzdienlichen Speicher im Netzgebiet der N-Ergie bauen. Der Großspeicher im Ansbacher Ortsteil Winterschneidbach soll eine Ein- und Ausspeicherleistung von 20 Megawatt haben. Die Gesamtkapazität soll sich auf 100 Megawattstunden belaufen. Es wird dann der bislang größte netzdienlich betriebene Batteriespeicher in Bayern sein.
Bei den Lechwerken (LEW) in Augsburg, die mit ihrer Tochterfirma LEW Verteilnetz (LVN) das Stromnetz in Bayerisch-Schwaben betreiben, will man einem Unternehmenssprecher zufolge nächstes Jahr fünf netzdienliche Batteriespeicher mit einer Gesamtleistung von 250 Megawatt anschließen. Diese Anschlüsse würden im Rahmen des Projekts dezentraler Netzbooster errichtet. Es sei ein gemeinsames Innovationsprojekt von Amprion, E.ON und LVN, um die Übertragungsnetzauslastung zu erhöhen. Durch großskalige Batteriespeicher werde die Netzstabilität im Höchstspannungsnetz gestärkt und Redispatch reduziert. Damit ermögliche der Netzbooster einen kurativen Netzbetrieb.
Das regionale Stromnetz entlasten
Wenn der Netzbooster nicht für die Stabilisierung des Übertragungsnetzes benötigt wird, ist laut dem LEW-Sprecher geplant, dass ihn die LVN auch nutzen kann, um das regionale Stromnetz zu entlasten. Darum werde der Netzbooster auch als Leuchtturmprojekt der Übertragungs- und der Verteilnetzbetreiber gehandelt. Es solle gezeigt werden, dass Batteriespeicher – konsequent am Bedarf des Stromnetzes ausgerichtet – einen wirksamen Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen der Energiewende leisten können. Im Unterschied zu rein marktorientierten Speicherbetriebsweisen, die sich an Strompreissignalen orientieren, stehe beim netzdienlichen Betrieb die Verantwortung für das gesamte Stromnetz im Vordergrund. Voraussetzung sei, dass Lade- und Entladeprozesse transparent, steuerbar und eng mit der Netzführung verzahnt erfolgen.
(Ralph Schweinfurth)
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