Wirtschaft

Michael Popp nimmt eine Tonsipret gegen den trockenen Hals. (Foto: Pelke)

15.03.2019

Oberpfälzer Gesundheitsunternehmen setzt auf Hanf

Bionorica konnte 2018 seinen Umsatz um knapp 14 Prozent auf über 330 Millionen Euro steigern

Als „eigenwilligen Unternehmer“ bezeichnet sich Michael Popp selbst. Mit dem Cannabis-Medikament „Dronabinol“ hat Popp „über ein Jahrzehnt“ Verluste gemacht. Zum Wohle vieler Schwerstkranker habe der Vorstand des heute nach eigenen Angaben weltweit führenden pflanzlichen Arzneimittelherstellers „Bionorica“ aus Neumarkt in der Oberpfalz weiter auf die medizinische Anwendung der einst als Hippie-Rauschkraut verschrienen Heilpflanze gesetzt.

Diese Eigenwilligkeit scheint sich für den Chef des 1933 in Nürnberg gegründeten Unternehmens nun besonders bei den Cannabis-Medizinprodukten auszuzahlen. Allein in Deutschland habe Bionorica im vergangenen Jahr rund 85 Prozent mehr Patienten mit dem THC-basierten Rezepturarzneimittel versorgen können, teilte das Unternehmen mit. Michael Popp, Vorstand und Enkelsohn des Firmengründers, rechnet fest mit einer Fortsetzung der Cannabis-Erfolgsgeschichte. Für 2019 erwartet das Unternehmen allein in Deutschland eine weitere „Dronabinol“-Absatzsteigerung in Höhe von knapp 70 Prozent auf dann bereits weit über 30.000 Patienten.

Medizinische Hanf-Produkte wie „Dronabinol“ helfen schwerstkranken Patienten beispielsweise während der Krebstherapie erwiesenermaßen unter anderem bei der Schmerzlinderung und Appetitanregung. Auf die sprichwörtliche Palme bringt Popp die Tatsache, dass immer noch ein Drittel aller „Dronabinol“-Anträge auf Kostenerstattung von den Krankenkassen abgelehnt würden. Popp spricht von einer „Erstattungslotterie“ bei der Cannabis-Medizin auf Rezept. Trotz der eindeutigen Rechtslage würden hierzulande immer noch zu viele Patientenanträge abgelehnt. Für die Betroffenen sei diese Praxis ein „totales Elend“.

Österreich gehe laut Popp bei der unbürokratischen Kostenübernahme mit gutem Beispiel voran. Überhaupt schwärmt Popp von der Innovationskraft der Alpenrepublik. Der dortige Bundeskanzler habe Popp kürzlich allein zweimal persönlich zum Gespräch gebeten. An der Donau hat man die einstigen Berührungsängste mit dem „Betäubungsmittel“ bereits hinter sich gelassen. Aus der Hauptstadt unseres südlichen Nachbarstaates kommen sogar die Hanfblüten für die Arzneimittelproduktion in der Oberpfalz. Tonnenweise muss das „Gras“ noch nicht nach Neumarkt gekarrt werden. Im letzten Jahr haben knapp 100 Kilogramm für die gesamte Produktion ausgereicht. Marihuana zum „Kiffen“ verkauft „Bionorica“ wie diese Zahlen zeigen also nicht. Das Unternehmen verweist stattdessen auf die bessere Dosierbarkeit und Verträglichkeit seiner THC-Tropfen. Bionorica rechnet in naher Zukunft mit einer Cannabis-Legalisierung. Bereits die nächste Bundesregierung, so glaubt man in Neumarkt, werde das Hanf auch hierzulande freigeben.

Patienten würden profitieren

Von einer Legalisierung würden auch die Patienten profitieren, ist Bionorica sicher. Schließlich könnten sich die aus der Hippie-Zeit bekannten „Freizeit-Konsumenten“ danach legal mit Hasch & Co. versorgen. Umgekehrt müssten die Krankenkassen nach der Hanf-Freigabe nicht mehr eine missbräuchliche Verschreibung des Rezept-Cannabis befürchten.

Genauso stur wie beim Cannabis hat sich Michael Popp übrigens lange Zeit geweigert, mit seiner Pflanzenmedizin in europäischen Spitzenmärkten wie Frankreich, Italien oder Spanien außerhalb der Apotheken als Nahrungsergänzungsmittel im Verkaufsregal auftreten zu müssen. Nicht ohne Stolz erinnert sich Popp daran, wie er die EU-Kommission deshalb sogar erfolgreich verklagt hat. Nach dem juristischen Triumph will Popp, der die Professorenwürde in Pharmazie nicht nur ehrenhalber tragen darf, nun auch rund um das Mittelmeer seine rezeptfreien Arzneimittel gegen Schnupfen, Husten und Co. über die Apotheken verkaufen. Besonders die Mallorca-Urlauber will Popp mit Sinupret & Co. beglücken. Auf der Ferieninsel produziert der Pflanzenexperte mit dem kahl rasierten Schädel ausgezeichnete Spitzenweine.

Den neuerlichen Rekordgewinn wird Popp also nicht nur in seine Finca in den südlichen Ausläufern der Tramuntana investieren. In Innsbruck baut Popp derzeit ein Forschungszentrum für Pflanzenmedizin auf. In den Firmensitz in der Oberpfalz will Popp in diesem Jahr erneut rund 20 Millionen Euro in die Erweiterung investieren. In Lateinamerika soll die globale Expansionsstrategie fortgesetzt werden. Mexiko soll dabei als Sprungbrett dienen.

Um die angelsächsischen Märkte will Popp weiterhin einen großen Bogen machen. Stattdessen laufen die Geschäfte mit Ländern wie Polen und Russland prima. Popp ist eben ein eigenwilliger Unternehmer, dem der Erfolg recht gibt.

In den letzten 15 Jahren konnte Bionorica seinen Umsatz mehr als verfünffachen. Neben dem Erfolg der Hanf-Medizin kann das Unternehmen auch aufgrund der anhaltenden Debatte um Antibiotika-Resistenzen wohl weiterhin auf eine stark steigende Nachfrage seiner pflanzlichen Präparate setzen.
(Nikolas Pelke)

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