Wirtschaft

Den Kreml und den Roten Platz kennt jeder. Doch Moskau besticht im Moscow International Business Center auch durch moderne Hochausarchitektur. (Foto: dpa)

02.06.2017

Peking und München bevorzugt

Die russische Wirtschaft orientiert sich neu

Russland blickt verstärkt nach Asien, nicht zuletzt als Folge der Sanktionen des Westens. Die russisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen haben sich, vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrise und Sanktionen, verschlechtert. Doch ein deutsches Bundesland wird in Moskau, sowohl im Kreml als auch in der Stadtregierung, sehr geschätzt: Bayern.

Winston Churchill sagte einst über Russland: „Russland ist ein Rätsel, innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium.“ Dieses Gefühl haben wohl auch einige internationale Ökonomen bei der Einschätzung der Lage in Russland. 2015 schrumpfte die russische Wirtschaftsleistung um fast vier Prozent und 2016 stagnierte das russische Bruttoinlandsprodukt. Doch über die Gründe für die Krise herrscht bei den Experten Uneinigkeit. Einige machen die westlichen Sanktionen gegen Russland verantwortlich, andere sehen den Hauptgrund in den gesunkenen Ölpreisen. Einzelne Ökonomen nennen vor allem innerrussische Ursachen, besonders das Ausbleiben von tiefgreifenden Reformen.


Auch bei den Wachstumsaussichten Russlands für 2017 liegen die Ökonomen zum Teil weit auseinander. Die Mehrheit erwartet ein Wachstum zwischen ein bis zwei Prozent. Der Ölpreis hat sich stabilisiert und die russische Wirtschaft hat sich mit den Sanktionen eingerichtet. Der Minister für internationale Beziehungen und Außenwirtschaft der Stadt Moskau, Sergey Cheremin, bewertete dies im Gespräch mit der Staatszeitung: „Ich habe den Eindruck, dass die westlichen Sanktionen seinerzeit die Funktion einer „kalten Dusche“ für die russische Wirtschaft erfüllt haben. So verzeichnet zum Beispiel die russische Landwirtschaft seit der Einführung der Sanktionen besonders starke Wachstumsraten.“

Gesunkener Rubelkurs


Der Pharmabranche nützt es, dass, aufgrund des gesunkenen Rubelkurses, sich viele Russen keine ausländischen Medikamente mehr leisten können. Und die Nahrungsmittelindustrie profitiert von den Gegensanktionen des Kremls. Stärker wirken sich die Sanktionen auf den Finanzdienstleistungssektor aus und Firmen, die stark auf westliches Kapital angewiesen sind. Cheremin: „Bei den Finanzsanktionen sind die Folgen deutlicher spürbar. Dies betrifft besonders die ausbleibenden Kredite US-amerikanischer Banken an russische Unternehmen.“

Der deutsch-russische Handel hat unter den Sanktionen gelitten. Cheremin: „Natürlich haben die Sanktionen einen negativen Einfluss auf die Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und Deutschland. Wenn in 2014 das Handelsvolumen zwischen unseren Ländern etwa 80 Milliarden Euro betrug, so ist es Ende 2016 auf nur noch 48 Milliarden Euro gesunken.“ Allerdings sieht Cheremin mehr Nachteile für die deutsche Seite: „Die Lücken, die durch den Rückzug deutscher Unternehmen aus bestimmten Marktsegmenten entstehen, können und werden sofort durch unsere asiatischen Partner ausgefüllt.“ China ist schon seit einigen Jahren wichtigster Handelspartner Russlands und hat seine Position seit der Einführung der westlichen Sanktionen ausgebaut. Auch der Handel Russlands mit anderen asiatischen Ländern, wie Südkorea und Indien, wächst stark.

Großes Wohlwollen


Während die Politik der Bundesregierung in Russland oft kritisch gesehen wird, stößt ein deutsches Bundesland auf großes Wohlwollen: Bayern. So sagte Wladimir Putin im März 2017 beim Besuch von Ministerpräsident Seehofer im Kreml: „Liebe Freunde, was den Handel angeht, rangiert Bayern natürlich auf dem ersten Platz unter den Bundesländern.“ 2016 ist der Handel zwischen Bayern und Russland sogar um vier Prozent gewachsen, während der Handel mit den übrigen Bundesländern um knapp fünf Prozent zurückging. Von der Stadt Moskau wird das Engagement bayerischer Firmen gewürdigt.

Cheremin: „Was die wirtschaftliche Kooperation zwischen Moskau und Bayern angeht, so möchte ich betonen, dass kein einziges großes bayerisches Unternehmen den russischen Markt verlassen hat.“
Ebenso wird von Moskauer Seite die Kritik der Landesregierung und der bayerischen Wirtschaft an den Sanktionen gegen Russland geschätzt. Es ist ein Vorteil, dass Bayern nicht nur gute Kontakte zu Putin hat, sondern auch zur Moskauer Stadtregierung. Denn Moskau kommt für die russische Wirtschaft eine besonders große Bedeutung zu. Cheremin: „Der Anteil Moskaus am Bruttoinlandsprodukt Russlands beträgt etwa 20 Prozent, am gesamten Einzelhandel etwa 30 Prozent.“ Im Gegensatz zu vielen anderen Regionen Russlands quellen die Geldtöpfe der Stadt über. 2016 nahm Moskau umgerechnet 29 Milliarden Euro ein und erzielte einen Überschuss von 1,8 Milliarden Euro. Unter dem Moskauer Bürgermeister Sobjanin, seit 2010 im Amt, wird ein groß angelegtes Infrastrukturprogramm durchgeführt. Die Metro wurde ausgebaut, neue Grünanlagen angelegt und Radwege geschaffen. Zugleich wurden die Investitionsbedingungen in und um Moskau verbessert, zum Beispiel durch die Einrichtung von steuerbegünstigten Sonderwirtschaftszonen und Technoparks.

Der bayerischen Wirtschaft bieten sich durch den beginnenden Wiederaufschwung in Russland gute Möglichkeiten im Handel mit dem Riesenreich. Es ist spannend, ob es gelingen wird, verlorene Marktanteile von den Asiaten zurückzugewinnen.
(Mathias von Hofen)

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