Wirtschaft

Marian Rappl rückte bei den Bayerischen Energie- und Wassertagen 2026 in Regensburg das Thema Resilienz in den Fokus. (Foto: VBEW)

24.07.2026

"Personal ist ein entscheidender Sicherheitsfaktor"

Marian Rappl, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft, über die Resilienz kritischer Infrastrukturen

Ausspäh- und Spionageaktivitäten nehmen in Bayern und Deutschland zu. Gleichzeitig gibt es immer wieder Anschläge auf die Stromversorgung. Der Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW) hat klare Forderungen, um dieser Bedrohung zu begegnen.

BSZ: Herr Rappl, bei den Bayerischen Energie- und Wassertagen 2026 in Regensburg war das Thema Resilienz ein Schwerpunkt. Warum ist Resilienz so zentral?
Marian Rappl: Das Thema Resilienz ist wichtiger denn je, weil sich die Welt um uns herum verändert hat. Und zwar spürbar. Wir leben in einer Zeit hybrider Bedrohungen, geopolitischer Spannungen und einer dramatisch gesunkenen Hemmschwelle zur Gewalt. Die Brandanschläge auf Strommasten bei Garching im Mai 2026, die Vorfälle in Berlin und zuletzt in Reutlingen sind keine fernen Warnsignale mehr, sondern konkrete Belege dafür, dass unsere Versorgungsinfrastruktur ganz gezielt angegriffen wird. Und ehrlich gesagt: Das sind nur die öffentlich bekannten Fälle. Für mich persönlich ist das ein Weckruf, denn wir sprechen hier nicht über irgendeine Branche, sondern über die Lebensadern unseres Landes. Denn ohne Strom, Gas, Wärme und Wasser funktioniert weder ein Krankenhaus noch eine Leitstelle, keine Industrie und letztlich kein Alltag. Wer diese Systeme angreift, greift unser Gemeinwesen an. Deshalb muss Resilienz jetzt ins Zentrum staatlicher Vorsorge und nicht erst nach dem nächsten schweren Vorfall.

BSZ: Bereits vor der Tagung hat der VBEW einen Sicherheitspakt zum Schutz der kritischen Infrastruktur im Freistaat vorgeschlagen. Was beinhaltet dieser? 
Rappl: Der Sicherheitspakt Bayern ist unser Angebot an den Freistaat, den Schutz kritischer Infrastruktur aus der reinen Reaktion in eine echte, gemeinsame Vorsorge zu überführen. Er ruht auf sechs Elementen: erstens einer zentralen staatlichen Koordinierung mit dem VBEW als fester Schnittstelle zur Energie- und Wasserwirtschaft, zweitens einem institutionalisierten, vertraulichen Austausch zwischen Ministerien, Sicherheitsbehörden und Versorgern, drittens einer mehrstufigen Struktur mit starker Landesebene und regionalen Sicherheitsnetzwerken, viertens klaren Zuständigkeiten zwischen Bund, Land, Kommunen und Unternehmen, fünftens einem konsequent sektorenübergreifenden Ansatz – Energie, Wasser, Telekommunikation und Verwaltung hängen real zusammen – und sechstens einem verlässlichen ordnungsrechtlichen und finanziellen Rahmen. Kurz gesagt: Der Pakt ist kein Symbolprojekt, sondern ein konkretes Sicherheitsbekenntnis von Staat und Betreibern an die Menschen in unserem Land.

Schutz strategisch weiterentwickeln

BSZ: Kürzlich fand im Juni dazu ein Runder Tisch im Wirtschafts- und Innenministerium statt. Was wurde besprochen?
Rappl: Wirtschaftsminister Aiwanger und Innenminister Herrmann haben Vertreterinnen und Vertreter der Energiewirtschaft, des Katastrophenschutzes, der kommunalen Spitzenverbände sowie der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie an einen Runden Tisch geholt. Ziel war es, den Schutz kritischer Energieinfrastrukturen strategisch weiterzuentwickeln und die Zusammenarbeit aller Akteure enger zu verzahnen – vor dem Hintergrund des im März verabschiedeten KRITIS-Dachgesetzes und der noch folgenden nationalen Resilienzstrategie. Für den VBEW war das ein wichtiger Moment: Wir haben unsere fünf zentralen Problemfelder klar benannt: zu hohe Transparenz sensibler Daten, unklare Zuständigkeiten im Krisenfall, fehlende operative Einbindung der Sicherheitsbehörden, Vorrang der Versorgungssicherung vor Bürokratie und der Bedarf eines belastbaren Finanzierungsrahmens. Daraus abgeleitet haben wir dann unseren Vorschlag für einen Sicherheitspakt Bayern eingebracht. Wichtig ist jetzt, dass aus dem guten Gespräch verbindliche Strukturen werden. Und daran arbeiten wir gerade schon sehr konkret.

BSZ: Wie kann man Stromleitungen, Strommasten, Umspannwerke, Wasserleitungen, Wasserwerke und sonstige Anlagen, die der Strom- und Wasserversorgung dienen, besser vor Anschlägen schützen?
Rappl: Hier gilt es, ehrlich zu sein: Einen 100-prozentigen Schutz von Anlagen gibt es nicht. Es wäre falsch, der Bevölkerung etwas anderes vorzu-gaukeln. Wir können nicht mehrere Zehntausend Kilometer leitungsgebundene Infrastruktur wie einen Hochsicherheitstrakt umzäunen. Deshalb setzen wir auf zwei Stoßrichtungen mit effizienter Ressourcenallokation: Prävention, wo sie wirksam und verhältnismäßig ist, etwa durch physische Sicherung besonders sensibler Knoten wie Umspannwerke und Wasserwerke, durch IT-Sicherheit, Videoüberwachung, Zutrittskontrollen und geschützte Kommunikation. Und Reaktionsfähigkeit dort, wo Prävention an Grenzen stößt. Ich spreche hier von Redundanzen, Ersatzteilbevorratung, geübten Notfallprozessen und schnellem Wiederaufbau. Genau das haben wir nach Garching erlebt: Innerhalb kürzester Zeit stand ein Provisorium, die Versorgung war wiederhergestellt. Unsere Mitgliedsunternehmen investieren seit Jahren massiv in genau diese Robustheit. Aber wo gezielte Sabotage im Raum steht, brauchen wir den Schulterschluss mit den Sicherheitsbehörden: mit gemeinsamen Lagebildern, abgestimmten Schutzkonzepten und klarer Rollenverteilung. Denn Objektschutz in besonderen Lagen ist eben auch eine hoheitliche Aufgabe.

Drohnen abschießen, ist hoheitliche Aufgabe des Staates

BSZ: Bis die Polizei vor Ort ist, dauert es immer eine gewisse Zeit. Sollten Mitarbeiter der Energieversorgungsunternehmen die Erlaubnis erhalten, Drohnen, die über Strom- und Wasserversorgungsanlagen kreisen, abschießen zu dürfen? 
Rappl: Der Abschuss oder die Abwehr von Drohnen ist rechtlich eindeutig eine hoheitliche Aufgabe des Staates. Und das muss auch so bleiben. Es kann und darf nicht Aufgabe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Energie- und Wasserversorger sein, mit potenziell tödlicher Wirkung gegen unbekannte Flugobjekte vorzugehen. Was wir aber dringend brauchen, ist genau das, was wir am Runden Tisch gefordert haben: klar geregelte Zuständigkeiten und schnelle, praktikable Eingriffsketten. Wer führt, wer schützt, wer entscheidet, wer darf was anordnen? Und vor allem: Wie kommt die Polizei oder eine andere zuständige Stelle im Ernstfall schnell genug ans Objekt? Die Bedrohung aus der Luft ist eine neue Dimension, auf die Staat und Betreiber gemeinsam eine Antwort finden müssen, mit abgestimmten Detektions- und Meldeketten, klaren Alarmierungswegen und einer verlässlichen Einsatzunterstützung durch die Sicherheitsbehörden. Aber die Verantwortung für die Abwehr selbst gehört in staatliche Hände.

BSZ: Das Personal ist ein entscheidender Sicherheitsfaktor. Was können die Energie- und Wasserversorger unternehmen, damit sich keine Spione in ihre Reihen einschleichen?
Rappl: Dass das Personal ein entscheidender Sicherheitsfaktor ist, ist tatsächlich ein Thema. Wir sehen aktuell massiv verstärkte Spionage- und Ausspähaktivitäten, auch gezielt gegen kritische Infrastrukturen. Und die ehrliche Wahrheit ist: Die beste physische Sicherung nützt wenig, wenn jemand mit legitimem Zugang von innen agiert. Unsere Mitgliedsunternehmen tun bereits sehr viel: von Zutritts- und Berechtigungskonzepten über das Vieraugenprinzip in sicherheitsrelevanten Bereichen bis hin zu Schulungen, Awareness-Programmen und klaren Meldewegen. Aber wir stoßen an eine Grenze, die wir alleine nicht überwinden können: Für die Sicherheitsüberprüfung von Personal in sicherheitsrelevanten Bereichen sind die rechtlichen Möglichkeiten heute zu eng und die Verfahren zu langwierig. Wir brauchen hier vom Gesetzgeber klare, praxistaugliche Regelungen, vergleichbar mit dem, was in anderen sicherheitsrelevanten Branchen längst Standard ist. Zugespitzt gesagt: Wer verantwortlich für die Versorgung von Millionen Menschen ist, muss auch die rechtlichen Instrumente haben, seine Belegschaft in besonders sensiblen Positionen verlässlich prüfen zu lassen.

BSZ: Was müsste sonst noch geändert werden? 
Rappl: Ein Punkt, der viel zu wenig diskutiert wird: Wir machen es potenziellen Angreifern zu leicht. Durch eine Vielzahl gesetzlicher, regulatorischer und europäischer Vorgaben entsteht in der Summe ein Offenlegungsgrad kritischer Infrastruktur, der sicherheitspolitisch hochproblematisch ist. Standorte, Strukturen, technische Details, sensible Geodaten – vieles davon ist heute frei zugänglich. Wer das alles offenlegt, liefert Angreifern die Blaupause frei Haus. Wir brauchen deshalb eine sicherheitspolitische Neubewertung der Transparenzpflichten und einen konsequenten Umgang mit sensiblen Informationen. Dass das schnell geht, wenn der politische Wille da ist, hat das bayerische Wirtschaftsministerium gezeigt, als es kurzfristig das Stromnetz aus dem Energieatlas Bayern entfernt hat. Das war ein wichtiges und richtiges Signal. Und noch ein Punkt liegt mir am Herzen: Im Krisenfall muss die Versorgung Vorrang haben vor Bürokratie. Zugespitzt gesagt: Im Zweifel geht Leben retten und Chaos verhindern vor Einhaltung der Datenschutz-Grundverordnung. Wer Resilienz will, muss sie ermöglichen – rechtlich, organisatorisch und finanziell. Der VBEW ist mit seinen 420 Mitgliedsunternehmen bereit, diesen Weg mit Staat und Politik gemeinsam zu gehen.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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