Wirtschaft

Rund ums Auto entsteht in Bayern pro Jahr eine Wertschöpfung von gut 40 Milliarden Euro. (Foto: dpa)

28.09.2018

Strukturvorsprung von zehn Jahren nutzen

Zwei Studien der vbw bescheinigen dem Automobilstandort Bayern eine rosige Zukunft – sofern die politischen Weichen richtig gestellt werden

Sei es die Unterhaltungselektronik, die Textilindustrie, oder die Stahlproduktion – stets verlor Deutschland extrem hohe Wertschöpfungsanteile an asiatische Unternehmen. Jetzt droht das gleiche Schicksal in Sachen E-Auto und automatisiertem Fahren. Das Reich der Mitte ist hier der größte Treiber. Dies lässt sich schon am 240 Millionen Euro schweren Investment des chinesischen Batteriezellen-Herstellers CATL im Gewerbegebiet „Erfurter Kreuz“ in Thüringen ablesen. Allein BMW will CATL für vier Milliarden Euro Batterien für seine E-Autos abkaufen. Da kann man sich um den Automobilstandort Bayern nur Sorgen machen. Über 340.000 Arbeitsplätze hängen im Freistaat von Herstellern und Zulieferern ab.

Doch so trüb sind die Aussichten gar nicht, wie jetzt zwei Studien im Auftrag der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. zeigen. Deutschlands „Autopapst“ Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen sieht lediglich die Umsätze bei zwölf Prozent der Unternehmen aus dem bayerischen Automobilsektor gefährdet. Sie produzieren Motoren, Kupplungen, Getriebe oder Teile hierfür.

Ab 2030 keine Verbrenner mehr


In seinem Szenario geht Düdenhöffer davon aus, dass ab dem Jahr 2030 keine Pkw und keine leichten Nutzfahrzeuge mehr mit Verbrennungsmotoren hergestellt werden. Entsprechende Emissionsvorgaben auf EU-Ebene würden zu diesem Ausstieg führen.

Dann breche das Geschäftsfeld aber nicht abrupt weg. Denn für die bis 2030 noch produzierten Verbrenner müssten weiterhin Ersatzteile hergestellt werden. Das sichere den Unternehmen in diesem Bereich noch Geschäftsvolumen bis mindestens ins Jahr 2050.

Insgesamt geht Dudenhöffer von einem weltweiten Anstieg des Umsatzvolumens im Fahrzeugmarkt von 235 Milliarden Euro in 2016 auf 260 Milliarden Euro in 2030 aus. Doch bis 2040 werde sich das Volumen wegen des Wegfalls der Verbrennerproduktion um 40 Milliarden Euro reduzieren. Das bedeute für die Beschäftigungslage im bayerischen Automobilsektor einen Anstieg im gleichen Zeitraum von rund 130.000 auf 145.000 Arbeitnehmer in 2030 und eine Reduktion um 14 Prozent auf 125.000 Beschäftigte in 2040.

Nachholbedarf bei Batterietechnologie


Allein die Wertschöpfung im Bereich Batterie wird laut Dudenhöffer von rund 6,4 Milliarden Euro in 2016 auf etwa 858,9 Milliarden Euro in 2040 steigen. Aber lediglich sechs Prozent der bayerischen Firmen seien in Sachen Batterietechnologie engagiert und nur weitere fünf Prozent würden dort aktiv werden wollen.

Im ebenfalls strategisch wichtigen Feld des Thermomanagements sind laut Dudenhöffer nur fünf Prozent der bayerischen Unternehmen engagiert. Dabei sei die Temperaturregulierung entscheidend für die Energieleistung der Batterien und damit die Reichweite der E-Autos.

Auch Karl Lichtblau, Geschäftsführer der IW Consult aus Köln, hat eine Studie für die bayerische Automobil- und Zulieferindustrie erarbeitet. Er sieht für das Jahr 2030 noch 40 Prozent Verbrenner, aber 40 Prozent Hybridautos und 20 Prozent reine E-Autos. Lichtblau geht von einem Wachstum des globalen Fahrzeugmarkts aus. Waren 2016 weltweit rund 90 Millionen Autos unterwegs, werden es 2030 etwa 116 Millionen sein. Daraus resultiere ein Marktvolumen von zirka 125 Milliarden Euro für den Automobilcluster Bayern. Dieses würde bis 2030 auf 223 Milliarden Euro steigen.

Bayerns Unternehmen im Vorteil


Weil die Unternehmen im Freistaat sich schon intensiv um die Zukunftsfelder Elektrifizierung, Automatisierung und Vernetzung kümmerten, hätten sie einen Strukturvorteil. Im ebenfalls stark Autoindustrie getriebenen Saarland gebe es diesen Vorteil nicht. Dort würde immer noch der Verbrennungsmotor im Fokus stehen.

Aufgrund der guten Ausgangslage für Bayern müssen Politik und Unternehmen alles daran setzen, den Strukturvorsprung von zehn Jahren zu nutzen. Denn der Verbrennungsmotor sichere den Unternehmen im bayerischen Automobilcluster nur noch für die nächste Dekade ihre Zukunft. Jetzt gilt es also, die von Lichtblau skizzierten Zukunftsfelder intensiv zu beackern. um im weltweiten Wettbewerb bestehen zu können.

„Die Automobil- und ihre Zulieferindustrie sind für Bayern von essenzieller Bedeutung. Damit der Freistaat weltweit Leitregion für das Automobil bleibt, müssen wir den Wandel bei den Antriebstechnologien als Innovationsführer aktiv gestalten. Außerdem müssen Fahrverbote unbedingt unterbleiben. Der Weg zu einer emissionsarmen Mobilität führt nicht über Quoten und Verbote, sondern über innovationsfreundliche Rahmenbedingungen – etwa für die Elektromobilität oder das autonome Fahren“, so vbw-Präsident Alfred Gaffal.

Vor allem im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) gibt es noch Nachholfbedarf für Bayern. Denn derzeit haben Kaiserslautern, Saarbrücken und Teile Nordrhein-Westfalens bei KI die Nase vorn. Zwar hat Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erst vor Kurzem mit Unternehmen, Wirtschaftsverbänden und der IG Metall den Autopakt Bayern geschlossen, doch in Sachen KI muss die sonst so ambitionierte Forschung im Freistaat noch etwas an Flughöhe gewinnen.
(Ralph Schweinfurth)

Auto-Cluster Bayern

Die Bedeutung der Automobilindustrie für Bayern ist noch größer, als es die Statistik vermuten lässt. Das bayerische „Auto-Cluster“ steht für einen Produktionswert von 125,4 Milliarden Euro und für eine Wertschöpfung von gut 40 Milliarden Euro – das sind rund acht Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung der bayerischen Wirtschaft – und rund 340.000 Erwerbstätige. Jeder Euro Wertschöpfung im Auto-Cluster Bayern erzeugt außerdem 1,57 Euro an anderer Stelle im Wirtschaftskreislauf. Von diesem Effekt bleiben drei Viertel in Bayern. Und es entstehen zusätzliche Arbeitsplätze: Insgesamt hängt im Freistaat jeder 15. Arbeitsplatz direkt oder indirekt am Auto-Cluster. (ibw)

 

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