Wirtschaft

Droht das Aus für Wirecard? (Foto: dpa/Tobias Hase)

30.06.2020

Ungewiss, ob Betrieb eingestellt werden muss

Wirecard-Kollaps würde Handel nicht in größerem Ausmaß treffen

Ein Ende des Betriebs bei dem von einem Bilanzskandal erschütterten Zahldienstleister Wirecard würde den deutschen Einzelhandel wohl nicht in größerem Ausmaß treffen. Das seit Montag unter Regie des vorläufigen Insolvenzverwalters stehende Unternehmen hat nach Daten des Handelsforschungsinstituts EHI Retail Institute nur einen relativ geringen Marktanteil bei Kreditkartenzahlungen.

Für die Girocard als meist genutztes bargeldloses Zahlungsmittel habe Wirecard keine Netzbetreiberlizenz, sagte Horst Rüter, Leiter des Forschungsbereichs Zahlungssysteme und Mitglied der Geschäftsleitung. Auch bei elektronischen Lastschriftverfahren sei Wirecard nicht vertreten, sagte Rüter am Dienstag auf Anfrage.

Zahlungen per Kreditkarte dagegen laufen durchaus über Wirecard. Doch spielen Kreditkarten laut EHI bei den Zahlungsarten im Einzelhandel mit einem Anteil von 7,6 Prozent eine untergeordnete Rolle - und Wirecard hat in dieser Hinsicht ohnehin keine dominante Rolle.

Nicht unter den größten Anbietern

"Wirecard ist nicht unter den größten Anbietern", sagte Rüter. "Der Anteil von Wirecard ist deutlich unter fünf Prozent." Mehrere Konkurrenten sind demnach deutlich größer, darunter Concardis, Payone und Wordline. Insolvenz beantragt hat bisher die Muttergesellschaft Wirecard AG, ausgenommen bleiben soll die Wirecard-Bank.

"Sowohl größere als auch kleinere Händler sind Kunden bei Wirecard", schrieb Birgit Janik, Leiterin Steuern, Finanzen und Controlling beim E-Commerce-Verband BEVH, in ihrer Antwort auf eine dpa-Anfrage. Demnach zieht der Insolvenzantrag von Wirecard im Handel Fragen und Herausforderungen nach sich - insbesondere für den Fall, dass der Insolvenzantrag mangels Masse abgelehnt werden sollte. "In diesem Fall haben die Händler keinen Vertragspartner mehr für den Zahlungsverkehr und die vereinbarten Zahlarten."

Im Gegensatz zum stationären Handel sei es im Onlinehandel häufiger üblich, mit mehreren Zahlungsdienstleistern zusammenzuarbeiten. "Auch die Umstellung auf einen anderen Dienstleister kann sehr kurzfristig erfolgen", schrieb Janik auf Anfrage.

Ungewisse Zukunft

Die Zukunft von Wirecard ist ungewiss, seit der Vorstand vergangene Woche Insolvenz beantragte - und meldete, dass "die Fortführbarkeit des Unternehmens nicht sichergestellt" sei. Der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé prüft im Auftrag des Münchner Amtsgerichts die Lage. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg hat das Unternehmen seiner Belegschaft in Deutschland die Junigehälter nicht gezahlt, eine Bestätigung dafür gab es nicht. Bei Firmenpleiten können die Mitarbeiter nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens Insolvenzgeld beantragen.

In Großbritannien hatte die Finanzaufsicht FCA vergangene Woche die dortige Wirecard-Tochter Card Solutions stillgelegt. Folge war, dass Tausende Briten ihre Finanz-Apps nicht mehr nutzen konnten, weil die dahinter stehenden Kreditkartenzahlungen über Wirecard liefen. Die FCA hob die Sperre am Dienstag wieder auf.

Derweil gibt es Auflösungserscheinungen im Konzern. Die US-Tochtergesellschaft sucht auf eigene Faust einen Investor, wie das US-Unternehmen mitteilte. "Wirecard North America ist eine selbsttragende Einheit, die weitgehend autonom von Wirecard ist." Im Wirecard-Geschäftsbericht 2018 ist die US-Gesellschaft allerdings als hundertprozentige Tochter der deutschen Konzernmutter aufgeführt.

Staatsregierung soll Auskunft geben

Im heimischen Bayern forderten FDP und Grüne Auskunft von der Staatsregierung über Geschäftsbeziehungen zwischen Wirecard und dem Freistaat und den möglichen Auswirkungen des Skandals. Laut bayerischem Wirtschaftsministerium halfen Mitarbeiter des Wirecard-Callcenters bei der Digitalisierung von Corona-Soforthilfeanträgen. Dieses Projekt ist demnach jedoch mittlerweile beendet. "Das Wirtschaftsministerium hat keine weiteren Geschäftsbeziehungen zu Wirecard", erklärte ein Sprecher.
(Carsten Hoefer, dpa)

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